Nr. 46/2008 vom 13.11.2008

Im Dienste der Kultur

Niemand kannte den Luzerner Schriftsteller Dominik Riedo. Dann wurde er 2007 von Kulturschaffenden zum «Kulturminister» der Schweiz gewählt. Wie aus Kunst plötzlich biederer Ernst wurde.

Von Esther Banz

Noch in den Socken eilt Dominik Riedo in seinem Zuhause die Treppen hinunter. Soeben hats geklingelt - der Chauffeur aus Deutschland ist vorgefahren, eine halbe Stunde zu früh. Riedo, der 34-jährige «Kulturminister» der Schweiz, begrüsst ihn mit lauter Stimme. Dann erklärt er in einem Hochdeutsch voller Betonungen: «Dieses kleine Dorf hier habe ich zur Kulturhauptstadt der Schweiz ernannt.»

Romoos im luzernischen Hinterland ist in der Schweizer Kulturlandschaft ähnlich bedeutend wie Riedo. Aber nachdem der junge Schriftsteller und Carl-Spitteler-Experte im September 2007 von Schweizer KünstlerInnen per Internetabstimmung zu ihrem «Kulturminister» gewählt worden war, fand er es nur logisch, dass sein 750-Seelen-Dorf Kulturhauptstadt sein müsse. Ausserdem initiierte er zwecks Röstigraben-Überwindung einen Austausch zwischen Romoos und der Westschweizer Gemeinde Romont. Dass es ausgerechnet Romont sein sollte, begründet Riedo damit, dass «die Namen beider Ortschaften mit denselben vier Buchstaben beginnen».

Der Karrieresprung

Der Chauffeur wartet geduldig. Es steht eine lange Fahrt bevor, aus dem Napfgebiet via Rheintal und Süddeutschland ganz in den Osten Deutschlands, zum Schlosshotel Neuburg in der Nähe von Passau. Dort wird der nichtamtliche Schweizer Kulturminister anlässlich der Eröffnung von Augusta Laars Ausstellung - eine deutsche Künstlerin mit Schweizer Wurzeln - eine Rede halten und während des anschliessenden Literaturdinners aus seinen Werken lesen.

Laar hatte die Idee, Riedo einzuladen. Weil sie den VeranstalterInnen gesagt hatte, er sei der Schweizer Kulturminister, gab es zunächst ein kleines Durcheinander. Man wollte ihn natürlich abholen lassen, standesgemäss mit Limousine. Dann fand man aber heraus, dass Riedo gar nicht der richtige Kulturminister ist. Man erkundigte sich beim Bundesamt für Kultur (BAK), was es mit diesem «Kulturminister» auf sich habe und ob es für den richtigen Chef, Bundesrat Pascal Couchepin, nicht problematisch sei, wenn im Hotel ein falscher Schweizer Kulturminister eine Rede halten werde. «Dort legte offenbar jemand ein gutes Wort für mich ein, was dafür spricht, dass das Kulturministerium mittlerweile sogar von BAK-Mitarbeitern ernst genommen wird», vermutet Riedo.

Auf jeden Fall hat man die Einladung aufrechterhalten. Die einzige Korrektur fand beim Transportmittel statt: Nicht die Limousine fuhr vor, sondern ein ganz normaler Mercedes. Und der Chauffeur war eigentlich auch gar kein Chauffeur, sondern ein Aussendienstmitarbeiter des Schlossherrn Johann Wolfgang Kraus, der auch Unternehmer ist. Der vermeintliche Chauffeur musste Riedo am nächsten Tag dann trotzdem wieder nach Hause kutschieren - und schliesslich ein letztes Mal die 584-Kilometer-Strecke zurücklegen, um selbst wieder nach Hause zu kommen. Zwar gäbe es von München in die Schweiz gute Zugverbindungen, aber so ists bequemer, wird sich Dominik Riedo gedacht haben. Und schliesslich ist er ja der Kulturminister.

Gewählt von über 3500 Schweizer Kulturschaffenden oder -interessierten - zwar nur übers Internet, zwar nur für zwei Jahre, zwar nur für einen Job ohne Macht, und mehr als 8000 Franken im Jahr verdient er damit auch nicht. Aber für den bis dato unbekannten Schriftsteller bedeutete diese Wahl den erhofften Beginn einer Karriere innerhalb der Institutionen. Der Künstler Heinrich Gartentor, sein Vorgänger, «ist jetzt Präsident von Visarte, dem Berufsverband visuelle Kunst», erzählt Riedo. Und von der Kunst könne man ja nicht leben in diesem Land, sagt der ehemalige Lehrer, nicht mal eine Pensionskasse gebe es für freischaffende KünstlerInnen, aber das werde sich jetzt dann ändern, nicht zuletzt dank ihm, dem Kulturminister.

Riedo meint es ernst. Für das «Amt» reist er mehrmals die Woche nach Bern und anderswohin, um PolitikerInnen und andere wichtige Leute zu treffen und sie von der Dringlichkeit der Anliegen der KünstlerInnen im Land zu überzeugen. Er schreibt täglich einen Blog. Er lässt sich gerne auf Anlässe einladen. Dort hält er gerne Reden. Er sieht sich als Kulturminister, ohne Anführungs- und Schlusszeichen.

Ein ernsthaftes Kunstprojekt?

Auf der Fahrt Richtung Passau sagt der Schriftsteller, dessen Bücher in kaum einer Buchhandlung zu finden sind, Sätze wie: «Ja, ich bin der höchste Kulturschaffende der Schweiz, das kann man so sagen.» Oder: «Es heisst oft, Künstler seien arrogant. Das passiert auch mir manchmal. Aber das kommt eben daher, dass man als Künstler oft nicht ernst genommen und manchmal auch ausgestossen wird.» Oder: «Auf meine Tagebucheinträge im Internet gibt es manchmal negative Kommentare. Eine Guerillagruppe fordert sogar, dass ich sofort abzusetzen sei. So bin ich nun selbst schon zum Kunstwerk geworden.»

Dann erzählt er von seinen Projekten, zum Beispiel von dem Buch mit dem Arbeitstitel «Heidi», in dem 26 Schweizer KünstlerInnen aller Sparten ihre Visionen für den Kulturraum Schweiz schildern dürfen. Gut vertreten sind in der geplanten Anthologie bildende KünstlerInnen und natürlich SchriftstellerInnen, auch zwei Schauspieler werden einen Text liefern. Namen will Riedo keine nennen, er verrät dann aber immerhin, wer stellvertretend für die MusikerInnen träumen darf: Ein Liedermacher und eine kabarettistische Sängerin. RapperInnen habe er auch angefragt, aber die seien - so wie auch die Filmemacher - mühsam, nicht am Kulturpolitischen interessiert, sagt der offiziell inoffizielle Fürsprecher aller KünstlerInnen der Schweiz. Auch die international beachtete Schweizer Comicszene ist nicht vertreten. Nachdem Riedo das gesagt hat, braut sich in ihm etwas zusammen, und dann platzt es aus ihm heraus: «Aber wenn die Journis mir dann blöd kommen, weil eine Sparte nicht vertreten ist, dann zeig ich meine raue Seite.»

Der Berner Künstler Heinrich Gartentor, 2005 ebenfalls via Internet von Kulturschaffenden gewählt, verstand das «Amt» als Kunstprojekt. So sieht es auch Adi Blum von p&s netzwerk kunst in Luzern. Der Initiator des Projekts «Kulturminister» betont, dass das Ganze immer auch eine ernste Seite habe. Immerhin soll sich der Kulturminister (es dürfte auch eine Frau sein) mit den Anliegen der Kulturschaffenden auseinandersetzen und sich, als unabhängige Instanz, für sie einsetzen - vor allem auf politischer Ebene. Aber das eigentliche Ziel des «Kulturministeriums» sei es, wachzurütteln. «Wir wollen Künstler für kulturpolitische Vorgänge sensibilisieren und gleichzeitig den Politikern zeigen, was die Künstler bewegt - das können wir besser als jeder Verbandsfunktionär», sagt Blum. Schliesslich sei das Projekt aus der Erkenntnis heraus entstanden, dass «das BAK weniger ein Bundesamt für Kultur denn ein Bundesamt gegen Kultur» sei. Oder wie es der Schriftsteller Daniel de Roulet erstaunt ausgedrückt hatte: «Die Schweiz hat ja gar kein Kulturministerium.»

«Wer ist das?»

Im geschmackvoll eingerichteten Saal des Schlosses Neuburg am Inn hält Riedo vor rund dreissig Gästen seine Rede auf Augusta Laar. «Warum, meine Damen und Herren, warum müssen es anscheinend immer Extreme sein, die einen Künstler ausmachen?», beginnt er. Die Rede sei nicht davon, was das Werk eines Künstlers ausmache, wenn er einmal ein Künstler sei, sondern davon, was überhaupt einen Künstler mache. Die Antwort auf die Frage gibt er, nach Ausschweifungen über Sprünge und das harte Leben, ganz am Schluss: Ja, es müssten Extreme sein, die einen Künstler machen, «denn nur ein Extrem kann dazu führen, dass wir uns aus unserem gewohnten Leben werfen lassen, dass wir durch einen Sprung eine extreme Position einnehmen wollen hinsichtlich dessen, was man nur von dort oben so deutlich sieht.»

Augusta Laars Kunst ist berührend, aber nicht extrem. Und Riedos Andeutungen erzählten letztlich wohl mehr über den Redner selbst als über die Künstlerin, um die es eigentlich ging. Später liest Riedo aus seinem Buch vor, eine Geschichte, in der es darum geht, dass er mit einer Schauspielerin schlafen möchte, dann aber merkt, dass diese blöd und oberflächlich ist, und er schliesslich also doch nicht mehr will.

3500 Kulturschaffende und Interessierte haben vor einem guten Jahr einen ehrgeizigen Schreiberling zu ihrem Fürsprecher gewählt, die meisten von ihnen wohl, ohne je etwas von ihm gelesen zu haben. Über diesen Kreis hinaus ist Dominik Riedo auch nach vierzehn intensiven Monaten des Rumrennens im Dienste «aller» Kulturschaffenden keine Referenz.

Dreissig spontan angeschriebene AutorInnen, MusikerInnen und Filmschaffende in der ganzen Deutschschweiz antworten auf die Frage, wie sie die Arbeit des Kulturministers Dominik Riedo einschätzen und ob sie sich von ihm vertreten fühlen, mit: «Wer ist das?» oder «Noch nie gehört». Einer aus der Filmbranche fragt: «Kann der was gegen Filmchef Bideau machen? Das würde uns echt helfen!»

Noch ein knappes Jahr dauert Riedos Legislatur. Vielleicht schafft er es mit seinem Humor und seinem Kunstverständnis in dieser Zeit doch noch, die Kulturschaffenden zu mobilisieren - für «change». Denn dieses kleine demokratische Projekt hätte eigentlich tatsächlich das Potenzial, Kulturschaffende zu vereinen und etwas zu bewegen. Nächstes Jahr sind wieder Wahlen.

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