Nr. 50/2019 vom 12.12.2019

Schuld und gelegentlich Sühne

Spätestens seit der Finanzkrise 2008 liegen politische Krimis wieder im Trend. Ist ihr Erfolg Ausdruck einer krisenhaften Gesellschaft? Eine Ermittlung anhand der Krimireihe Ariadne.

Von Stefan Howald

Alle Figuren haben ihre eigene Sprache und Geschichte: Merle Krögers Kriminalroman «Havarie» spielt auf einem Kreuzfahrtschiff. Foto: Marcos Veiga, Alamy

Nein, einen Mord gibt es nicht. Jedenfalls nicht einen, bei dem der Täter oder die Täterin nach etwelchen Irrungen und messerscharfen Kombinationen schliesslich überführt wird. Tote gibt es allerdings einige. Flüchtlinge kommen um, wenn ein Boot im Mittelmeer kentert; ein Geflüchteter, der aufgegriffen worden ist und als illegale Küchenhilfe auf einem Kreuzfahrtschiff arbeitet, wird zurückgeschickt und stirbt an der spanischen Küste; ein Bordmusiker, der sich zum Überleben von Passagierinnen für Sex bezahlen liess, springt ins Meer.

Merle Krögers «Havarie» (2015) sprengt die Gattungskonventionen eines Kriminalromans. Statt einer Hauptfigur, einer psychisch mehr oder weniger versehrten Ermittlerin, gibt es hier ein breites Figurenpanorama. Das reicht durch die verschiedenen Etagen eines Kreuzfahrtschiffs hindurch, vom Kapitän und mehreren Offizieren über Küchenpersonal bis zu Passagieren, umfasst Flüchtlinge auf einem Boot, inklusive Schlepper und dessen Freundin, sowie Mitglieder des spanischen Seenotrettungsdiensts. Macht ein gutes Dutzend Figuren, die alle in ihr Recht gesetzt werden und eine eigene Sprache und Geschichte bekommen.

Während der sogenannten Flüchtlingskrise geschrieben und 2016 mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet, vergegenwärtigt der breit recherchierte Roman ein unmenschliches Migrationsregime. So ist er ein markantes Beispiel einer neuen Generation von Ariadne-Krimis. Diese feministischen Kriminalromane tauchten vor dreissig Jahren plötzlich in vielen WGs auf, gelesen wurden sie nicht nur von Frauen.

Den Strukturen auf der Spur

Else Laudan

Tiefschwarzer Umschlag, gelb-schwarze Vignetten darauf: In dem bis dahin auf linke politisch-philosophische Bücher spezialisierten Argument-Verlag bot die Ariadne-Reihe ab 1987 neue Kost. Politisierte, feministische Spannungsliteratur, damals zumeist aus dem angelsächsischen Raum übersetzt. Themen wie «Gewalt gegen Frauen» wurden in neuer Form verhandelt, auch die Figuren waren neu. Marion Fosters «Wenn die grauen Falter fliegen» (1989), Barbara Wilsons «Ein Nachmittag mit Gaudí» (1992) und Sarah Schulmans «Ohne Delores» (1992) schlugen die LeserInnen in Bann; die private Ermittlerin Stoner McTavish von Sarah Dreher und die Mordkommissarin Kate Delafield von Katherine V. Forrest boten serielle Identifikationsmöglichkeiten. Selbstbewusste Frauen, lesbisch oder straight, Verbrechen nicht mehr als Einzelfälle, sondern als Ausdruck patriarchaler Strukturen.

Das führte zu sagenhaften Umsätzen: Von einzelnen Autorinnen wurden über 200 000 Bücher verkauft. Es gab eine Zeitschrift, das «Ariadne-Forum», Leseklubs und Workshops. Dann sprangen grössere Verlage auf den Zug der Frauenkrimis auf, gleichzeitig brach die Infrastruktur der neuen Frauenbewegung mit Buchhandlungen, Kulturzentren und Frauencafés weg. In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre mussten Ariadne und Argument ihr Programm und die begleitenden Aktivitäten massiv zurückfahren. Besser wurde es erst wieder um 2008, als neue deutsche Autorinnen wie Christine Lehmann und Monika Geier erste Anerkennung errangen und ein harter Wirtschaftskrimi der Französin Dominique Manotti zum durchschlagenden Erfolg wurde.

Krimis sind aus dem medialen Alltag nicht mehr wegzudenken. TV-Serien und Filme verabreichen wöchentlich eine heftige Dosis an Toten. Dabei haben die bewegten Bilder ihre Stärken und Vorlieben: Das Gruseln beim Aufschneiden und Sezieren in der Gerichtsmedizin lässt sich filmisch besser bedienen als im Buch, ebenso der detaillierte Nachvollzug von Ermittlungsprozeduren technischer Art oder von Verhören. Gegenüber dieser Phänomenologie des Schreckens kann das Buch weiterhin psychische Situationen besser verdeutlichen und gesellschaftliche Strukturen genauer reflektieren.

Tatsächlich lässt sich der Erfolg von Krimis als Ausdruck verunsicherter, krisenhafter Gesellschaften lesen. Einerseits kann es als eskapistische Beruhigung dienen, dass die Lösung eines Falls die kurzfristig gestörten Zustände wieder ins Lot rückt. Oder weiter gedacht mit Else Laudan, die seit über dreissig Jahren für die Ariadne-Krimis zuständig ist und den politischen Kriminalroman so definiert: «Die Verbrechen, die untersucht werden, sind nicht etwa eine Verletzung der gesellschaftlichen Ordnung, sie sind entweder Bestandteil dieser Ordnung oder eine Folge ihrer Mängel. Ermittelt wird, wo die herrschende Ordnung versagt beziehungsweise was im bestehenden System alles ungerecht, unmoralisch, verbrecherisch ist.» Den neuen Erfolg von Ariadne setzt sie zeitlich durchaus mit der Finanzkrise parallel. Die Welt ist aus den Fugen.

Die Welt im Schwabenland

In den jüngsten Ariadne-Titeln werden vom feministischen Ansatz her weiterhin Rollenbilder durchbrochen, ist das Geschlecht eine Kategorie, die selbstverständlich befragt wird. Etwa mit der schon 1997 lancierten bisexuellen Privatermittlerin Lisa Nerz von Christine Lehmann, die seit 2005 bei Ariadne veröffentlicht. Mittlerweile ist das Dutzend Lisa-Nerz-Krimis voll. Lehmann verbindet den Regionalkrimi – Stuttgart und das schwäbische Umland – mit welthaltigen Themen. Der neuste Titel, «Die zweite Welt» (2019), spielt an einem einzigen Tag, von 6.23 Uhr morgens bis Mitternacht. Frühmorgens am 8. März treffen Attentatsdrohungen gegen eine geplante Frauendemo ein. Man sollte die urbanen Szenejargons kennen, um das voll geniessen zu können – eine Rezension meint treffend, hier werde der «Debattenstand» abgebildet. Dabei ist durchaus ironische Distanz eingebaut, Lisa Nerz bewegt sich in verschiedenen Szenen und Denkhaltungen.

Monika Geier, deren alleinerziehende Hauptkommissarin Bettina Boll seit 2005 ermittelt, schreibt traditioneller, doch nicht weniger zügig, über Gewalt gegen Frauen, Rassismus und Neonazis. In ihrem neusten Buch, «Alles so hell da vorn» (2017), geht es um Kinderprostitution. Wie in früheren Büchern entwickelt sie ein Team um die Hauptfigur herum und erzählt dazwischen aus der Perspektive einer Betroffenen.

Wahrhaftig in der Fiktion

Die herrschende Undurchsichtigkeit verlangt nach investigativen Recherchen. Die darauf aufbauende journalistische Reportage ist allerdings seit einiger Zeit ins Zwielicht geraten. Dafür springt die akribisch recherchierte Fiktion ein, da sie nicht auf Tatsachen, sondern auf Wahrhaftigkeit zielt. So dokumentierte Merle Kröger in ihrem früheren Roman «Grenzfall» (2012) den Rechtsradikalismus in den «blühenden Landschaften» der neuen deutschen Bundesländer. Die ehemalige Gewerkschaftsfunktionärin Marie-Noëlle Thibault wiederum, die unter dem Pseudonym Dominique Manotti schreibt, bleibt hartnäckig dem internationalen Wirtschaftsverbrechen auf der Spur. Ihr neuster Krimi, «Kesseltreiben» (2018), ist, wie die Autorin selbst bekräftigt, «frei (sehr frei) inspiriert von der Alstom-Affäre» rund um die Übernahme des französischen Energieriesen Alstom durch den US-Konzern General Electric.

Neben der bewährten Engländerin Liza Cody und der jüngeren Schottin Denise Mina ist bei Ariadne kürzlich auch die indigene US-Autorin Marcie Rendon vorgestellt worden. Und da ist die US-Altmeisterin Sara Paretsky, die mit ihrer Privatermittlerin V. I. Warshawski seit 1982 mit Kopf und Kanone allerlei Bösewichte zur Strecke bringt. Lange Jahre wurde sie auf Deutsch bei Piper veröffentlicht, 2010 brachen die deutschsprachigen Veröffentlichungen ab. Bei Ariadne wird Paretsky jetzt mit den jüngsten Titeln neu lanciert. In «Kritische Masse» (2018) ist ihre Ermittlerin auf der Spur einer halbwegs fiktiven österreichischen Atomphysikerin, die anscheinend von den Nazis ermordet wurde, deren Erkenntnisse aber später von skrupellosen Unternehmern kommerziell verwertet werden. Dabei beschreibt Paretsky auch die reale Übernahme einstiger Naziwissenschaftler ins US-Atomprogramm.

Die neue Qualität politischer Krimis ist nicht auf Ariadne beschränkt. Auch Suhrkamp führt seit ein paar Jahren eine eigene Krimireihe, wo Simone Buchholz mit ihrer Hamburger Staatsanwältin Chastity Riley eine ganz eigenständige Sprache gefunden hat, in Romanen wie «Blaue Nacht» (2017), «Mexikoring» (2018) und jetzt «Hotel Cartagena» (2019). «Die Wand ist kurz davor, zu zerspringen, weil das Elend so viel Druck macht», schreibt sie etwa, wenn Drogenabhängige an einer Mauer lehnen – ein metonymischer Stil, der Stimmungen und Erkenntnisse verdeutlicht, indem sie Artefakten der Kultur und der Natur eingeschrieben werden.

Die Krux mit der Auflösung

Trotz der Eigenständigkeit des Politkrimis bleiben gewisse Konventionen des Genres. Krimis müssen rasant erzählt werden. Das ist Stärke wie Schwäche: Nebenfiguren werden jeweils schnell eingeführt, viel wird gleich bei der ersten Begegnung an Gesicht oder Gang abgelesen. Zuweilen fühlt man sich beinahe in einem Physiognomieseminar.

Und zum Schluss sollte der verhandelte Fall doch irgendwie aufgelöst werden. Bei politisch avancierten Themen erheben LeserInnen das moralische Postulat, dass auch Verbrechen in den höchsten gesellschaftlichen Etagen gesühnt werden. Dieser Forderung begegnet etwa Monika Geier in ihrem jüngsten Roman, indem sie gleich sieben Epiloge anbietet, wobei der letzte andeutet, dass der ganz oben wieder mal ungeschoren davongekommen ist. In Dominique Manottis «Kesseltreiben» wird die polizeiliche Aufdeckung der Affäre von den Politikern vertuscht und begraben, worauf die Polizeikommandantin als Serienheldin wohl ihren Abschied nimmt.

Sara Paretsky löst das Problem konventioneller. In «Kritische Masse» nehmen private Sicherheitsleute, korrupte Polizisten und Mitglieder des berüchtigten US-Heimatschutzes eine ganze Familie in Geiselhaft und drohen, sie umzubringen; eine aufs Äusserste zugespitzte Situation, aus der nur V. I. Warshawski mit ihren stupenden Fähigkeiten retten kann. Und die sprachlich so kühne Simone Buchholz landet gelegentlich bei der Selbstjustiz, sei es durch desillusionierte PolizistInnen, die dem System nicht mehr trauen, sei es durch frühere Kriminelle, die den Ausstieg oder eine Wiedergutmachung suchen. Ja, die Welt ist aus den Fugen.

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