Nr. 14/2009 vom 02.04.2009

«Du lässt ihn leben, oder?»

Nicht die Kinder sind schwierig, aber die Bedingungen, unter denen sie aufwachsen. Eine Primarlehrerin erzählt vom Schulalltag in einer Agglomerationsgemeinde.

Von Bettina Dyttrich

«Ich würde weder die Klasse noch die Schule tauschen wollen», sagt Karin Rieter (alle Namen geändert). Sie hat auch schon in reichen Gemeinden gearbeitet. Aber hier gefällt es ihr besser. «Die Kinder sind direkter, weniger distanziert. Und Schlägereien gibt es überall.» Die Dreissigjährige ist Primarlehrerin an einer Schule, deren Namen in der Zeitung nicht genannt werden soll, einer Schule, wie sie typisch ist für viele Agglomerationsgemeinden um Schweizer Städte. Dort, wo die meisten SchweizerInnen nur im Notfall hinziehen würden, wo die Einkommen tief sind und der Ausländeranteil hoch. Nur wenige Kinder, die hier eingeschult werden, schaffen es später ins Gymnasium, und wenn eine neue Lehrkraft gesucht wird, bewirbt sich kaum jemand. In Zeiten des allgemeinen LehrerInnenmangels schon gar nicht.

In Karin Rieters vierter Klasse, die sie im Jobsharing mit einer zweiten Lehrerin unterrichtet, sind 20 von 23 SchülerInnen ausländischer Herkunft. Doch entscheidend sei nicht die Herkunft, sondern die schwierige wirtschaftliche und soziale Situation der Eltern, sagt sie.

«Viele können ihre Betreuungsaufgabe nicht richtig wahrnehmen, weil sie zu viel arbeiten müssen. Und sie können die Kinder nicht unterstützen, weil ihnen die Bildung fehlt. Die Schule muss einen Teil der Betreuung übernehmen, für den sie eigentlich nicht zuständig wäre. Ich mache das ja gern ..., aber es würde mehr Menschen brauchen, die sich um die Kinder kümmern. Viele stehen schon um Viertel nach sieben vor dem Schulhaus, obwohl der Unterricht erst um zehn nach acht anfängt. Weil die Eltern so früh zur Arbeit müssen.»

Auch an diesem Morgen sind viele Kinder schon da, als die Lehrerin um zwanzig vor acht auf dem Pausenplatz eintrifft. Vesna und Gianni kommen angerannt, strecken ihr die Hand hin und begrüssen sie auf Schriftdeutsch. Alle sprechen Schriftdeutsch mit den Erwachsenen, auch auf dem Pausenplatz. Vor dem Schulzimmer stehen schon ein Dutzend Kinder, als könnten sie den Schulbeginn kaum erwarten. Doch viele haben die Hausaufgabe nicht gemacht, das Übungsdiktat zum Thema «Ernährung». Rieter schlägt vor, dass sie es jetzt nachholen.

«Ich habe Glück mit diesen Kindern. Ich staune immer wieder über ihre Freude und Energie. Langsam beginnen sie auch, ihre eigenen Ideen und Wünsche einzubringen. Es ist schön, zu sehen, dass es etwas bringt, wenn man sich einsetzt. Ich bin sehr froh über das Jobsharing; der Austausch mit Anna hilft mir, klarer zu denken, und ich fühle mich viel sicherer, wenn wir die Entscheide gemeinsam treffen. Auch der Rückhalt im Team und die unkomplizierte Unterstützung von Schulleitung und Schulsozialarbeit sind sehr hilfreich.»

Im Unterricht geht ein Fach ins andere über: Das Präteritum wird spielerisch mit einem Lied geübt; Musik, Bewegung und Rhythmusspiele sind ein wichtiger Teil der Schulstunden. In der ersten Pause bleiben die meisten ViertklässlerInnen im Zimmer. Viele arbeiten weiter am Schulstoff, während in der Spielecke einige Jungen lautstark herumbalgen. Salim stürzt sich auf Blerim - «du lässt ihn leben, oder?», fragt die Lehrerin, doch das Ganze bleibt freundschaftlich. «Sie machen das absichtlich im Schulzimmer und nicht im Gang draussen», erklärt Rieter später. «Sie versuchen dauernd, meine Aufmerksamkeit zu bekommen.»

Rajeshs Eltern sind ehrgeizig

Nach der Pause sollen die Kinder aufschreiben, was sie am Vortag gemacht haben. Die einen schreiben in kurzer Zeit ein Blatt vorne und hinten voll, andere bleiben schon bei der Schilderung des Frühstücks stecken. In den ersten zwei Lektionen ist die Klasse aufgeteilt: Die besten SchülerInnen besuchen den Förderunterricht. Zum Beispiel Rajesh, ein zierlicher, korrekter Junge, der wie ein Achtjähriger aussieht. Er ist einer der wenigen in dieser Klasse, die in der Freizeit volles Programm haben: Kurse, Musikstunden, Nachhilfe - «obwohl er es nicht nötig hätte», meint die Lehrerin. Aber Rajesh soll es ins Gymnasium schaffen. Die Eltern sind ehrgeizig.

«Sie sind wirklich noch Kinder, sie hängen sehr an den Lehrerinnen, sind noch nicht distanziert wie Teenager. Gleichzeitig beginnt körperlich bereits die Pubertät. Und sie haben schon viel gesehen, bei älteren Geschwistern, am Fernsehen und im Internet. Sie sind mit der Erwachsenenwelt konfrontiert. Ich merke das auch an den Witzen, die sie erzählen.»

Es blieb nicht bei Witzen: Im Herbst hatten die Lehrerinnen mit Provokationen einiger Jungen zu kämpfen. Diese machten sich ein Spiel daraus, den Mädchen an den Po zu fassen und sie mit sexuellen Ausdrücken wie «Bitch», «Lutsch mich» und anzüglichen Bewegungen anzumachen. «Sie haben selber nicht genau verstanden, was sie tun», sagt Karin Rieter. «Meine Kollegin und ich waren unsicher, für wie gravierend wir die Situation halten sollten. Wir holten Hilfe bei einer sexualpädagogischen Beratungsstelle und erfuhren, dass eine sofortige Intervention nötig war.» Die Jungen, die es betraf, bekamen Spielplatzverbot, ihre Eltern wurden zu einem Gespräch mit der Schulleiterin eingeladen. «Und wir begannen schon in der vierten Klasse mit dem Sexualkundeunterricht. Ziel war es, den Kindern durch die Klärung von Begriffen mehr Sicherheit zu geben und ihnen verständlich zu machen, welche Berührungen und Ausdrücke die Grenzen anderer Kinder verletzen.»

«Das Wichtigste, finde ich, ist die Erkenntnis, dass solche Dinge bereits in der vierten Klasse geschehen können und dass die Lehrpersonen etwas dagegen tun müssen. Leider findet an vielen Primarschulen bis heute keine Sexualkunde statt. Und wenn etwas passiert, wird es entweder tabuisiert, oder es gibt einen Skandal, und alle schreien nach härteren Jugendstrafen. Aber die langfristig wirksamen Massnahmen werden vernachlässigt, die den Schülerinnen und Schülern einen guten Umgang mit dem eigenen Körper, mit den eigenen und fremden Grenzen vermitteln könnten.»

Auch der Turnunterricht ist eine gute Gelegenheit, um Grenzen kennenzulernen - eigene und fremde. Nach verschiedenen Arten von Fangis und einer Runde Liegestütze und Rumpfbeugen, die die Kinder stöhnend und jammernd mitmachen, steht ein Ringkampfspiel auf dem Programm: Je zwei Mädchen oder Jungen stehen Rücken an Rücken, hängen sich ein und versuchen, einander von der Matte zu schieben. «Das ist ein Stück Gewaltprävention - merken, was drinliegt und was nicht», sagt Karin Rieter. Bei den anschliessenden Akrobatikübungen geht es ebenfalls um Grenzen. Die Lehrerin erklärt ausführlich, wie der Rücken geschont werden muss. «Sagt immer gleich Stopp, wenn es wehtut.» Dann folgt ein Schlagballspiel, an dem sich die ViertklässlerInnen begeistert beteiligen. Rieter schreitet bei Hänseleien immer sofort ein und unterbricht Radau mit der Trillerpfeife.

Timo kann nicht mitturnen, weil ihm der Fuss wehtut. Er setzt sich auf die Bank und beginnt, einen Witz zu erzählen: «Ein Raucher, ein Alkoholiker und ein Schwuler gehen zum Doktor ...» Nicht ganz jugendfrei, der Witz, doch der Zehnjährige erzählt in einwandfreiem Hochdeutsch, mit einem Eifer, als würde er einen Aufsatz vorlesen.

Timo ist ein Aussenseiter. Er beherrscht den Angeberton nicht, der bei manchen Mädchen der Klasse gut ankommt. «Er stösst sie vor den Kopf, weil er fast väterlich mit ihnen umgeht», erzählt die Lehrerin. Geschwister hat er keine, er lebt allein mit der Mutter, die von früh bis spät im Verkauf arbeitet. Zu den Lehrerinnen bleibt sie auf Distanz. Als die ViertklässlerInnen letzten Herbst eine Zeichnung über ihre Ferien machen sollten, hat Timo einen Fernseher gemalt.

Noras Mutter ist ausgerastet

In dieser Klasse dominieren die Jungen. Viele Mädchen wirken sehr schüchtern, melden sich im Unterricht kaum zu Wort. Nora zum Beispiel, die auch während des Turnens kaum aus sich herauskommt. Noras Mutter ist kürzlich ausgerastet im Coop, hat Leute beschimpft. Das ganze Quartier weiss es. Ein Vater hat verlangt, dass sein Sohn nicht mehr neben diesem Mädchen sitzen müsse. «Ich habe ihm eine Moralpredigt gehalten», erzählt die Lehrerin erbost. «Ausgerechnet ein strenggläubiger Christ. Ich habe ihn gefragt, ob es etwa christlich sei, Kinder auszuschliessen, weil sie Probleme in der Familie haben.» Rieter hat mit Nora gesprochen. «Ich habe ihr gesagt, dass ich vom Gerede weiss und mich davon nicht beeinflussen lasse. Seither ist sie viel gelöster. Ich kann zwar ihrer Mutter nicht helfen, aber zumindest Nora unterstützen.»

«Es gibt in unserem Schulhaus viele Angebote, die ich toll finde. Alle Kinder bekommen einen Znüni mit Obst und Gemüse. Wir haben eine gute Schulhausbibliothek, auch mit albanischen und serbokroatischen Büchern. Die Spielkiste, die von den Sechstklässlern verwaltet wird, von der die Kinder in der Pause Spielzeug ausleihen können. Den Unterstufen- und den Mittelstufenchor. Alle vier Wochen gibt eine Klasse eine Darbietung für das Schulhaus. Unsere Klasse hat eine Rapvorführung vorbereitet, auf Englisch, wir waren sehr stolz auf uns. Und jetzt studiert die ganze Schule ein Musical ein.»

Es gibt also viel Positives im Schulalltag - doch die Probleme bleiben. Das grösste ist die fehlende Betreuung. Der Hort ist ausgebucht. Am Mittag können die Kinder zwar in der Schule essen, aber abgesehen von der Köchin passt dort niemand auf sie auf. Und nach der Schule bleiben viele stundenlang unbeaufsichtigt. «Der Umgang mit dem Internet ist ein Problem. Viele Kinder haben Zugang zu Websites, die nicht kindergerecht sind, und sie haben niemanden, mit dem sie über das Gesehene reden können. Häufig wissen die Eltern gar nicht, was die Kinder in der Freizeit tun. Sehr mühsam sind gegenseitige Beschimpfungen in Chatforen, das betrifft Mädchen und Jungen. Häufig werden Passwörter geklaut, ein Mädchen gibt sich als ein anderes aus und attackiert Mitschülerinnen, oder sie beschimpfen sich anonym.» Die Lehrerin gibt den Kindern Anregungen, wie sich die Freizeit anders gestalten liesse als vor dem Bildschirm. Auch die Eltern versucht sie einzubinden, indem sie zum Beispiel vor den Ferien eine Liste mit Museumstipps verteilt. Aber das Echo ist klein.

«Manchmal belastet es mich sehr, die soziale Situation zu sehen und nichts dagegen tun zu können. Es macht mich wütend, wenn ich Bekannte sagen höre: ‹Diese Ausländer sollen gar keine schöne Schule haben. Je schlechter es ihnen geht, desto weniger kommen in die Schweiz.› Sie verstehen nicht, dass diese Kinder unsere zukünftige Gesellschaft sind.»

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