Nr. 17/2009 vom 23.04.2009

Wenn das keine Expertinnen sind

Die jungen Frauen treffen sich, reden über die Eltern, das Kopftuch und die Liebe. Jetzt übernehmen sie das Zepter im einzigartigen Café Secondas in Basel.

Von Katharina Morawietz

Norma Gianetta besitzt zwei Pässe. Je nach Situation benutzt sie den italienischen oder den Schweizer Ausweis. «Ich gehe spielerisch mit meiner Identität um», sagt sie fröhlich. Nationalitäten seien ihr unwichtig: «Baslerin bin ich. Hier fühle ich mich zu Hause.» Gianetta ist 26 Jahre alt, ihre Eltern stammen aus Italien, sie hat Publizistik und Filmwissenschaft studiert, und sie engagiert sich seit vier Jahren im Projekt Café Secondas in Basel.

Das Café wurde damals vom Gleichstellungsbüro Basel-Stadt initiiert, um jungen Frauen mit ausländischen Wurzeln einen Ort zu bieten, an dem sie sich einmal pro Monat treffen können. Nun übernehmen die jungen Frauen das Zepter und werden künftig selbst bestimmen, was im Café Secondas passiert. Das wird am Samstagabend, 13. Juni, mit einer Podiumsdiskussion und einer Party gefeiert.

Zuerst ein Schimpfwort

Gianetta erinnert sich noch genau, wie sie erstmals vom Café Secondas hörte: Das Gleichstellungsbüro Basel-Stadt habe allen jungen Ausländerinnen, die schon lange in der Schweiz leben, einen Brief geschickt. Ihre Mutter habe sie sofort aufgeregt angerufen und gesagt: «Du hast einen Brief vom Staat bekommen!» Die Mutter reagierte so nervös, weil die junge Frau zu jener Zeit mitten im Einbürgerungsverfahren steckte und ein Brief von den Behörden schlechte Nachrichten bedeuten konnten. Als Norma Gianetta aber sah, dass es nur um einen Treff für junge Frauen ging, habe sie den Brief gelangweilt beiseite gelegt und gedacht: «Schon wieder so ein defizitorientiertes Projekt.»

Aus reiner Neugier ging sie trotzdem hin und hat es nicht bereut. Sie traf Frauen, die sich mit der Gesellschaft auseinandersetzen wollten: «Wir diskutieren über das Kopftuch, über das Ausländergesetz, Liebesbeziehungen. Aber auch über den Frust in der Schule, die fehlende Unterstützung der Eltern oder über ganz grundsätzliche Fragen wie: Darf ich überhaupt meine Meinung sagen?» Das Projekt wolle einem nichts beibringen, sondern motiviere, selbst aktiv zu werden, «das gefällt mir sehr». Als Studentin habe sie auch genug davon gehabt, immer brav zu beweisen, wie gut sie sich in die Schweizer Gesellschaft integriert habe. Im Café Secondas spielt das alles keine Rolle, hier kann sie sich selbst definieren.

Am Anfang habe es aber auch Auseinandersetzungen gegeben: «Zum Beispiel fanden die Türkinnen, wir Italienerinnen und Spanierinnen hätten in der Schweiz ja gar keine Probleme.» Heute, sagt sie, habe sie ein viel differenzierteres Bild - von ihrer eigenen Identität, aber auch von der Situation der anderen Ausländerinnen.

Den Begriff «Seconda» brauche sie selber nur sehr selten: «Diese Bezeichnung hat die Gesellschaft an uns herangetragen.» Erst sei es ein Schimpfwort gewesen und plötzlich ganz hip. Im Café Secondas versuchen die Frauen, den Begriff mit eigenen Inhalten zu füllen. Gianetta stört es, dass auf Podien zu Ausländerfragen meist keine Betroffenen sitzen und schon gar keine Frauen. Innerhalb des Cafés haben sie deshalb begonnen, einen Expertinnenpool aufzubauen, einen Pool von Frauen, die bereit sind, Interviews zu geben und an Podien teilzunehmen. Sie schreiben im Namen des Cafés auch Leserbriefe.

Heute sieht Gianetta ihre Aufgabe vor allem darin, jüngere Frauen zu unterstützen. «Ich selbst hatte viel Glück. Als Kind wurde ich nicht als Ausländerin abgestempelt.» Sie sei gut in der Schule gewesen, und die Eltern hätten sie unterstützt, als sie studieren wollte. Lachend erzählt sie, trotzdem sei sie das schwarze Schaf der Familie gewesen. Weder kochen noch schneidern habe sie gelernt. Auch die Mitgift, die ihr ihre Mutter liebevoll genäht hatte, verschmähte sie. Aber sie könne auch ihre Mutter verstehen: «Sie kommt aus einem kleinen Dorf in Apulien und hat hier immer als Hausfrau gearbeitet - sie hat ganz andere Dinge erlebt als ich.» Gianetta möchte Mädchen und jungen Frauen ein Vorbild sein, «damit sie sich überhaupt vorstellen können, dass Matur und Universität möglich sind». Immer noch bekämen Mädchen keine Lehrstelle, weil ihr Name auf «-ic» endet.

Frauen helfen Frauen

Über das Café Secondas haben die Frauen praktische Unterstützungsprogramme aufgebaut. So entwickelten sie mit Fachleuten das Mentoringprogramm «Secondas für Secondas», bei dem sie ihre Erfahrungen weitergeben und jungen Frauen bei der Lehrstellensuche beistehen. Auch Gianetta hatte davon profitiert und stieg rasch von der Praktikantin zur fachlichen Beraterin auf. Die gute Stimmung unter Frauen habe sie sehr motiviert: «Was wir hier lernen, ist sehr wertvoll.» Eine 18-Jährige, die bei Schulvorträgen jeweils sehr nervös war, habe sich plötzlich getraut, im Café ganz allein zu moderieren. «Hier ist es ja nicht schlimm, wenn mal etwas danebengeht - wir sind ja unter Frauen, haben wir sie vorher ermuntert. Und es hat geholfen», erzählt Gianetta.

Alles nur Frauen - das ist die Abmachung im Café Secondas. Zweimal hätten sie Männer für Referate eingeladen, und sofort hätten sich die Frauen nicht mehr getraut, offen zu sprechen, sagt Gianetta: «Unter Frauen können wir besser über heikle Dinge reden.»

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