Nr. 45/2008 vom 06.11.2008

Im liabn Haiderland

Eine Reise in den südöstlichen Teil Österreichs, wo der Wein schmeckt und ein Drittel der Bevölkerung rechtspopulistische Parteien wählt.

Von Tina Veihelmann

Graz ist eine schöne Stadt. Das liegt an der Mur, die schnell wie ein Gebirgsbach durch die Stadt braust, an den Hügeln und steilen Hängen, an den Häusern mit den roten Dächern, deren Ziegel 500 Jahre alt sein sollen, und an den Wochenmärkten, auf denen es rote Äpfel, Kernöl und gewaltige Bergkäse zu kaufen gibt. Und die Marktfrauen sehen aus, als würden sie seit mindestens 500 Jahren nichts anderes tun, als ihre schönen ungespritzten Äpfel lächelnd über den Tisch zu reichen und zu sagen: bitte schön. Die ÖsterreicherInnen sagen «lieb», im Heimatklang «liab», wenn sie ausdrücken wollen, dass ein ganzes Arrangement von Dingen - die schöne Stadt, die schönen Äpfel, die freundlichen Marktfrauen - eine angenehme Atmosphäre verströmt. Das österreichische «lieb» ist nicht gleichbedeutend mit dem deutschen Wort, es meint etwas Umfassenderes. Und die ÖsterreicherInnen nehmen es gern für sich in Anspruch, dieses «liab». Für sich, ihr Land, ihre Nachsicht, ihre Gemütlichkeit. Es ist schwer, zuzuordnen, was gemeint ist - ob es um Menschen geht, um Geografie oder ein Fluidum. Es ist etwas Verschwommenes, so wie der Dunst, der oft über Graz liegt.

Wenn der Dunst sich auflöst, ist es, als zöge jemand einen Vorhang beiseite und präsentierte mit einer Fanfare einen Höhepunkt, auf den alle lang gewartet haben. Berge. Nach drei Himmelsrichtungen. Mit grünen Faltenwürfen in den niederen Lagen, manche mit weissen Kronen. Wer Graz verstehen will, muss im Oktober in die Steiermark fahren, denn dann feiert die städtische Bevölkerung an den Weinhängen ein Fest, das länger als eine Hochzeit dauert.

Die berauschende Ländlichkeit

Wochenende für Wochenende lebt das eigentliche Graz nicht in der Stadt, sondern in den Weinbergen, die sich bis auf die Passhöhen ziehen. Die einen kurven mit ihren Autos über die Serpentinen, die anderen haben Rucksäcke, und alle loben ihr Land, das lieblicher als die Toskana sei, und am Ende kehren sie in die Buschenschenken, die Tageswirtschaften der Weinbauern, ein, wo «Sturm» ausgeschenkt wird, gärender Traubenmost. Man setzt sich auf die Terrasse, lässt Wein, Sonne und Farben wirken, und der leichte Rausch kommt nicht nur vom Alkohol, sondern auch von der Luft und den Gerüchen nach Erde und sattem Gras. Österreich kann man nicht ohne den Bezug der ÖsterreicherInnen zum Land verstehen, sagt unsere Gastgeberin, eine ausgewanderte Berlinerin; Österreich sei kein urbanes Land, es gebe Wien, und Wien sei etwas Spezielles, meine man im Rest des Landes. Liesse man Wien beiseite, blieben eine Handvoll Städte wie Graz oder Linz.

Das übrige Österreich, das sind Hänge und Täler mit Dörfern und Höfen. Auch in Graz spürt man das Land. Der Biomarkt, auf dem Bauernfamilien aus der Region Obst und Gemüse verkaufen, ist keine Mode der letzten Jahre, sondern es hat ihn immer gegeben. Man lebt mit den Jahreszeiten. Im Herbst trinkt man «Sturm», im Winter fährt man Ski und feiert danach auf den Bergbauden, wie die Hütten hier heissen. Droben auf der Höhe, wo niemand ausser den Gämsen zusieht, wirft man alle Hemmungen über Bord, und wenn die «Gaudi» ihren Höhepunkt erreicht, steigen die jungen Männer gern mal auf den Tisch, reissen sich ihre Hemden vom Leib und singen. Eben hat man unten in Graz eine Bergbaude errichtet, eine Kneipe, die eine Skihütte simuliert, um ein wenig von dem Berggefühl in die Stadt zu tragen. Die Stadt atmet das Land, die Gaudi, das Berggefühl.

Als sich die Gastgeberin einmal mit ihrer Mutter zur Sylvestergaudi in eine Bergbaude wagte, staunten die beiden. Halb befremdet, halb hingezogen. Heimattümelnd sehen in den Augen der PreussInnen Steirer in Kniehosen und Wams aus. Aber liab, durchaus. Einer der jungen Steirer erzählte von den Glücksbringern, die die ÖsterreicherInnen vor dem Jahreswechsel ihren Lieben schenken müssen, weil sonst das Jahr schlecht anfängt. Dann waren sie wieder unter sich, hakten sich ein beieinander. Liab.

Der tote Volksheilige

Das Gegenteil von liab ist «schiach»: böse, hässlich, verachtenswert. Als schiach gilt nicht die Wahl vor einigen Wochen, bei der die ÖsterreicherInnen sich zu einem Drittel zu den rechtspopulistischen Parteien BZÖ und FPÖ bekannten. Obwohl es böse klingt, wenn der schneidige FPÖ-Kandidat Heinz-Christian «HC» Strache das Volk beschwört, Ausländer mit Kriminellen in eins setzt und Abschiebungen verlangt. Als schiach gilt, darum allzu viel Wind zu machen. Als hässlich gilt es auch, jetzt, wo er tot ist, über Jörg Haider, den ehemaligen Landeshauptmann von Kärnten, ein schlechtes Wort zu verlieren. Dieser Tage wird er hier zum Volksheiligen - weil er so gescheit gewesen sei, ein solches Charisma besass, und so gut wie er habe kein anderer erzählen können. Je länger Haider tot ist, desto sanfter leuchtet sein Heiligenschein. Er hätte es ja nie bös gemeint und vor allem nie böse gehandelt - den AusländerInnen gegenüber -, nur die Schwierigkeiten benannt.

Fragt man an diesem warmen Oktobertag beim Buschenschankwirt die Gäste, scheint niemand rechtsradikal zu denken. Rechtsradikal, was für ein schiaches Wort. Das gebe es in Österreich überhaupt nicht, behauptet ein Student. Wirkliche, schiache Nazis gebe es nur in Deutschland. Dort habe es in den dreissiger Jahren Nazis gegeben, während Österreich nur besetzt gewesen sei. Auch die Neonazis, die sich auf das Dritte Reich bezögen, seien ein deutsches Phänomen. In Österreich grenze man sich lediglich gegen Fremde ab. Aber wir wollten doch nicht zanken. Das sei deutsch. Oder wienerisch. Und Wien, das hätten wir ja schon mitbekommen, gehöre in ihren Augen schon nicht mehr dazu. Die WienerInnen sind StädterInnen, fast böhmisch. Fremd.

«Der Inbegriff von schiach ist die Auseinandersetzung», sagt unsere Gastgeberin, als wir tags darauf das Weinfest in Gamlitz besuchen, dem grössten Weinort der Steiermark. Weinkönigin Claudia und Blumenkönigin Jasmin fahren auf prächtigen Wagen vorüber, Diademe im Haar, Trauben und Blüten ringsum. Äpfel und Kürbisse, die gross wie Findlinge sind. Neben einer Blaskapelle, die gemächlich einherschreitet, schlendern zwei Mädchen in zerrissenen Netzstrumpfhosen mit geränderten Augen, doch statt Bierflaschen zu werfen, lächeln sie, gelangweilt, sonntäglich. Schiach wäre, würden sie heute, an diesem schönen Tag, darauf bestehen, Punk zu sein und die Konsequenzen zu ziehen. Konsequenz ist schiach. Wie der Streit und die Disharmonie. Schon die Worte passen nicht hierher, nicht zu den Menschen, nicht zur Landschaft und nicht zur Architektur. Wo Österreich ländlich ist, erlebt die reisende Städterin aus Deutschland so viel heile gebaute Welt, dass es sie schwindeln lässt. Als hätte es nie einen Zweiten Weltkrieg gegeben. Nur dieses satte Land.

Der lustige Führergruss

Im Haus gegenüber tritt ein Alter auf den Balkon und beugt sich über die Geranien, um der Kapelle zusehen zu können. «Was in Gamlitz alles wächst, kann man auf den schönen Wagen bewundern», sagt eine Sprecherin ins Mikrofon. Sie ist stark in den Hüften, trägt Hosen und muss sich alle paar Minuten von ihrem Podest herabbeugen, um ein Glaserl «Sturm» entgegenzunehmen und einen Scherz zu kontern. Der Scherz ist eine wichtige Institution im österreichischen Universum und mit der Gaudi verwandt. HC Strache, der blauäugige Publikumsliebling der Volksfeste, beherrscht die Klaviatur des Scherzes perfekt. «Drei Bier», sagt er, wenn er die Hand zum Führergruss reckt. Er wolle drei Bier bestellen, sonst nichts. «Und was werden Sie tun, wenn Sie die Wahl gewinnen?», fragte ein Rundfunkmoderator. «I bestell drei Bier», entgegnete Strache. Dann lachte er aus vollem Hals, und auch der Moderator musste grinsen. Als schiach gelte es, über so eine Flapserei eine Grundsatzdiskussion führen zu wollen, sagt unsere Gastgeberin, als typisch deutsch. Einen Scherz müsse man mit Humor nehmen können. Der Scherz spült Bosheiten rund wie Kiesel. Oder wie die Kürbisse, die auf den Wagen leuchten.

«Applaus», ruft die Sprecherin mit den starken Hüften, «Applaus für die Gamlitzer Frauenbewegung auf dem Wagen Nummer acht.» Die Frauenbewegung fährt auf, unter dem Banner «Nie wieder zu wenig Apfelstrudel» tummeln sich acht gut gelaunte Frauen in grünen Poloshirts, Teigballen knetend. Die Gäste applaudieren. Und lachen. «Liab», sagt eine Frau am «Sturm»-Ausschank zu ihrer Kundin. Die Kundin nickt.

Auf der Fahrt zurück nach Graz klingt die Blasmusik noch in den Ohren, im Radio geht es um Essen und Wein, und das Land sieht im Abendlicht fast unwirklich aus. Lieblich, das Wort trifft es besser als «Österreichs Toskana». Lieblich die Linien, die die Hügel zeichnen, das Grün der Bergmatten und das flammende Rot der Reben, das zugleich sanft wirkt wie durch einen Schleier gesehen. Der Dunst hat sich schon wieder über die Höhen gelegt. Er besteht aus Staub, der im Tal entsteht und nicht abziehen kann, weil es an Wind fehlt, der ihn hinaustragen könnte.

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