Nr. 50/2008 vom 11.12.2008

Mit dem Duden gegen Blogger

Der Fall Zwanziger vs. Weinreich: Wie kritisch darf ein kritischer Sportjournalist sein, wenn es um viel Geld im Fussballgeschäft geht?

Von Pascal Claude

Der Präsident des grössten Einzelsportverbandes der Welt klagt gegen einen Journalisten, weil ihn dieser in einem Blogkommentar diffamiert haben soll. Dreimal haben Gerichte dem Journalisten bereits Recht gegeben. Doch das beeindruckt den Präsidenten nicht. Seine Maxime: «Wenn Sie die Kommunikationsherrschaft nicht haben, sind Sie immer Verlierer.»

Begonnen hat die Geschichte, der bereits das Etikett «Öffentlicher Boxkampf» anhaftet, im Juli dieses Jahres mit einem Text des Autors René Martens im Fussballblog direkter-freistoss.de. Martens äusserte sich darin zur Intervention des deutschen Kartellamtes in das neue TV-Vermarktungsmodell der Deutschen Bundesliga. Das Kartellamt pocht auf Free-TV und Verbraucherschutz; Bundesliga, Verband und Vereine fürchten um ihre internationale Konkurrenzfähigkeit und schreien empört auf. Im vierten von bisher über 40 Kommentaren zu Martens’ Beitrag bezeichnet der freie Journalist Jens Weinreich den Präsidenten des Deutschen Fussballbundes (DFB), Theo Zwanziger, als «unglaublichen Demagogen». In der Entrüstung des DFB über die Entscheidung des Kartellamtes sieht Weinreich nichts als Scheinheiligkeit: «Es ist das Lied derer, die die Kosten vergesellschaften und die Gewinne privatisieren. Derer, die nach Autonomie schreien, wenn es Vergehen von Funktionären zu vertuschen gilt, die aber immer dann nach Sonderregeln und Ausnahmegesetzen schreien, wenn ihr Milliardengeschäft an ganz normalen Gesetzen und Gesetzmässigkeiten gemessen wird.»

Was nun folgt, hat groteske Züge. DFB-Präsident Zwanziger stellt gegen Weinreich einen Antrag auf Erlass einer einstweiligen Verfügung. Zwanziger sieht sich mit der Zuschreibung «Demagoge» in die Naziecke gedrängt und stützt sich bei dieser Auslegung auf den Duden, der Demagogie mit «Volksverhetzung» erklärt. Das Landgericht Berlin weist Zwanzigers Antrag ab, worauf dieser gegen den Gerichtsbeschluss Beschwerde einreicht - und erneut abblitzt. In der Zwischenzeit gewährt der bis dahin als offener Geist geschätzte DFB-Präsident dem Betreiber des Blogs direkter-freistoss.de ein ausführliches Interview. Darin rechtfertigt Zwanziger seine Dünnhäutigkeit in dieser Angelegenheit unter anderem mit einem Besuch der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem.

Dann, Anfang November, ereignet sich Sonderbares: Theo Zwanziger wirft an einer Podiumsdiskussion in Giessen dem Moderator vor rund 200 ZuhörerInnen vor, «demagogische Fragen» zu stellen. Dies zumindest schreibt der «Giessener Anzeiger» am übernächsten Tag. Zwanziger lässt durch seinen Anwalt die Aussage bestreiten, der Moderator hingegen bestätigt sie gegenüber direkter-freistoss.de. Weinreich ist derweil längst in die Offensive gegangen: Auf seinem eigenen Blog zeichnet er akribisch den Verlauf der Debatte nach, liefert Quellen, Gerichtsbeschlüsse, Kommentare. Nun springt die deutsche «Financial Times» als erstes klassisches Medium auf. Ihr folgen «Süddeutsche», «taz», «Welt», «Spiegel», «Frankfurter Rundschau» - und am 20. November der «Blick». Titel: «Der Nachtreter». Gemeint ist Zwanziger, nicht Weinreich. Der NZZ, für die Weinreich regelmässig Beiträge schreibt und die ihm die brisante Geschichte rund um den ISL-Prozess, einen Konkurs- und Korruptionsfall um die Zuger Firma für Sportvermarktungsrechte, anvertraut hat, war die Affäre Zwanziger - Weinreich bisher keine Zeile wert. Auch nicht, als im Auslandfussballteil prominent über die neuen TV-Verträge in der Bundesliga berichtet wurde.

Die vielen Stimmen, die für Weinreich Partei ergreifen, drängen den DFB in die Enge. In einem Communiqué behauptet der Fussballbund, Weinreich habe Zwanziger «ohne Anlass» einen Demagogen genannt, und erweckt den Eindruck, Ersterer habe sich bei Zwanziger entschuldigt. Dagegen stellt nun Weinreich Antrag auf einstweilige Verfügung. Mit Erfolg. Und dem Resultat, dass der DFB mit einer Klage prüfen will, ob ein Journalist Herrn Zwanziger tatsächlich ungestraft einen «unglaublichen Demagogen» nennen darf. Zwanziger droht mit Rücktritt, sollte das Gericht diese Frage bejahen.

Jens Weinreich, um dies nicht zu unterschlagen, ist im deutschen Sprachraum einer der wenigen kritischen Sportjournalisten mit Schwerpunkt Sportpolitik und Korruption. Für die Fifa ist er seit 2006 Persona non grata. Dass ihn der DFB nun aufgrund eines Blogeintrags vor Gericht zieht, spricht Bände.

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