Nr. 07/2009 vom 12.02.2009

Die Bombe tickt ...

Die Grossbank verliert knapp zwanzig Milliarden Franken und glaubt trotzdem, dass es wieder aufwärtsgeht. Doch für die Schweiz bleibt sie weiter eine Gefahr.

Von Carlos Hanimann

Es war ein rabenschwarzer Tag für die UBS. Am Dienstagmorgen musste die Konzernspitze der Schweizer Grossbank das schlechteste Jahresergebnis ihrer Geschichte bekannt geben: 19,7 Milliarden Franken Verlust. Über 220 Milliarden Franken Abflüsse von Kundengeldern, 85,8 Milliarden davon allein im letzten Quartal. Rund 9000 Stellen baute die UBS vergangenes Jahr bereits ab, 2000 sollen dieses Jahr folgen.

Die Bilanzpressekonferenz hatte im Vorfeld viel zu reden und zu spekulieren gegeben: Wie hoch sind die Verluste wirklich? Legt die Grossbank eine neue Strategie vor? Verkauft sie einen Teil ihres Geschäfts? Rollen vielleicht sogar Köpfe? So zahlreich die Erwartungen, so gering waren die Überraschungen. Die UBS schliesst die Augen und wartet – sie will die Krise aussitzen, ohne etwas an ihrer Strategie zu ändern. Sie hält denn auch fest am Investmentbanking (das ihr den grössten Teil des Verlusts einbrachte), an der internationalen Ausrichtung und an ihrer Grösse. Die UBS will keine Schweizer Hausbank werden, sondern ein Global Player sein und bleiben – und den starken Bereich der Vermögensverwaltung sogar ausbauen. Davon zeugt auch das aggressive Auftreten der Grossbank in den USA. Dort soll die UBS mit überhöhten Angeboten über 400 Broker bei der Konkurrenz abgeworben haben.

Dies kann zweierlei bedeuten: Erstens, dass sich die UBS im Herbst von Nationalbank und Bund fitspritzen liess, um später die Führung in der weltweiten Vermögensverwaltung mit einem Vorsprung zu übernehmen. Oder aber zweitens, dass die UBS das Geschäft in den USA ausbaut und stärkt, um es im äussersten Notfall für gutes Geld verkaufen zu können.

Haarscharf vorbei

Die interessanteste Meldung am Dienstag aber kam von der Nationalbank. Sie erklärte, die von ihr gegründete Zweckgesellschaft müsse nur für vierzig Milliarden US-Dollar Schrottpapiere von der UBS übernehmen und nicht für den Maximalbetrag von sechzig Milliarden. Die Begründung: eine Änderung der Buchhaltungsregeln. Gewisse Ramschpapiere muss die UBS nicht zum aktuellen Marktwert bilanzieren. Es handelt sich dabei vor allem um sogenannte monoline-versicherte Wertschriften, also Kreditderivate, die zur Versicherung von Krediten und Schuldpapieren dienen, und um mit Studiendarlehen unterlegte Wertpapiere. Deren Marktwert läge derzeit bei null – ihr Wert bestand zuletzt einzig darin, dass sie handelbar waren.

Dennoch ist auch für FinanzexpertInnen unklar, weshalb die UBS diese Papiere in ihrer Bilanz behält. Die von der Nationalbank vorgebrachte Begründung verwirrt. Denn die Buchungsvorschriften wurden bereits am 13. Oktober geändert, also noch bevor das UBS-Rettungspaket verabschiedet worden war. Eine mögliche Erklärung: Die UBS wollte weitere Abschreiber verhindern, die die Überweisung der Wertpapiere in die SNB-Zweckgesellschaft mit sich gebracht hätte. Denn vor der Bilanzpressekonferenz hiess es in Börsenkreisen, die Aktien der UBS würden abgestossen, sollte der Verlust der UBS die 20-Milliarden-Grenze übersteigen. Die Bank schoss nur haarscharf daran vorbei. Sie gab so viel bekannt, wie sie musste – und durfte.

Spielen auf Zeit

Ein Nachgeschmack bleibt: Die in die Zweckgesellschaft ausgelagerten Schrottpapiere in der Höhe von rund 40 Milliarden Dollar können mit grösster Wahrscheinlichkeit als verloren angesehen werden. Aber auch die übrigen 20 Milliarden, die in der UBS-Bilanz bleiben, bergen ein Risiko. Sie sind eine tickende Zeitbombe, genauso wie die Risikopapiere in der Höhe von mindestens 300 Milliarden, die noch in der UBS-Bilanz schlummern. Die Antwort der UBS: spielen auf Zeit und warten, dass die Krise irgendwann wieder vorbei ist. Doch das Finanzsystem bleibt schwer angeschlagen  – und damit auch die UBS. Zu glauben, dass sie sich bereits wieder auf dem Weg nach oben befindet, bloss weil im Januar der Geldabfluss gestoppt werden konnte, wäre naiv.

Im Herbst retteten Bund und Nationalbank die UBS mit Steuergeldern und unter Aushebelung der Demokratie. Das Ziel war damals nicht, der UBS zu helfen, damit sie weitermacht wie bisher, sondern einen Zusammenbruch der Schweizer Volkswirtschaft zu verhindern. Doch die ungewisse Zukunft der UBS – und der CS, die diese Woche ebenfalls hohe Verluste bekannt gegeben hat – stellt für die Schweiz nach wie vor ein systemgefährdendes Klumpenrisiko dar. Sie wird im Wesentlichen von den Entwicklungen in den USA abhängen. Schafft es die Bank dort, ihr arg ramponiertes Image zu verbessern und sich neu zu positionieren? Wie stark wird der Druck der Regierung Obama auf das Bankgeheimnis und die Steueroase Schweiz sein? Welche Strategie verfolgt die Bank, wenn die Schweiz diese zwei Vorteile nicht mehr bietet? Und was passiert, wenn die Zeitbomben in der UBS-Bilanz hochgehen?

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text Die Bombe tickt ... aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr