Nr. 16/2009 vom 16.04.2009

In Zeiten geringer Zuversicht

Schülerin in Wien, Vertriebene in Paris, Exilantin in London, kritische Sozialistin in der DDR und heute in Berlin - Hanna Behrends uneitler Lebensbericht gleicht einer grossen Glückssuche.

Von Erich Hackl

Manchmal geht einem Hanna Behrend mit ihrer Art, penibel Ausflugsziele, Autopannen, Familienfeiern, Jugendweihen, Katzenkrankheiten et cetera aufzulisten, gehörig auf die Nerven. Da möchte man das Buch in die Ecke pfeffern, was sich nicht empfiehlt, schliesslich ist es 800 Seiten stark, wiegt anderthalb Kilo und hat einen schädeldicken Einband, der einigen Schaden anrichten könnte. Ausserdem erweist sich Behrends Unfähigkeit, das umfangreiche biografische Material (Briefe, Tagebuchaufzeichnungen, Menükarten, Vortragsmanuskripte ...) literarisch zu bündeln, geradezu als Vorteil - es hilft der Erinnerung auf die Sprünge und betont den offenen Werkstattcharakter dieser unabgeschlossenen Lebensbeschreibung, die Behrend in fünf Abschnitte teilt, auch wenn sie dann chronologisch immer wieder vor und zurück hüpft. Aber Sprunghaftigkeit und Trubel gehören ja zur Dramatik ihrer 86 Jahre.

Der glanzlose Alltag

Im Epilog behauptet sie, «Die Überleberin» nicht so sehr für andere geschrieben zu haben, sondern um Klarheit zu gewinnen, über sich und auch die gesellschaftlichen Verhältnisse. An denen hat sie innig Anteil genommen, als Schülerin in Wien, als Vertriebene in Paris, als Exilantin, die das Exil als Verheissung wahrgenommen hat, in Manchester und London, als gleichermassen loyale wie kritische Sozialistin in Ostberlin. Dort lebt sie heute noch, uneins mit den Umständen, unter denen die demokratische Wende der DDR im Anschluss an die Bundesrepublik geendet hat, ohne Erwartung, doch noch eine hoffnungsvolle Zeitenwende zu erleben, aber auch ohne Verbitterung, mit ungebrochenem Mut, Dinge zu bewegen, in ihrem Wohnviertel, bei ihren Angehörigen, FreundInnen und Bekannten, als dem hochnäsigen Westfeminismus unerwünschte Feministin, als Historikerin der revolutionären Bauernaufstände, als Literaturwissenschaftlerin, der Literatur immer auch Quelle und Ausdruck gesellschaftlicher Erfahrung gewesen ist.

Auffallend, wie uneitel da jemand sich selbst auf der Spur ist, wie dieser Jemand nie der Versuchung erliegt, eigenes Verhalten zu beschönigen, andererseits auch nicht Abbitte leistet (wofür auch? für die vorwitzige Sehnsucht nach Kommunismus?), wie sie nüchtern, fast rau tief ins Private eindringt, in Sexualität, Krankheit, Streit, die glanzlosen Seiten des Alltags bespricht, die wir mit ihr teilen, aber kaum je bereden und schon gar nicht der Öffentlichkeit überantworten, weil sie jeglicher Transzendenz entbehren.

Man sieht schon: «Die Überleberin» ist in jeder Hinsicht ein gewichtiges Werk, dessen Titel und Untertitel - «Jahrzehnte in Atlantis», das heisst im Realsozialismus, der sich als Versuchsstation erwies - seiner Bedeutung nicht ganz gerecht werden; «Die Glücksucherin» würde ihm eher entsprechen. Es ist kein Widerspruch, dass dieses Wort, Glück, bei Behrend selten vorkommt, erst auf den letzten Seiten häuft es sich, im Nachdenken über die Lebens- und Arbeitsgemeinschaft der Verfasserin mit ihrem vor drei Jahren verstorbenen zweiten Mann, dem Historiker Manfred Behrend. Andererseits, dort spricht sie auch von ihrer Lebensfreude - und davon, dass sie diese schon als Kind in Wien verspürt hatte.

So weist die vorläufige Bilanz dieser ungemein lebendigen und - für kleinbürgerliche Gemüter - bis zur Peinlichkeit aufrichtigen Frau zurück in ihre erste Jugend, wo sie, sechzehnjährig, notiert hatte: «Etwas Merkwürdiges ist passiert: Als ich aus der Stadt zurückkam, fühlte ich, dass ich unverzüglich etwas schreiben müsse, sobald ich wieder zurück war. Und hier bin ich und mache mich ans Schreiben, trotz des Radios, das mich stört, obwohl alle Welt um mich herumwuselt, und ungeachtet meiner eigenen Faulheit. Was? Das Nächstliegende. Die interessanten Fälle um mich herum beschreiben.»

Das tut sie auch, ausführlich und schlampig zugleich, mit vielen Wiederholungen, die der Leser anfangs der Autorin, mehr noch der Lektorin, anlasten möchte, ehe er erkennt, dass ein Sachverhalt, mehrmals mitgeteilt, in diesem vielschichtigen Werk letztlich die Lektüre erleichtert, bei Hunderten erinnerten Schicksalen, Begegnungen, Unternehmungen. Was rührt so stark an der Selbstdarstellung dieser Frau, dass man nicht loskommt von ihr, nicht loskommen möchte? Vor allem der Lebensmut - nie aufzugeben, die eigene Mitte zu finden trotz persönlicher, familiärer, gesellschaftlicher Zerrissenheit. In prekären Lagen sich durchzuboxen, niedrige Tätigkeiten zu verrichten, Hoffnungen zu hegen, bis diese sich endlich materialisieren oder als Illusionen erweisen, immer wieder einen Neuanfang zu wagen, Enttäuschungen zu überwinden, in Chaos und Krise die sogenannten kleinen Dinge des Lebens hochzuhalten, sogar den vielen Hunden, Katzen, Zwerghamstern und was da sonst noch alles die Wohnungen und fahrbaren Untersätze von Familie Behrend bevölkert hat, ein treues Andenken zu bewahren. Ihr Kampfgeist. Ihre Selbstkritik. Ihre Begeisterungsfähigkeit. Ihr Streben nach gemeinschaftlichem Denken und Handeln. Und natürlich die Leidenschaft für Politik, das Geständnis: «Ich bin, was ich bin, durch meine unlösbare Verknüpfung mit diesem Land», der DDR, wo «die bornierte ‹realsozialistische› Praxis ihren utopischen Potenzen» näher gekommen sei als irgendwo sonst und «sie doch mit so weitreichenden Folgen» verfehlt habe.

Die verlorene Zukunft

Vielleicht ist es also wirklich der eigentliche Anspruch der Autorin, die «Atlantis» beschiedenen Jahrzehnte aus der Perspektive einer «Westemigrantin» zu ergründen, wobei sie viele Mythen, negative zumal, anhand der eigenen Erfahrung als ideologische Konstrukte entlarvt. Und sie verweist auf die weiterhin vorherrschende Unfähigkeit, «zwischen den repressiven Strukturen der DDR und ihren sozialen Errungenschaften zu unterscheiden». Aber es wurde ja, von kapitalistischer Seite, ein propagandistischer Seuchengürtel gelegt, mit dem sich mit dem halbfalsch praktizierten auch der anstehende, vorstellbare, erhoffte Sozialismus abwickeln liess, der störende Traum von einer Gesellschaft, den Hanna und Manfred in ihrer forschenden und publizistischen Tätigkeit, sich darin verwirklichend, verwandelnd, bereichernd, vorweggenommen hatten. «Auch in Zeiten geringer Zuversicht lebten und arbeiteten wir, als wären wir gewiss, dass sich jeder Beitrag zur Aufklärung und zur Vernunft, jede Warnung und jede Kritik lohne.» Ach, dieses aus der Mode gekommene, wenngleich zu jeder Zeit minoritäre Bemühen zugunsten einer abwesenden, bloss simulierten Massenbewegung, als könnten wir schon allein was bewirken, als käme es auf einen oder zwei von uns an, als liesse sich das grosse Ziel im kleinen, die kollektive Erhebung im individuellen Beben wecken.

A fonds perdu? Wenn schon! «Auf der Suche nach der verlorenen Zukunft» hiess, folgerichtig, eine Schriftenreihe, die Hanna Behrend von 1995 bis 2005, herausgegeben hat. Ohne solche Quijoterien kann man sich gleich in die Klapsmühlen des auf Krieg gepolten Kapitalismus begeben.

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