Nr. 45/2011 vom 10.11.2011

Matisa, Sapal … und Novartis?

Von Helen Brügger

Die heftige Debatte war begleitet von Buhrufen auf der Tribüne. Dann die Abstimmung: Das Waadtländer Parlament forderte Novartis auf, den Schliessungsentscheid für das Werk in Prangins zurückzunehmen. 44 Gemeinden schlossen sich dem Protest an. Staatsrat Philippe Leuba (Liberale Partei) verlangte «ein Minimum an Ethik und Anstand». 8000 Personen unterzeichneten eine Petition. Ein Arzt beschloss, seinen PatientInnen keine Novartis-Medikamente mehr zu verschreiben, und wird von der Genfer Ärztevereinigung unterstützt. Die Waadtländer Regierung verlangte ein Treffen mit der Generaldirektion von Novartis. Die Gewerkschaften verbuchten einen ersten Erfolg: Sie erhielten Einblick in den Bericht der Consultant-Firma, der zum Schliessungsentscheid geführt hat.

Der Kahlschlag hat in Basel weniger Reaktionen ausgelöst als in der Westschweiz, wo für Samstag zu einer Demonstration in Nyon aufgerufen wird. Denn hier geht es nicht nur um 320 Entlassungen und die Verlagerung von 350 Arbeitsplätzen. Es geht auch, laut Gewerkschaften, um den Verlust von insgesamt 2500 Stellen in Zulieferbetrieben, bei Taxis, Hotels, Überwachungs- und Reinigungsfirmen. Es geht ums Überleben der pharmazeutischen Industrie in der Gegend von Nyon mit ihrer neunzigjährigen Geschichte.

Doch es könnte sein, dass der «rote Industriegürtel» von Lausanne wieder Geschichte schreibt. Denn Novartis ist Besitzerin der früheren Zyma, einer der Firmen, die den Industriestandort zwischen Lausanne und Genf geprägt haben. Namen wie Matisa oder Sapal sind mit der Erinnerung an Widerstand verbunden. Bei Matisa (Geleisebau) fand 1976 der erste wilde Streik nach vier Jahrzehnten Schweizer Arbeitsfrieden statt; er prägte eine ganze Generation von GewerkschafterInnen. Und im Jahr 2000 gab es bei Sapal (Verpackungsmaterial) einen Streik, der die Schliessungsabsichten der Schaffhauser Besitzerin SIG durchkreuzte. Bei Sapal wird noch heute gearbeitet.

Ironie der Geschichte: Die Beratungsfirma, die damals der SIG die Schliessung von Sapal nahelegte, könnte dieselbe sein, die heute Novartis zur Schliessung von Prangins rät – dem Vernehmen nach McKinsey. Und die Antwort der Gewerkschaften könnte dieselbe sein wie bei Sapal: dem Vernehmen nach Streik.

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