Nr. 49/2008 vom 04.12.2008

Tod und Herzblut

Von Sonja Wenger

Ein versuchter Mord mit einem Schlangeneintopf; ein gelungener Mord mit einer Axt; und dazwischen ein detailliertes und packend geschriebenes Sittenbild aus dem Zürich des Jahres 1548. Das Erstlingswerk «Hüerepeiss und Schlangenfrass» der Zürcher Autorin Ria Frick hat es in sich - und verliert keine Zeit. Auf Seite zwei sind bereits die wichtigsten Personen eingeführt, auf Seite drei wird jemand vom Blitz erschlagen, und spätestens nach der fünften Seite kann man das Buch kaum noch zur Seite legen. Sei es die Pfisterin Verena, ihre kleine Tochter Anna, die Kräuterfrau Regula oder der Bannwart Bernhard: Die Hauptfiguren sind mit ihren Nöten, Gedanken und Überlebensstrategien so differenziert beschrieben, dass man sich als Leserin schnell mit ihnen identifizieren kann.

«Hüerepeiss und Schlangenfrass» ist als historischer Roman verkappt, doch die Geschichte bietet weit mehr als eine präzise recherchierte Beschreibung der Stadt Zürich und ihres Umlands zur Zeit der mitteleuropäischen Neuzeit. In lebendigen Bildern und mit flüssigem Schreibstil verbindet Frick einen derben Mordfall mit einer feinfühligen Liebesgeschichte. Sie zeigt mit viel Lokalkolorit den harten Alltag der Menschen zwischen Wissen und Nichtwissen, zwischen Frömmigkeit, Aberglauben und Reformation, zwischen dem allgegenwärtigen Tod und ihrer Verbundenheit mit der Natur.

Und noch etwas zeigt «Hüerepeiss und Schlangenfrass»: Die Grundprobleme der Menschen haben sich seit Jahrhunderten kaum verändert. Damals wie heute sind Neid, Vorurteile, Standesdünkel und die Missachtung von Frauen die Triebfedern von Leid und Verbrechen. «Hüerepeiss und Schlangenfrass» ist ein spannender Krimi ohne sprachlichen Ballast, auch wenn die modern anmutenden Dialoge streckenweise etwas seltsam wirken. Doch die Geschichte ist mit viel Herzblut erzählt und mit genug professioneller Distanz geschrieben, sodass man dies der Autorin gerne verzeiht.

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