Nr. 43/2008 vom 23.10.2008

Ubs, was kaufen wir denn da?

Hypothekarschulden, StudentInnendarlehen und eine Blackbox von achtzehn Milliarden Dollar. Der wirkliche Wert der nationalisierten UBS-Papiere bleibt im Dunkeln.

Von Daniel Stern

In naher Zukunft soll der Schweizerischen Nationalbank und damit allen SchweizerInnen eine sogenannte Zweckgesellschaft auf den Cayman Islands gehören, die in ihren Büchern über Wertschriften von bis zu sechzig Milliarden US-Dollar verfügen wird. Diese Papiere werden in den nächsten Wochen und Monaten der Schweizer Grossbank UBS abgekauft, die dafür 54 Milliarden US-Dollar erhält.

Alle wissen: Das ist ein schlechter Deal. Die sechzig Milliarden sind reine Buchwerte. Würde man versuchen, die Papiere heute auf dem freien Markt zu verkaufen, so bekäme man dafür nur einen Bruchteil dieses Werts. Je nach Gusto nennt man diese Wertschriften deshalb «giftig», «Schrott» oder beschönigend «risikoreich». Doch das Direktorium der Nationalbank gibt sich optimistisch. «Wir haben Zeit», sagte Nationalbank-Direktor Jean-Pierre Roth bei der Bekanntgabe des Deals. Was für die UBS zu ständig neuen Abschreibern und weiteren Vertrauensverlusten bei der Kundschaft führe, sei für die Nationalbank kein Problem. Man warte einfach so lange ab, bis sich wieder Käufer fänden, die die Wertpapiere zu einem vernünftigen Preis übernähmen. Da könne sogar noch ein Gewinn für die Nationalbank herausspringen und, wenns ganz gut laufe, selbst für die UBS. Was aber noch wichtiger sei, so der Tenor in der bürgerlichen Presse: Die Schweiz ist damit vor dem Zusammenbruch der UBS bewahrt und somit vor einer unabsehbaren Kettenreaktion, welche die ganze Volkswirtschaft an den Abgrund führen würde.

Die US-Konjunktur entscheidet

Rund zwei Drittel unseres künftigen Portfolios stehen in direkter Verbindung mit der ökonomischen Entwicklung in den USA. Der Gegenwert eines Grossteils der Papiere sind theoretisch private Wohnhäuser und kommerzielle Liegenschaften. Allerdings sind die Wertpapiere nicht direkt an bestimmte Objekte gebunden. Man kann also nicht zu einem betreffenden Haus hinfahren, mit dem Hausbesitzer reden und abschätzen, wie viel Wert die Liegenschaft hat und wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass der Besitzer seine Zinsen pünktlich bezahlt. Es sind vielmehr Wertpapiere, in denen unterschiedlichste Hypothekarschulden zusammengezogen und so verpackt worden sind, dass niemand mit Sicherheit einen konkreten Wert anzugeben weiss. So konnte damit frei gehandelt werden. Jetzt sitzen die Banken auf diesen Papieren, die niemand mehr will, und müssen deren Wert ständig weiter runterschreiben, was zu Verlusten in der Bilanz führt.

Das Risiko besteht, dass diese Spekulationspapiere nie mehr zu einem vernünftigen Preis verkauft werden können und die Zinsen darauf nicht bezahlt werden. So weit könnte es vor allem kommen, wenn die USA tatsächlich in eine lange und tiefe Rezession stürzen, wie dies heute viele ExpertInnen prognostizieren.

In den USA werden säumige HypothekarschuldnerInnen sehr schnell auf die Strasse gesetzt. Oft verlassen sie ihr Heim schon vorher, um sich weitere Unannehmlichkeiten zu ersparen. Die Häuser verkommen, oder die zuständige Bank muss mit viel Aufwand neue KäuferInnen suchen und legt angesichts der gesunkenen Marktpreise noch drauf. Auf den Bodenpreis sollte man dabei nicht hoffen: Anders als in der Schweiz ist in den USA Land kein knappes Gut. Wenn mehr und mehr Leute in einem Quartier ihre Häuser verlassen, so sinkt der Bodenpreis schnell.

Die Blackbox

Ein kleinerer Teil der US-Papiere, die uns künftig gehören werden, beruhen auf Darlehen, die öffentliche Institutionen an StudentInnen gegeben haben. Die UBS zimmerte aus den langfristigen Anleihen dieser Institutionen kurzfristig handelbare Wertschriften. Dummerweise wollte irgendwann dieses Jahr niemand mehr diese Auction Rate Securities (ARS) kaufen. Die UBS blieb schliesslich auf Papieren mit heutigem Wert von 8,4 Milliarden sitzen – die sie jetzt an uns abstösst. Weitere solche Papiere im Wert von fünf Milliarden darf sie uns gemäss Abmachung in den nächsten Monaten noch verkaufen. Es sind dies jene ARS, welche sie von KundInnen zurückkaufen musste: Der Bundesstaat Massachusetts und einzelne AnlegerInnen haben die UBS verklagt, weil die Bank weiter ARS verscherbelt habe, als längst klar gewesen sei, dass der Markt dafür zusammenbreche.

Bei einer weiteren Kategorie von Papieren, welche wir über die Nationalbank von der UBS übernehmen, ist die Lage noch verworrener. Es handelt sich um Wertschriften im Wert von achtzehn Milliarden Dollar, die «primär keine» US-Papiere seien, wie die UBS mitteilte. Sie sollen das Portfolio der Zweckgesellschaft «diversifizieren». Einige dieser Papiere sollen im Zusammenhang mit den Immobilienmärkten in Europa und Asien stehen, heisst es in UBS-Kreisen. Die Verkäuferin UBS will jedoch keine Liste dieser Wertschriften veröffentlichen, und auch die Nationalbank als Käuferin will dazu keine Auskunft geben. Man wolle allfällige Verkaufschancen nicht gefährden, begründet deren Pressesprecher Werner Abegg das Schweigen. Der Wert dieser Papiere werde aber «von neutraler Stelle» überprüft. Wer diese neutrale Stelle ist, will Abegg nicht verraten. Wir haben unserer Bank zu vertrauen.

Und wenns schiefgeht?

Die Nationalbank verteilt jährlich 2,5 Milliarden Franken, zu einem Drittel an den Bund und zu zwei Dritteln an die Kantone. Sie stellt damit für die Bundes- und Kantonshaushalte eine regelmässige und wichtige Einnahmequelle dar. Die Nationalbank verfügte per Ende 2007 über Ausschüttungsreserven in der Höhe von rund 18 Milliarden Franken. Sie kann also auch gewisse Verluste wegstecken, ohne auf die Ausschüttungen verzichten zu müssen. Lässt sich jedoch mit unserem Portfolio tatsächlich nur noch ein Schrottpreis lösen, so müsste die Nationalbank für ein oder mehrere Jahre auf ihre Ausschüttungen verzichten. Dies hätte zwangsläufig Folgen für das Bundesbudget und die Kantonsfinanzen. Je nach politischer Konstellation wären Steuererhöhungen oder Einsparungen bei den Ausgaben zu erwarten.

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