Nr. 05/2013 vom 31.01.2013

Wie viel Hierarchie braucht die Schule?

Muss eine Schulleiterin ausgebildete Lehrerin sein? Am 3. März wird darüber im Kanton Zürich abgestimmt. Es geht um grundlegende Fragen über die Rolle der Schulleitung.

Von Bettina Dyttrich (Text) und Ursula Häne (Foto)

«Wer nie unterrichtet hat, weiss einfach zu wenig»: Schulleiterin Annemarie Hösli von der Zürcher Primarschule Aussersihl findet, SchulleiterInnen sollten ein Lehrdiplom haben.

Der Zürcher Kreis 4 gehört nicht nur dem Milieu, dem Verkehr und den Gewerkschaften. Er gehört auch den Kindern. Zumindest hier, direkt neben der Bäckeranlage. Auf der gesperrten Strasse spielen Kinder Fussball und Hockey, rennen einander nach, spazieren in Grüppchen herum. Ein Junge zitiert einen Satz aus seiner Muttersprache. Oder ist es eine Geheimsprache? «Waas heisst denn daas?», fragt seine Schulkollegin lachend.

Hier stehen zwei mächtige Schulhäuser direkt nebeneinander. Vor mehr als hundert Jahren wurden sie gebaut, um die vielen Kinder des schnell wachsenden ArbeiterInnenquartiers zu bilden. Heute sind die beiden Häuser zusammengeschlossen zur Primarschule Aussersihl. Auch mehrere Kindergärten und Horte in nächster Nähe gehören dazu; 230 Kinder aus zwei Dutzend Ländern gehen hier zur Schule. Lange zogen fast alle Schweizer Eltern weg aus Aussersihl, wenn ihre Kinder schulpflichtig wurden. Sie fürchteten das Milieu, den Verkehr, die schlechten Deutschkenntnisse der ausländischen SchülerInnen. Inzwischen, sagt Schulleiterin Annemarie Hösli, gebe es wieder gut fünfzehn Prozent «bildungsnahe» Kinder hier, die meisten aus der Schweiz. «Ihre Eltern haben sich bewusst entschieden, in Aussersihl zu bleiben, und engagieren sich sehr im Schulalltag.»

«Pädagogik kommt zu kurz»

Bei Annemarie Hösli und Koschulleiter Roger Hartmann laufen die Fäden zusammen. Das heisst: Sitzungen, Gespräche, Sitzungen. Mit Lehrerinnen, anderen Schulleitern, der Kreisschulpflege – der staatlichen Aufsichtsbehörde der Volksschule –, mit Hortmitarbeiterinnen, Heilpädagoginnen, Sozialarbeitern und SchulpsychologInnen, mit Eltern und dem SchülerInnenrat  … Hösli hilft neuen Lehrpersonen, sich im Schulhaus zurechtzufinden, besucht und beurteilt sie im Unterricht, aktualisiert die Dateien, wenn neue Kinder eintreten, plant Projekte für das ganze Schulhaus und Schulentwicklungstage fürs Team und beantwortet jeden Tag grosse Mengen E-Mails.

Dazwischen unterrichtet sie auch: Zwei Lektionen pro Woche sind fix, zwei für Noteinsätze reserviert, etwa wenn eine Lehrerin krank wird. «Manchmal ist der Wechsel nicht einfach, wenn ich den Kopf voll mit Administrativem habe», sagt Hösli. Trotzdem findet sie es gut: «Da sehe ich immer wieder, wie herausfordernd es ist, Schule zu geben!»

Welche Ausbildung eine Schulleiterin mitbringen muss, ist von Kanton zu Kanton verschieden. Im Kanton Zürich war das Lehrdiplom bisher eine Voraussetzung, genauso wie in St. Gallen. In anderen Kantonen wie Aargau, Thurgau und Bern kann jede Schulgemeinde selbst entscheiden, ob sie ein Lehrdiplom verlangt.

Bisher musste eine Schulleiterin im Kanton Zürich nicht nur ein Lehrdiplom haben, sondern auch mindestens vier Lektionen pro Woche unterrichten. Beides hat der Kantonsrat letztes Jahr abgeschafft. Neu soll die Schulleitungsausbildung der Pädagogischen Hochschule genügen: in Zürich ein Zertifikatslehrgang mit 250 Stunden Unterricht und knapp 300 Stunden Selbststudium.

Nachdem ein Kompromissvorschlag – SchulleiterInnen sollten «in der Regel» ein Lehrdiplom haben – nicht durchkam, haben die Gewerkschaft VPOD, der Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverband und der Verein der Sekundarlehrkräfte (Sek ZH) das konstruktive Referendum ergriffen. Sie verlangen für SchulleiterInnen weiterhin ein Lehrdiplom oder eine «pädagogisch gleichwertige Ausbildung». SP, EVP, Grünliberale und Alternative Liste unterstützen das Anliegen. Die SP und auch die Grünen empfehlen zweimal Ja (vgl. «Ohne Unterrichtspflicht» im Anschluss an diesen Text); die Grünen bevorzugen bei der Stichfrage allerdings den Kantonsratsbeschluss, die SP den Gegenvorschlag.

CVP, FDP und SVP sind gegen das Referendum. SVP-Kantonsrat Rochus Burtscher warnte im Parlament vor der «monopolistischen Haltung» des Referendumskomitees, die zu «Marktabschottung» führe. Am 3. März wird abgestimmt.

Katrin Meier, die Präsidentin der VPOD-Bildungskommission, sagt: «Die Schulleiterin ist Ansprechperson für Eltern, Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler. Sie braucht ein Basiswissen in Pädagogik und Entwicklungspsychologie, um zu wissen, wovon sie redet.» In der Schulleitungsausbildung komme die Pädagogik viel zu kurz. «Es ist eine Abwertung der Volksschule: In Mittel- und Berufsschulen ist weiterhin klar, dass die Rektorin Lehrerin ist, aber in der Volksschule soll es genügen, wenn jemand Management gelernt hat.»

Meier unterrichtet eine Mittelstufenklasse im Zürcher Schulhaus Hirschengraben. Etwas stört sie besonders: Im Gremium, das die LehrerInnen beurteilt und auch für die Lohneinstufung zuständig ist, muss in Zukunft keine Fachperson mehr sitzen. «Wer meinen Unterricht beurteilt, muss auch etwas davon verstehen.»

Allerdings werden auch in Kantonen, die lockerere Zugangsbedingungen haben, für die Schulleitung mehrheitlich ausgebildete LehrerInnen angestellt. Wird sich also gar nicht viel ändern? Dieses Argument überzeugt Katrin Meier nicht. «Warum die Regelung ändern, wenn Absolventinnen der Schulleitungsausbildung ohne Lehrdiplom doch keinen Job bekommen?»

«Horrorbild von Wirtschaftsmanagern»

Die Zürcher Grünen sind anderer Meinung. «Es kann der Schule nicht schaden, wenn Leute mit einem anderen Horizont kommen», sagt die Fraktionspräsidentin und langjährige Schulpflegerin Esther Guyer. «Ich verstehe das ganze Drama nicht. Es wird das Horrorbild von Wirtschaftsmanagern in der Schule heraufbeschworen. Erstens werden sich solche Leute kaum bewerben, und zweitens werden sie von der Schulpflege sicher nicht angestellt.» Es sei absurd, dass geeignete und motivierte Leute, zum Beispiel erfahrene SchulpflegerInnen, mit der heutigen Regelung nicht SchulleiterInnen werden könnten.

Esther Guyer ist überzeugt: «Ein Schulleiter muss in Zukunft nicht mehr zwingend unterrichten, und in diesem Fall muss er auch kein Didaktikexperte sein.» Wenn sich bei einem Unterrichtsbesuch zeige, dass eine Lehrperson Schwierigkeiten mit der Didaktik habe, könne man immer noch eine Fachperson beiziehen.

Die Schulleiterin Annemarie Hösli sieht das anders: «Wer nie unterrichtet hat, weiss einfach zu wenig.» Schon mehrmals hätten ihr LehrerInnen gesagt: «Weil du selber unterrichtest, merkst du, was unterschwellig in der Klasse läuft.»

Hösli gibt einen Einblick in die grosse Kunst der Pädagogik: «Die Unterrichtsplanung ist das eine – was wirklich in der Klasse läuft, etwas anderes. Was mache ich, wenn es in der Pause Streit gegeben hat? Aussenstehende denken oft, man könne das einfach ‹abstellen›. Aber als Lehrerin muss ich abschätzen, wie ernst die Sache ist. Muss ich den Streit nach der Pause thematisieren? Ist er so gravierend, dass die ganze Klasse dabei sein muss, oder spreche ich nur mit den Beteiligten und gebe den anderen in der Zwischenzeit eine Aufgabe? Dauernd muss ich solche Entscheide fällen – Hunderte pro Woche. Ich muss mit allen Sinnen präsent sein und auf mehreren Ebenen denken. Das kann ich nur beim Unterrichten lernen.» Diese Erfahrung helfe ihr als Schulleiterin enorm.

Die grüne Kantonsrätin und Schulpflegerin Esther Guyer betont dagegen die Distanz zwischen Lehrpersonen und Schulleitung: «Schulleiter sind nicht die Freunde und Berater der Lehrpersonen, sie sind erst einmal Vorgesetzte.» Viele LehrerInnen hätten Zeit gebraucht, um sich daran zu gewöhnen. Doch für die pädagogische Führung und Entwicklung der Schule seien Schulleitung und Lehrpersonen gemeinsam zuständig. «Damit ist die Mitsprache der Lehrpersonen gewährleistet.»

Schlechte Erfahrungen

Hinter diesem Konflikt stehen grundsätzliche Fragen: Wie viel Hierarchie braucht die Schule? Was ist ein guter Chef, eine gute Chefin? Annemarie Hösli sagt, sie verstehe sich durchaus als Vorgesetzte. «Es fällt mir heute leichter als am Anfang, klar zu sagen, was ich von den Lehrerinnen und Lehrern erwarte.» Gleichzeitig findet sie aber, Einfühlungsvermögen sei etwas vom Wichtigsten in ihrem Beruf. Der dauernde Austausch mit den LehrerInnen helfe sehr bei der Arbeit. In einem solchen Klima ist es wohl nicht nötig, dauernd die Hierarchien zu betonen.

Welche Erfahrungen gibt es mit SchulleiterInnen ohne pädagogische Ausbildung? Im Thurgau sind sie nicht gerade ermutigend: Der Thurgauer Schulleiter Bernard Gertsch, Präsident des Verbands Schulleiterinnen und Schulleiter Schweiz, hat im Kanton drei Schulleitungen ohne Lehrdiplom erlebt. «In einem Fall waren die Erfahrungen sehr positiv, in zwei Fällen aber schlecht, diese Personen sind heute nicht mehr Schulleitende.»

Eine schulische Heilpädagogin vermisste bei ihrem früheren Chef im Thurgau genau die pädagogische Kompetenz: «Ich arbeitete mit einer Lehrerin zusammen, die sehr schlecht unterrichtete, unstrukturiert, chaotisch. Allen, die eine Ahnung vom Unterrichten haben, wäre das sofort aufgefallen. Dem Schulleiter nicht. Am Ende des Unterrichtsbesuchs fragte er mich nach meiner Einschätzung, weil er selber so unsicher war.»

Im Schulhaus Aussersihl läutet es zur Mittagspause. Kinder rennen über den Pausenplatz. Ein Junge reisst einem Mädchen die Mütze weg, eine wilde Verfolgungsjagd beginnt. Drinnen im Schulhaus ist das Schulleitungsbüro wie jeden Mittag von 11.50 bis 12.15 Uhr offen für Anliegen von LehrerInnen und Kindern. Danach isst Annemarie Hösli ein Sandwich, später hat sie eine Besprechung mit ihrem Schulleiterkollegen. Und immer kann etwas Unerwartetes passieren.

Der Streit um die Mütze zumindest wird sie nicht beschäftigen. Er endet friedlich.

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