Auf der Suche nach dem Unerklärlichen : «Man ist unter ihnen - allein ist man nicht»

Nr.  51 –

Geister sehen, sich in Pflanzen einfühlen, aus der Ferne heilen ... Für viele ist das nur Scharlatanerie. Andere leben ganz selbstverständlich mit diesen Dingen. Eine Erkundung in Stadt und Land.


Die Suche beginnt mitten in Zürich, im inneren Kreis 5, wenige Schritte vom Hauptbahnhof entfernt. Hier lebt Al Imfeld, Theologe, ehemaliger Priester, Journalist, Afrikaspezialist und Geschichtenerzähler. Zwei grosse, weiche Sofas stehen in Imfelds Stube, an den Wänden hängt zeitgenössische afrikanische Kunst, auch einige magisch aussehende Dinge wie eine Installation aus Gämshörnern und ein Traumfänger. Imfeld hat immer offen über Religiöses und Unerklärliches gesprochen und geschrieben, auch in seiner Zeit als regelmässiger WOZ-Autor. Dass das Misstrauen hervorrief, daran hatte er sich schon gewöhnt.

Bereits in den sechziger Jahren sei er wegen seines Priesterberufs fast aus der Journalistenschule in Chicago geworfen worden, erzählt er. «Wer gläubig ist, kann in dieser Welt nicht kritisch sein, hiess es.» Doch da stellt Imfeld sofort den Gegenbeweis auf, zerpflückt im Schnelldurchlauf diverse christliche und katholische Dogmen von der Auferstehung bis zur Verwandlung der Hostie in den Leib Christi. Viele fromm Aufgewachsene machten im 20. Jahrhundert diesen Prozess durch und verloren dabei den Glauben. Imfeld nicht. Im Gegenteil: Wenn da ein bisschen entmythologisiert sei, werde es doch erst richtig spannend. «Dann kann ich anfangen zu fragen: Warum geschieht das? Welche Menschheitsbedürfnisse stehen da dahinter? Religion muss der Mensch haben, darum kommt ihr nicht herum. Wenn ihr sie verdrängt, ist sie gefährlicher.»

Ins Kreuz beissen

Mehr als die grossen theologischen Fragen nach Gott und Jesus interessiert ihn der Glaube der Armen, der Bauern und Mägde. In Afrika genauso wie in seiner Heimat, dem Napfgebiet. Der Grenzbereich von Christentum und Magie ist eines seiner Lieblingsterritorien. «Ich habe eigentlich von frühester Jugend an ein religiöses Doppelleben geführt. Ich war immer keltisch-napfisch und katholisch.»

Immer wieder schreibt Imfeld über das magische Umfeld seiner Kindheit. Über eine Welt, in der Geschirr aus dem Schrank fällt, wenn jemand stirbt; in der ein Geist mit einem Kafi Schnaps erlöst werden kann und ein Biss ins sagenumwobene Zahnwehkreuz den Schmerz nimmt. Die katholische Kirche hatte einen grossen Teil der Magie eingebunden: «Alles, was sich in den Heiligenglauben integrieren liess, war gut. Aber wenn man es ohne die Heiligen gemacht hat, wenn man Gott nicht mehr eingeschaltet hat, dann galt es als Aberglaube. Ins Zahnwehkreuz beissen durfte man nicht. Aber der Pfarrer konnte noch so viel dagegen predigen, das störte uns nicht.»

Für die armen Seelen beten konnte dagegen nie falsch sein. Dass die Toten noch eine Weile herumirrten, bevor sie den Weg ins Jenseits fanden, schien allen klar. Wenn sie Hilfe von den Lebenden brauchten, äusserten sie sich mit Klopfgeräuschen. Legendär war ihr Durst: Zu essen brauchten sie nicht mehr, aber nach Getränk lechzten sie. Ein Zeichen für ihre Zwischenexistenz; halb noch im Reich der Materie, halb schon ganz woanders. Da half ihnen Weihwasser, noch besser Wasser aus Lourdes und manchmal eben auch ein Kafi Schnaps. Sehr ähnliche Überzeugungen fand Imfeld später in Afrika.

«Vor kurzem hat mich mein bester Freund, der in den Bergen verunglückt ist, im Traum besucht. Er sagte: Komm mit mir Tullamore-Whisky trinken im Kilimandscharo-Hotel in Daressalam. Dann bin ich erwacht und dachte: Spinnst du, ich kann doch jetzt nicht nach Daressalam fliegen, nur um mit einem Toten Tullamore zu trinken ... Ich bin wieder eingeschlafen, da kam er wieder, und jetzt waren wir plötzlich in Hongkong! Was mache ich mit einem solchen Erlebnis? Ich kann höchstens eine Geschichte darüber schreiben ...»

Ein wohltuender Schreck

Vieles, was Al Imfeld beschreibt, tönt ganz schön unheimlich. Angst hat es ihm nie gemacht, auch nicht als Kind: «Viel bedrohlicher fand ich Grimms Märchen, die so grausam sind.» Aber die Geschichte mit dem Kuhfladen, die er in der Erzählung «Der Todesengel vom Napf» beschrieben hat? «Plötzlich war ein Kuhfladen, der am Eintrocknen war - auf dem ansteigenden Karrweg vom Auslauf der Jauche hoch zum Stall - zu Stein geworden.» Ist er da nicht erschrocken? «Doch, aber das war ein Schreck im positiven Sinn. Du wirst aufgeweckt: Aha, da ist noch etwas anderes, das über unser Begreifen hinausgeht. Das war eines der eindrücklichsten Erlebnisse meiner Kindheit.»

Die Zwischenbereiche, die Vermischungen, das nicht klar Abgegrenzte sind Themen, die in Imfelds Werk immer wieder auftauchen. «Das Ganze hat mich gelehrt, dass diese Welt auch im sogenannten Transzendentalen verschiedene Welten haben muss. Sie gehen ineinander über.» Doch wo sind diese Welten heute hingekommen? Wenn niemand mehr daran glaubt, was passiert dann mit ihnen? «Das frage ich mich auch oft. Ich kann mir nicht vorstellen, dass etwas, an das man so lange geglaubt hat, so schnell verschwinden kann. Es taucht wohl in anderen Kanälen wieder auf ...»

Er erwähnt Forschungen aus den USA, wo immer wieder AutofahrerInnen auf den endlosen, schnurgeraden Highways verunglücken und Todesvisionen erleben. In seiner Heimat im Napfgebiet suchen jetzt Schamanismusinteressierte aus den Städten nach Naturgeistern. «Und es gibt diese lächerlichen Bücher, die beweisen wollen, dass wir nach dem Tod weiterleben. Ich habe gerade so eines gelesen. Ein solcher Schmarren! So etwas Oberflächliches!» Alles deutet darauf hin, dass Imfeld recht hat: Das Religiöse verschwindet nicht. Es kommt zurück - häufig auf banale und kommerzialisierte Art. Die Sehnsucht nach dem Heiligen ist da, aber es gibt kaum einen produktiven Umgang damit.

Der Theologe glaubt sogar, dass der Fremdenhass mit dem Verlust des Heiligen zusammenhängen könnte: «Das Heilige hat immer auch mit dem Fremden zu tun. Es ist ja auch fremd. Früher gab es eine ganze Theologie um dieses fremde Heilige herum. Man hatte Ehrfurcht oder zumindest Respekt davor.»

«Ein kleiner Spinner bist du!»

Menschen, die ein Gespür für unerklärliche Dinge haben, gelten als einsam. «Das ist wahr», sagt Al Imfeld - ganz leise, er spricht offenbar von sich selbst. «Ich glaube, das lässt sich nicht vermeiden. Und auch Traurigkeit gehört dazu. Die Traurigkeit ist Teil einer Sehnsucht, die verstehen will. Du suchst und suchst ... Und natürlich wirst du deswegen auch ausgelacht und in die Einsamkeit gestossen: Ein kleiner Spinner bist du!»

Der Umgang mit dem Unerklärlichen unterliegt nicht dem Zufall. Es scheint Gesetzmässigkeiten zu geben, die sich seit langer Zeit nicht gross verändert haben. «Wer keine Angst hat, muss keine Angst haben», ist eine davon. Al Imfeld hat es so erlebt. Vielleicht sollte man noch präzisieren: wer keine Angst hat, aber Respekt. Offenbar ist es die beste Strategie, Geister so anständig zu behandeln, wie es auch lebende Mitmenschen wünschen. Dutzende von Sagen erzählen davon: Menschen, die den Zwischenwesen unvoreingenommen und uneigennützig entgegentreten, bekommen von ihnen Unterstützung. Da hilft ein Geist einem Senn den ganzen Sommer bei der Arbeit, dort bringen zauberkräftige Wesen einem Hütebuben bei, so schön zu singen wie sonst keiner.

Wer aber beim Anblick der Seltsamen in Panik ausbricht, verliert womöglich seine Stimme oder stürzt zu Tode. Noch schlimmer ergeht es den Anmassenden und Gierigen: Der Meister des Hütebuben wollte die Geister zwingen, ihm auch so schön singen zu lehren. Er kam nicht von der Alp zurück. Seine Haut wurde aufgespannt auf dem Hüttendach gefunden.

Woher kann ich das?

Auch Anet Spengler Neff hat keine Angst vor unbekannten Wesen. Für das «Neue Handbuch Alp», das umfassende Kompendium über Alparbeit und -alltag, hat sie den Text «Toggel, Tuntschi, Wandler» geschrieben. Darin geht es um all die seltsamen Gestalten, die sich auf Alpen herumtreiben. Die BerglerInnen von früher entwickelten eine ganze Reihe von magischen Handlungen, um mit diesen Zwischenwesen auszukommen, vom Betruf bis zu genauen Regeln im Umgang mit dem Vieh. Anet Spengler hatte viel darüber gelesen, als sie während des Agronomiestudiums an der ETH zum ersten Mal auf die Alp ging. Im Muotatal, ganz in der Nähe des wilden Bödmerenwaldes. «Auf einmal war ich selber drin. (...) Man hat mit der Zeit auf einmal gewusst, wo man die Rinder suchen musste. Man hat gespürt, wann der Nebel kommen und dicht werden würde. Man hat ohne Uhr die Zeit gewusst. Man hat Käse und Butter gemacht in grossen Mengen, und alles war gut, und man hat sich gefragt: Woher kann ich das eigentlich alles?» Ihr Fazit: «Man ist unter ihnen; allein ist man nicht.»

Diese Erlebnisse beschäftigen Anet Spengler heute noch. Das besondere Gespür für das Wetter und die Tiere erklärt sie so: «Ich habe mich fest verbunden mit der ganzen Alp. Dadurch wurde ich seelisch ein Teil von ihr. Und wenn man so fest drin ist, spürt man, wenn sich etwas verändert.» Das sei vergleichbar mit der starken Verbundenheit zwischen Menschen. «Wir kennen das ja alle: Wir denken an einen Verwandten, und da läutet das Telefon, und er ist dran. Oder wir spüren von weitem, dass es einer Freundin schlecht geht.» Der Alpmeister, ein Muotataler Bauer, habe in diesem Bereich ganz erstaunliche Fähigkeiten gehabt: «Manchmal kam er wochenlang nicht zu uns hoch. Aber wenn wir ein Problem hatten, stand er da. Wenn sich Gitzi in einer Felswand verstiegen oder eine Kuh in ein Loch fiel - es gibt viele Karstlöcher dort in der Gegend. Damals hatten wir noch keine Handys. Der Bauer merkte selber, wenn auf seiner Alp etwas nicht in Ordnung war. Das war für ihn selbstverständlich.»

Im «Handbuch»-Text hat Anet Spengler beschrieben, wie einmal zehn verschreckte Rinder ihre eineinhalbjährige Tochter über den Haufen rannten, das Kind aber ohne eine Schramme davonkam. Als wäre es auf eine seltsame Weise geschützt. Die bedrohliche Seite der Alpwesen, von der viele alte Geschichten handeln, hat sie hingegen nie erfahren. «Aber ich kenne Älpler, die Unheimliches erlebt haben.» «Man ist unter ihnen; allein ist man nicht» - das ist für die Ingenieur-Agronomin kein Grund zur Angst.

Die Seelen der anderen

Inzwischen hat Anet Spengler mehrere Kurse zur Bildekräfteforschung beim deutschen Anthroposophen Dorian Schmidt besucht. «In der Bildekräfteforschung geht es darum, auf intuitivem Weg die Qualität und die Charakteristik von Lebensäusserungen, Substanzen und Prozessen beobachten und verstehen zu lernen», erklärt Spengler. Das Vorgehen sei verwandt mit den Erlebnissen auf der Alp: «Ich versuche, mich in andere Lebewesen hineinzuversetzen  - so stark, dass ich spüre, wie es ist, so zu sein.»

Viele halten solche Wahrnehmungen einfach für Projektionen der eigenen Psyche. Anet Spengler hat eine differenziertere Erklärung: «Es gibt unsichtbare Wesen oder Chararaktereigenschaften von Dingen, die unabhängig von den Menschen existieren, aber sie verändern sich, wenn sie mit uns in Kontakt kommen.» Darum sei die Frage nach subjektiv und objektiv so schwierig: «Einerseits sind sie eindeutig da, anderseits sind wir an ihrem Entstehen mitbeteiligt. Wenn ich etwas über sie erfahren will, muss ich gut unterscheiden können, was an Gefühlen oder Vorstellungen von mir selber kommt und was wirklich vom Gegenüber kommt. Das zu üben, ist mir wichtig.»

Schafe hintergehen

Für Spengler ist klar: «Die Menschen sind nicht die Einzigen, die eine Seele haben. Tiere haben eine Seele, und Pflanzen und Landschaften haben wohl so etwas wie eine seelische Qualität. Es gibt da einen Austausch.» Dass sich Menschen gegenseitig emotional beeinflussten, sei heute unumstritten. Ganz ähnlich beeinflussten wir auch nichtmenschliche Wesen - und diese uns. «Wir gestalten dauernd unsere seelische Umgebung. Darum ist es so wichtig, wie Menschen und Tiere zusammenleben.»

Solche Erfahrungen seien hilfreich in der täglichen Arbeit mit Tieren und Pflanzen. Sie hat es bei den eigenen Schafen erlebt: «Ich hatte immer ein schlechtes Gefühl, wenn ich ein Schaf metzgen musste. Als würde ich das Tier hintergehen. Die Schafe spürten, dass ich mit einer anderen Absicht kam als sonst, und wurden nervös. Darum habe ich angefangen, eine Woche vorher zum Schaf zu gehen und ihm zu sagen, was kommt. Jetzt sind die Tiere am Schlachttag ruhig und kommen mit. Natürlich heisst das nicht, dass sie genau verstanden haben, was ich gesagt habe. Vielleicht wirke ich einfach anders, wenn ich sie holen komme. Ich hintergehe sie nicht mehr.»

Anet Spengler lehnt es ab, ihre Erlebnisse religiös zu deuten. Sie sieht sie als Erforschung eines Grenzbereichs der Naturwissenschaften. In diesem Bereich ist einiges los. Neue botanische Forschungen zeigen, dass Pflanzen permanent kommunizieren: untereinander, aber auch mit Insekten, die ihnen gegen Schädlinge beistehen. Warum nicht auch mit Menschen? Ein Berufskollege von Spengler, der Agronom Andreas Schwarz aus Grabs im St.  Galler Rheintal, versucht seit Jahren, sich in Nutzpflanzen einzufühlen. Inzwischen bietet er an der Landwirtschaftlichen Schule Rheinhof Salez auch Kurse zum Thema an. Dabei lernen die TeilnehmerInnen, den Krankheitsbefall von Maispflanzen, die sie von ihrem Standort aus gar nicht sehen können, zu «erfühlen». «Die Leute können in der Regel ganz klar sagen, wie stark der Befall ist. Einzelne geben dies sogar auf einer Skala an, und dies so präzise wie bei einer wissenschaftlichen Aufnahme», hat Schwarz der Biologin Florianne Koechlin erzählt. Dieser Versuch erfüllt ein wichtiges wissenschaftliches Kriterium: Er lässt sich wiederholen.

Alle glauben dran

Alles hier oben wirkt näher beim Himmel. Das verschneite Hochtal von Gonten glitzert in der Sonne. Hinter dem Kronberg steht majestätisch der Säntis mit seiner zerklüfteten Wand. Dass hier oben im Appenzellerland besonders viele Menschen mit seltsamen Kräften begabt sein sollen, wundert bei dieser Aussicht nicht. Auch wenn die Fahrt hinunter nach Appenzell eine Enttäuschung ist. Da unten liegt kaum noch Schnee, und die Einfamilienhausquartiere wachsen und wachsen. Die Bevölkerung der Steueroase hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Die Mieten seien höher als in St. Gallen, sagt Carol Forster später beim Mittagessen.

Auch diese Reise hat mit einem Text begonnen. Carol Forster, die den Bücherladen Appenzell betreibt, beschrieb kürzlich in einer Kolumne im Ostschweizer Kulturmagazin «Saiten», wie eine Frau unaufgefordert ihr Haus mit magischen Mitteln vor unguten Energien befreite. Sie sei etwas misstrauisch gewesen, denn die Frau habe gar nicht wie eine Heilerin ausgesehen und sei erst noch aus dem Unterland gekommen. «Hier gibt es ja genügend Leute, die ‹gegen den bösen Blick tun› und solche Sachen.» Die Buchhändlerin ist auf Anfrage sofort bereit, Auskunft zu geben.

Ja, der Glaube an gute und böse Kräfte und das Heilen mit Gebeten sei hier vollkommen normal, erzählt sie. Sie erwähnt Bauern, die das Trinkwasser ihrer Tiere «behandeln» lassen, statt sie zu impfen. Ein kürzlich verstorbener Heiler, der sommers wie winters barfuss ging, wendete auch brachiale Methoden an: Er «ginggte» die Kranken mit solcher Wucht ins Kreuz, dass sie die Treppe hinunterfielen. Es nützte.

Marias zweiter Sohn

Aber am meisten über solche Sachen wisse Roland Inauen, der Volkskundler und Konservator des Museums Appenzell. Sein Büro liegt mitten im Museum. Inauen spricht ruhig, präzise und überlegt. Bald wird klar, dass er mehr ist als ein distanzierter Beobachter der Innerrhoder Alltagskultur: Die Leute vertrauen ihm, und immer wieder wird er angefragt, ob er einen guten Gebetsheiler oder eine -heilerin vermitteln könne. Denn das ist die Spezialität Innerrhodens: die «Therapie» mit Gebeten und Sprüchen. Diese Verse sind streng geheim und haben meist einen Bezug zu Heiligen, zu Jesus oder zur Muttergottes. Ein Beispiel eines bekannt gewordenen, also nicht mehr wirksamen Spruches zum Wundheilen: «Frisch ist die Wund, heilsam ist der Tag, und glückselig ist die Stund, sobald ich dich ergreif, dass du weder geschwillst noch geschwärst, bis Maria einen andern Sohn gebärt.»

Im reformierten Ausserrhoden heilen sie also mit Kräutern, im katholischen Innerrhoden mit Beten? Das sei natürlich etwas vereinfacht, sagt Inauen. Und entscheidend für den Unterschied zwischen den Halbkantonen sei nicht die Konfession: «In Innerrhoden wurde 1893 auf Drängen der Ärzte das Patentobligatorium eingeführt. In Ausserrhoden dagegen durften die ‹Chrütertökter› weiterhin ungehindert praktizieren.» Die GebetsheilerInnen erwähnte das Gesetz nicht. «Sie waren offenbar keine Konkurrenz für die Schulmedizin, eher eine Ergänzung. Auch weil sie kein Honorar verlangten, also nicht von ihrer Tätigkeit leben konnten.» Bei manchen Beschwerden, etwa hartnäckigen Warzen, schicken die MedizinerInnen ihre PatientInnen sogar bewusst zu Heilkundigen: Lieber es zuerst einmal mit Beten versuchen als gleich einen chirurgischen Eingriff wagen.

Traditionell gilt das Gebetsheilen vor allem bei bestimmten Leiden als wirksam: gegen akute Schmerzen, hohes Fieber, Hautkrankheiten wie Flechten, Entzündungen und Brandverletzungen - daher die Bezeichnung «för Hitz ond Brand tue». Und, ganz wichtig, zum Blutstillen. «Das ersetzte auf den abgelegenen Höfen den Notarzt. Man ging nur holzen, wenn einer dabei war, der das konnte.»

Hilfe gegen Heimweh

Auch gegen Heimweh soll die alte Methode wirksam sein. «Entscheidend ist, dass es akute Leiden sind. Wenn es um Chronisches geht, haben die Gebetsheiler Mühe. Ich sprach einmal am Radio über das Thema. Nachher riefen tagelang verzweifelte Leute an. Ich begann eine Triage zu machen wie im Feldlazarett ...» Er lacht. «Aber etwa drei Viertel suchten Hilfe gegen Depressionen. Und da können die Gebetsheiler wenig machen.» Wer den Verdacht hatte, dass der Erfolg des Gebetsheilens vor allem auf dem Glauben der PatientInnen beruht, also auf einer Art Placeboeffekt, wundert sich spätestens jetzt.

Inauen vermutet, dass bei Depressionen der direkte Kontakt zwischen TherapeutIn und PatientIn wichtig ist. Das können die GebetsheilerInnen nicht bieten: Die meisten machen eine Art Fernbehandlung. Irgendwie passt das zu diesem Kanton, in dem jeder Hof allein steht und doch im Blickfeld von mehreren Nachbarn, in dem die Selbstmordrate traditionell hoch ist und Depression beileibe kein neues Problem.

Auch in Innerrhoden hat der Einfluss der Kirche abgenommen. Verschwindet damit auch das Gebetsheilen, das eng mit dem katholischen Glauben verknüpft ist? Nein, sagt Roland Inauen. «Es gilt als Verpflichtung, das Wissen weiterzugeben, bevor man stirbt. Wer es nicht tut, heisst es, hat einen schwierigen Tod, und sein Leichnam kann nicht verfaulen. Zwei alte Heiler, die ich kannte, sind kürzlich verstorben. Beide gaben ihr Wissen an junge Frauen weiter.»

Der Verdacht

Wenn alles schiefläuft, das Bauchweh des Kindes nicht vergehen will oder schon wieder eine Kuh eine Fehlgeburt hat, kommt schnell einmal der Verdacht auf, da versuche jemand, mit Zauberkräften zu schaden. Das sei in vielen ländlichen Gegenden so und auch nachvollziehbar, sagt der Konservator: «Wenn etwas Positives wie das Blutstillen so blitzartig wirkt, liegt die Schlussfolgerung nahe, dass das auch im Negativen möglich ist.» Vor nicht allzu langer Zeit habe in Appenzell ein Prozess wegen übler Nachrede stattgefunden: Ein Mann hatte seinen Bekannten als Hexer bezeichnet. Hatten die Aufklärer und die Liberalen am Ende doch recht, als sie die ganze Magie, im Guten wie im Schlechten, ausrotten wollten? Ist der Preis für die Heilkraft zu hoch, wenn damit die Gefahr verbunden ist, dass unbequeme Menschen als Hexen stigmatisiert werden?

Der Glaube an böse Kräfte sei nicht das Problem, meint Inauen. «Wir merken im Alltag ja auch, dass intensiver Hass Schaden anrichten kann.» Entscheidend sei, wie jemand darauf reagiere. «Wer das Gefühl hat, geplagt zu werden, kann auch positive Kräfte anwenden, statt Hexereigerüchte herumzuerzählen.»