Nr. 16/2009 vom 16.04.2009

Raus aus dem Tollhaus

Im Kanton Waadt läuft in der Maschinenindustrie seit zwei Monaten ein Pilotversuch. Das Ziel: Kurzarbeit und Entlassungen möglichst vermeiden.

Von Helen Brügger

Mike Nista ist Präsident der Betriebskommission bei Sapal in Ecublens, dem «roten» Industriegürtel von Lausanne. Er gehört zu den InitiantInnen des Projekts Kompetenztausch. Die Grundidee: Statt Kurzarbeit oder Entlassungen zu verfügen, tauschen Betriebe untereinander ArbeiterInnen aus. «Die Berufsleute, die Erfahrungen mit dem Projekt gemacht haben, sind begeistert», sagt Nista.

Im Waadtland gibt es idyllische Landschaften und atemberaubende Ausblicke auf den Genfersee. Aber es gibt auch ein dichtes Netz von Industrie: Rund hundert multinationale Unternehmen wie Nissan, Philip Morris, Logitech oder Honeywell haben sich hier niedergelassen. Daneben erinnern alteingesessene Firmennamen an die industrielle Tradition des Kantons, einige dieser klingenden Namen - Dubied, Matisa, Filtrona - sind mit der Geschichte gewerkschaftlichen Widerstands verbunden. Bei der auf Gleisbau und Gleisunterhalt spezialisierten Matisa in Crissier etwa fand 1976 ein wilder Streik statt, der drei Wochen lang dauerte. Es war der erste Streik in der Schweiz seit vierzig Jahren, ein Schlusspunkt hinter dem im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs beschlossenen Arbeitsfrieden.

Prunkstück vor dem Aus

Ebenso in die Annalen der Arbeiterbewegung eingegangen ist der zwölftägige Arbeitskampf bei Sapal in Ecublens im Jahr 2000: Die Schaffhauser Besitzerin SIG wollte das auf die Herstellung von Nahrungsmittelverpackungen spezialisierte Prunkstück der Waadtländer Industrie schliessen, den grössten Teil der Angestellten entlassen, ein paar wenige delokalisieren. Die ArbeiterInnen streikten, verhandelten, machten Gegenvorschläge, provozierten eine Abstimmung im Kantonsparlament und - siegten.

«Während eines Streiks entsteht immer eine Überfülle an wundervollen Ideen», erinnert sich der 53-jährige Mike Nista, damals Streikführer, heute Präsident der Sapal-Betriebskommission und einer der Köpfe der Kompetenztauschidee. So geht eine jährliche Tagung zwischen Sozialpartnern und Regierungsverantwortlichen mit dem Ziel, den Werkplatz Waadt zu fördern, auf den Sapal-Streik zurück, ebenso die Einführung einer Unternehmenssteuer für die Weiterbildung von IndustriearbeiterInnen. Und eben das Projekt Kompetenztausch. «Im Jahr 2000 haben wir festgestellt, dass einige Unternehmen in Schwierigkeiten steckten und andere trotz Krise auf der Suche nach qualifiziertem Personal waren», so Nista, der beruflich für den Computerpark der Firma Sapal zuständig ist. «Die Unternehmen haben lange gezögert, schliesslich massiv Leute entlassen, und als die Konjunktur wieder anzog, fanden sie kein Personal mehr - es war das reinste Tollhaus!»

Das Projekt war zu Beginn nichts weiter als ein Austausch von Lohnabhängigen unter den beiden in verwandten Bereichen tätigen Firmen Bobst und Sapal, der auf Anregung der Betriebskommissionen in Gang kam. Nun läuft es als offizieller Pilotversuch des Kantons und der Sozialpartner.

Für die UnternehmerInnen sieht die Rechnung so aus: Ein Betrieb, der Personal sucht, kann ohne administrative Umtriebe schnell zu den gewünschten Profis kommen. Umgekehrt kann eine Firma, die Kurzarbeit einführen oder Entlassungen aussprechen müsste, ihr erfahrenes Personal länger behalten. «Das kann am Ende der Krise von grossem Vorteil sein», sagt Frédérique Bonjour, Generalsekretär des Arbeitgeberdachverbands Gim-CH. Ausserdem sei der Austausch günstiger als der Rückgriff auf eine Temporärfirma und bringe im Vergleich «viel mehr Stabilität».

Im Moment findet der Austausch innerhalb des Kantons Waadt statt, er soll aber nicht auf den Kanton beschränkt bleiben: Bonjours Organisation hat rund tausend Betriebe in der Westschweiz angeschrieben, um sie über das Projekt zu informieren. In den ersten zwei Monaten ist es zahlenmässig noch kein durchschlagender Erfolg. Bonjour vermutet, dass es möglicherweise weniger in der Krise als vielmehr in einer Periode der Hochkonjunktur Chancen haben werde. Wieso halten sich die Firmen zurück? Aus Angst vor Betriebsspionage? Das spiele sicher eine Rolle, vermutet Bonjour. Dabei sei es bis vor kurzem eine weitverbreitete Gewohnheit zwischen den Betrieben gewesen, Direktoren auszutauschen: «Dabei ist die Gefahr, dass Know-how weitergegeben wird, bedeutend grösser.» Sicher gebe es Bereiche wie etwa Forschung und Entwicklung, wo weniger gern getauscht würde. Aber insgesamt sei das Pilotprojekt positiv, auch weil es zu einer stärkeren Zusammenarbeit zwischen den Firmen führe, die sich in andern Synergien, beispielsweise gemeinsamen Einkäufen von Rohmaterial, niederschlagen könnte.

Roger Piccand, Chef des kantonalen Arbeitsamtes, steht ebenfalls hinter dem Pilotversuch, der «weder den Steuerzahler noch die Arbeitslosenversicherung einen Rappen Geld kostet». Der Staat leiste «eine Art moralische Unterstützung», namentlich um Ängste abzubauen. «Einige Betriebe haben Angst, dass es ihren Berufsleuten am neuen Ort besser gefallen könnte.» Für Piccand sind die Ängste vor Missbrauch oder Lohndumping unbegründet: «Wir sind in einem sehr gut durchstrukturierten Sektor mit einer stark verankerten Gewerkschaft, da ist die Gefahr von Missbrauch kaum vorhanden.»

Neue Horizonte, neue Kontakte

«Für eine Bilanz ist es noch zu früh», sagt Unia-Sekretär Yves Defferrard. Konkret weiss er von fünfzehn Entlassungen, die dank des Pilotprojekts verhindert worden sind: «Fünfzehn Leute, die nicht arbeitslos, sondern für vier oder sechs Monate ‹ausgeliehen› worden sind.» Für ihn geht es auf das Konto des Projekts, dass man im Kanton Waadt im Moment noch spürbar weniger kollektive Entlassungen zähle als in andern Kantonen. «Über den Daumen gepeilt kann man sagen, dass wir das Durchschlagen der Krise um zwei bis drei Monate hinausgezögert haben. Das ist enorm.»

So viel Lob macht misstrauisch. Ist das Ganze nicht einfach eine neue Form von Flexibilisierung? Oder der Versuch, Gewerkschaft und Betriebskommissionen in die Verantwortung für das Krisenmanagement einzubinden? «Die einzige Flexibilität ist die des Arbeitsortes», sagt Defferrard, ansonsten bringe das System im Gegenteil mehr Arbeitsplatzsicherheit. Und was sagt der Praktiker Mike Nista? «Die Betroffenen, mit denen ich gesprochen habe, waren sehr zufrieden mit dem Experiment, weil es ihnen neue Horizonte geöffnet, neue Kontakte gebracht und neue Qualifikationen verschafft hat.» Es sei gerade im Bereich industrieller Berufe - Elektriker, Monteure, Schweisser und so fort - kein Problem, sich schnell an unterschiedlichen Arbeitsorten einzuarbeiten. «Es ist schliesslich nichts anderes, als für längere Zeit auf Montage zu gehen.»

Das äusserste Mittel

Vehement weist Nista die Kritik zurück, dass es sich um eine Flexibilisierungsoffensive handle: «Im Gegenteil, wir verhindern, dass Unternehmen auf Flexibilisierungsinstrumente wie Jahresarbeitszeit oder Langzeit-Temporärarbeit zurückgreifen!» Für Nista ist der Arbeitertausch auch aus gesellschaftlichen Überlegungen eine gute Sache: «Dahinter steht die Idee des Netzwerks, des Zusammenarbeitens und der gegenseitigen Hilfe.» Da wären also die Einzigen, die etwas dagegen haben könnten, die Temporärfirmen? Er glaube nicht, dass der Kompetenztausch eine Konkurrenz für die Temporärfirmen sei, diese arbeiteten in anderen Bereichen. «Aber es ist schon so, aus gewerkschaftlicher Sicht finden wir es stossend, wenn die einen Temporärarbeiter engagieren und die andern Kurzarbeit einführen.»

Für Nista ist die sozialpartnerschaftliche Zusammenarbeit im Betrieb, «solange sie funktioniert», eine Chance. «Wissen Sie, ein Streik ist das äusserste Mittel, und er hinterlässt Narben, selbst wenn man ihn gewinnt!» Der Kompetenztausch bedeute nicht, dass sich die Gewerkschaft einbinden lasse: «Es ist Sache der Direktion, die Verantwortung zu tragen, und Sache der Gewerkschaft, die Lohnabhängigen zu verteidigen.» Das heisse aber nicht, dass Lohnabhängige keine Ideen haben dürften. «Und manchmal haben wir sogar die besseren ...»

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