Nr. 27/2007 vom 05.07.2007

Vom finsteren Fussball

Von Pascal Claude

«Bei Spielen im Osten, in Neuruppin, Eisenhüttenstadt oder Rathenow, hatten wir das Gefühl, die Leute würden nur ins Stadion strömen, um einmal lebende Türken zu bestaunen. Wir kamen uns vor wie Affen im Zoo. Ich habe es so empfunden, als würden sich die Leute gern in diesen Hass hineinsteigern.» Fatih Aslan ist Fussballer beim Berliner Viertligisten Türkiyemspor. Zusammen mit Tuvia Schlesinger vom jüdisch geprägten Klub Makkabi Berlin erzählt er vom (ost)deutschen Fussballalltag abseits von Kameras und öffentlicher Empörung. Seit Jahren sehen sich Aslan und Schlesinger mit rechtsextremen ZuschauerInnen, feindseligen Gegenspielern und Schiedsrichtern, die wegschauen, konfrontiert. Proteste gegen die Anfeindungen laufen ins Leere, den Opfern wird Selbstmitleid und Nörgelei vorgeworfen.

Das Gespräch ist nachzulesen in Ronny Blaschkes Buch «Im Schatten des Spiels. Rassismus und Randale im Fussball». Blaschke ist für seine Arbeit ein Jahr lang gereist, hat zahlreiche Leute getroffen, Interviews geführt, Stadien besucht. Von den Problemen holländischer Fanarbeiter über den verheerenden Hooliganismus in Polen bis zu den mafiösen Strukturen der Fanszene der Boca Juniors beleuchtet Blaschke Formen von Diskriminierung, Einschüchterung, Repression, Gewalt und Gegengewalt. Vom szenekundigen Beamten der Polizei (SKB) zum Kreisliga-Schiedsrichter Heinrich Schneider kommen dabei Menschen zu Wort, die im allgemeinen Lärm um die Sicherheit im Fussball vergessen gehen. Was sie zu sagen haben, macht «Im Schatten des Spiels» erst wertvoll. Und es entschädigt für Ungenauigkeiten wie die «Chronologie der Gewalt» am Ende des Buches, die einmal mehr Tragödien wie den Tribünenbrand von Bradford unter demselben irreleitenden Titel führt wie den Angriff auf den Polizisten Daniel Nivel an der WM 1998 oder die Ermordung zweier Leeds-Fans in Istanbul im April 2000.

Der erst 26-jährige Rostocker Blaschke schreibt seit seinem 17. Lebensjahr über Fussball. Die Faszination für Gewalt, die andern Autoren von «Hooliganbüchern» wie etwa dem Amerikaner Bill Buford («Among the Thugs») oft zum Vorwurf gemacht wird, stellt er in Abrede. Als Student der Sportwissenschaften hätten ihn Menschen einfach stärker interessiert als moderne Trainingsmethoden oder Eins-zu-null-Ergebnisse, sagt Blaschke am Telefon. Sein Buch liest sich locker, Blaschke ist kein Freund des Nebensatzes. Er hat bei seiner Recherche nach journalistischen Kriterien gearbeitet, weshalb er auch die Kritik des Fanforschers Gunter A. Pilz nicht gelten lässt: «Pilz wirft mir vor, das Buch sei zu populärwissenschaftlich. Doch darum geht es nicht. Experten werden darin nichts Neues finden. Ich wollte ein Buch schreiben für Leute, die sich einen Überblick verschaffen wollen.» Diesem Anspruch wird «Im Schatten des Spiels» gerecht, wenngleich Blaschke einräumt, dass die Auswahl der Themen und Länder auch anders hätte ausfallen können: «Über die Ultras Sur von Real Madrid hätte ich gerne was geschrieben, ebenso über die Situation in Belgrad oder Moskau. Doch irgendwann musste Schluss sein.»

Zum Schweizer Fussball fällt Blaschke, der als freier Autor auch regelmässig für die NZZ schreibt, kaum etwas ein. Der Platzsturm nach dem Meisterschaftsfinale in Basel im Mai 2006 sei deutschen Medien nicht mehr als eine Agenturmeldung wert gewesen. Wie sich Innen- und Aussenwahrnehmung widersprechen, hat Blaschke während der Arbeit für sein Buch verschiedentlich erlebt: «Was in Rom alles zugelassen wird, wie sich dort die Polizei versteckt, ist schon grenzwertig. Und die Situation in Argentinien ist teilweise schlicht beängstigend. Da geht zuweilen wirklich die Welt unter, während in Deutschland bei jedem Böller die totale Hysterie ausbricht.»

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