Nr. 38/2016 vom 22.09.2016

Kein Wandel in Sicht

Gegen die alte Fifa-Spitze wird in den USA engagiert ermittelt. Aber auch die neue Führung des Fussballweltverbands will von der längst nötigen Reform der Betriebskultur nichts wissen.

Von Jens Weinreich

Längst ist das System des Fussballweltverbands Fifa als globaler Selbstbedienungsladen und einzigartige Parallelgesellschaft enttarnt. Zurzeit laufen die Ermittlungen in mehr als einem Dutzend Ländern noch auf Hochtouren, die strafrechtlichen Würdigungen stehen aus.

Ab November sollen nun in den USA, deren Justizministerin Loretta Lynch als Distriktstaatsanwältin in Brooklyn vor einigen Jahren die Ermittlungen zum Fifa-Komplex aufnahm, die ersten Urteile gesprochen werden. So wird bald das Verdikt gegen den ehemaligen Fifa-Vizepräsidenten Jeffrey Webb erwartet, einen Banker von den Cayman Islands und langjährigen Vertrauten und Protegé des ehemaligen Fifa-Präsidenten Joseph Blatter. Der Fall Webb ist besonders spektakulär, gehen Beobachter doch davon aus, dass Webb über Wissen verfügt, das den langjährigen Fifa-Präsidenten Blatter noch weiter in den Abgrund ziehen könnte. Webb hat, wie andere vor ihm, in grösster Not geplaudert, um sein Strafmass entscheidend zu lindern.

Das ist eine wichtige Lehre aus den Fifa-Ermittlungen: Letztlich hilft nur die volle Härte des Gesetzes. Erst wenn es wie bei Jeffrey Webb darum geht, nicht zwanzig Jahre hinter Gittern zu landen, werden die Herrschaften geständig, die sich vor kurzem noch als Herren des Universums fühlten und auch so gerierten.

Loretta Lynch und der Schweizer Bundesanwalt Michael Lauber haben vor einem Jahr in Zürich versprochen, mit aller Härte des Gesetzes im Fifa-Reich aufzuräumen. «Der Umfang unserer Ermittlungen ist unbegrenzt», sagte Lynch damals nach dem Fussballverbrechen-Gipfeltreffen mit ihrem Schweizer Kollegen. Vor wenigen Tagen sind weitere 24 Aktenordner mit brisantem Material aus der Schweiz in den USA eingetroffen.

Alarmierende Zeichen

Die Fifa kommt nicht zur Ruhe. Wobei es keinesfalls nur um die Aufarbeitung vergangener Skandale und Verbrechen geht. Einige der neuen Namen an der Fifa-Spitze selbst sind auch in allerlei undurchsichtige Machenschaften verstrickt. Skandälchen reiht sich an Skandal, Mutmassung an Vorwurf – und all diese Vorgänge zeigen, dass die Unkultur des Gebens und Nehmens und eine mafiaähnliche Praxis der Patronage weiter dominieren.

Belege en masse dafür liefert der neue Fifa-Präsident Gianni Infantino, seit Ende Februar im Amt und zuvor als Generalsekretär des europäischen Fussballverbands Uefa nachweislich ein Reformverweigerer. Jüngstes Beispiel für offensichtliche Hinterzimmerdeals war vor einer Woche die Wahl des Slowenen Aleksander Ceferin zum Präsidenten der Uefa, eines Kontinentalverbands, der mit rund zwei Milliarden Euro pro Saison sogar mehr Geld umsetzt als die Fifa. Ceferin wird nun als Uefa-Boss automatisch Vizepräsident der Fifa. Dem Senkrechtstarter vom Balkan wird unter anderem vorgeworfen, seinen fussballerischen Lebenslauf gefälscht zu haben, was er bestreitet. Sollten sich die gut dokumentierten Vorwürfe indes bestätigen, wäre Ceferin nicht wahlberechtigt gewesen, müsste umgehend gesperrt werden – und die Uefa-Präsidentschaftswahl müsste wiederholt werden. Doch was zählen schon Regeln, wenn man seine Freunde an den Schalthebeln weiss.

Aleksander Ceferin ist, auch das passt ins Bild, ein Kandidat des einflussreichen russischen Verbandspräsidenten Witali Mutko, der zugleich russischer Sportminister ist – und als solcher auch Architekt des Staatsdopingsystems, das die olympische Welt seit Monaten in Atem hält. Auch ein frisch verpflichteter Berater des Fifa-Präsidenten Infantino unterstützte Ceferins überraschende Kandidatur. Auf dem Uefa-Sonderkongress in Athen gewann Ceferin, ein Anwalt aus Ljubljana, mit 42 : 13 Stimmen gegen den Niederländer Michael van Praag, jenen Mann, der Russlands Bewerbung für die Fussball-WM 2018 und allerhand andere skandalbehaftete Vorgänge aufklären lassen wollte. Die Präsidentschaft van Praags galt es zu verhindern. Ceferin hingegen garantiert Kontinuität und Ruhe.

Kein Wunder, dass Michael van Praag, ein Mann mit gutem Leumund, bei der Uefa-Wahl in Athen chancenlos blieb. Der Präsident des Königlich Niederländischen Fussballverbands hält die Dominanz schwer belasteter Figuren wie Mutko für ein «katastrophales Zeichen». Er sagt: «Es sollte nicht sein, dass eine Regierung bei Wahlen in Sportverbänden derartigen Einfluss hat.» Fifa-Boss Infantino dagegen lobt Mutko an allen Fronten. Er leiste exzellente Arbeit in der Fifa und für die WM 2018, erklärte er vergangene Woche am Rand einer zweifelhaften «Ethik-Konferenz» im Home of Fifa auf dem Zürichberg.

Mutko, Ceferin, Infantino und andere Figuren alten Schlages, die sich nachweislich wichtigen Reformen verweigert haben und im Fifa-Reich zu den Bremsern zählten, bestimmen jetzt nahezu unangefochten den Lauf der Dinge. Das sind alarmierende Zeichen.

Traumhafte Bonuszahlungen

Immerhin bleibt in den USA gehörig Bewegung in der Sache. Dort wird unter dem sogenannten Rico-Act (Racketeer Influenced Corrupt Organizations Act), einem Sondergesetz zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität, vergleichsweise zügig ermittelt. Nur wenige der inzwischen mehr als vierzig Funktionäre, Manager und Firmen wehren sich gegen die teilweise lückenlos dokumentierte Anklage. Fast die Hälfte der Angeklagten, denen in der Regel Haftstrafen von mehreren Jahrzehnten drohen, hat vollumfänglich gestanden und in grösster Not Deals mit den Behörden arrangiert. Von anderen weiss man (noch) nicht, inwieweit sie mit den ErmittlerInnen kooperieren.

Es geht um Geldwäsche, Betrug, Erpressung, bandenmässige Verschwörung, Korruption und andere Delikte. 200 Millionen US-Dollar Strafzahlungen wurden bereits an die US-amerikanische Justizkasse entrichtet. Summiert man alle bekannten Fälle im gesamten Fifa-Komplex, beläuft sich die derzeitige Schadenssumme auf etwa 500 Millionen Dollar.

Auch die Fifa selbst blieb nicht untätig. Sie hat inzwischen bei einem Gericht in New York Rückforderungsansprüche von knapp 30 Millionen US-Dollar gegen Fifa-Grossbetrüger eingereicht, die gestanden haben – vor allem von den Kontinentalverbänden von Nord- und Mittelamerika (Concacaf) sowie Südamerika (Conmebol). Ausserdem beschuldigten die neue Verbandsspitze und deren Anwälte im Frühsommer den langjährigen Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke und den ehemaligen Fifa-Finanzchef Markus Kattner, sich gegenseitig traumhafte Verträge zugeschustert zu haben. Allein zwischen 2011 und 2015 habe das Trio mindestens 79 Millionen Franken kassiert. Diese Zahl könne sich nach weiteren Ermittlungen durchaus erhöhen, erklärten die Fifa-Anwälte William Burck (USA) und Thomas Werlen (Schweiz). Die Unterlagen wurden der Schweizer Bundesanwaltschaft, dem US-Justizministerium und der Fifa-Ethikkommission übergeben. Burck, dessen Anwaltskanzlei Quinn Emanuel Urquhart & Sullivan die Fifa seit dem Sommer 2015 quasi unter Zwangsverwaltung führt, sprach von koordinierter Selbstbereicherung. Einige der traumhaften Bonuszahlungen, etwa zur Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika, seien möglicherweise sogar ohne vertragliche Grundlage gezahlt worden. Blatter, Valcke und Kattner bestreiten sämtliche Vorwürfe.

Derlei Offensivaktionen sind für die Fifa überlebenswichtig. Schliesslich geht es darum, in den US-Verfahren offiziell den Status einer geschädigten Partei zu erhalten und nicht als kriminelle Vereinigung behandelt und womöglich zerschlagen zu werden. Noch ist diese Gefahr nicht abgewendet.

Im Uefa-Reich klickten bislang keine Handschellen, anders als die vielen AmerikanerInnen blieben die europäischen Fussballfunktionäre weitestgehend von strafrechtlichen Ermittlungen verschont. Das kann sich jederzeit ändern. Anfang September etwa führte die Schweizer Bundesanwaltschaft Hausdurchsuchungen in der Schweiz und Österreich im Rahmen von Ermittlungen gegen die deutsche Fussballikone Franz Beckenbauer und andere ehemalige deutsche Funktionäre durch. Es sind die Nachwehen der vom deutschen Nachrichtenmagazin «Spiegel» vor einem knappen Jahr enthüllten Millionentransfers im Kontext der deutschen WM-Bewerbung 2006. Vor wenigen Tagen berichtete der «Spiegel» nun über neue, bislang geheim gehaltene Millionenzahlungen an Beckenbauer. Der Deutsche Fussball-Bund, angeblich der mitgliederstärkste nationale Einzelsportverband der Welt, bleibt schwer erschüttert und könnte bald die nächsten Führungskräfte verlieren, nachdem bereits Präsident Wolfgang Niersbach zurücktreten musste. Franz Beckenbauer, wohnhaft in Salzburg, droht derweil wie vielen anderen ehemaligen Fifa-Vorstandsmitgliedern eine mehrjährige Haftstrafe.

Ermittlungen auch in der Schweiz

Auch in der Schweiz laufen einige Strafverfahren und Ermittlungen – nicht nur gegen Blatter und den einstigen Fifa-Generalsekretär Valcke wegen des Verdachts der Veruntreuung und ungetreuen Geschäftsbesorgung. Neben der WM-Vergabe an Russland soll auch die Entscheidung für die WM 2022 in Katar aufgeklärt werden. Russland und Katar haben seit der umstrittenen Abstimmung des Fifa-Exekutivkomitees am 2. Dezember 2010 insgesamt schon eine dreistellige Milliardensumme in diese WM-Abenteuer investiert. Der russische Präsident Wladimir Putin und das Staatsoberhaupt des Emirats Katar, Tamim bin Hamad al-Thani, haben diese Turniere, die weltweit höchst umstritten sind, zur Chefsache gemacht. Da kann eine Bundesanwaltschaft wohl kaum etwas ausrichten, selbst wenn sie wollte und für derlei aufwendige und grenzüberschreitende Recherchen personell wie finanziell besser ausgestattet wäre. Die neue Fifa-Führung unter Gianni Infantino, ein Walliser wie sein Vorgänger Blatter, hat längst den Schulterschluss mit Russland und Katar vollzogen.

Höchstwahrscheinlich werden in den nächsten Monaten ein Dutzend ehemalige Fifa-Vorstandsmitglieder zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. An den WM-Entscheidungen für Russland und Katar wird aber nicht gerüttelt. So will es die Fifa. Eine Aufklärung aller Vorgänge um diese Weltmeisterschaften oder gar eine Neuvergabe muss unbedingt verhindert werden. Die Wahrheit würde das System implodieren lassen und die Fifa vernichten.

Jens Weinreich recherchiert seit mehr als zwei Jahrzehnten im Schattenreich Fifa. Vergangene Woche enthüllte er bislang geheim gehaltene Millionenzahlungen an die deutsche Fussballikone Franz Beckenbauer. Seine Arbeit wurde vielfach ausgezeichnet. So erhielt er im Frühjahr mit einem Team des Nachrichtenmagazins «Spiegel» für die Enthüllungen zu dubiosen Millionentransfers bei der WM 2006 in Deutschland den Nannen-Preis, den wichtigsten deutschen Investigativpreis. Siehe auch www.jensweinreich.de.

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