Nr. 34/2018 vom 23.08.2018

Wie hat sich der Integrationsbegriff gewandelt?

Inés Mateos, Vorstandsmitglied des Instituts Neue Schweiz (Ines), über das Aufwachsen als «Gastarbeiterkind», ein Café für Secondas und Bilder von Migration.

Von Anna Jikhareva (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Inés Mateos: «Fachleute gähnen beim Ansatz ‹Fördern und Fordern› – aber dann kommt irgendwo ein Politiker um die Ecke, der das Gefühl hat, er erfinde den Begriff grade neu.»

WOZ: Inés Mateos, Ihre Eltern kamen Anfang der siebziger Jahre in die Schweiz. Was für ein Land haben sie vorgefunden?
Inés Mateos: Meine Mutter sagt immer, es sei schrecklich gewesen: Immer habe man das Gefühl gehabt, es sei etwas passiert, weil niemand auf den Strassen war. Inzwischen hat sich die Schweiz quasi mediterranisiert. Seit man im Zuge der Schwarzenbach-Initiative die Angst vor sogenannter Überfremdung schürte, wird die gelebte Realität von einem Diskurs konterkariert, der stets so tut, als befänden wir uns im Ausnahmezustand, als seien alle Probleme moderner Gesellschaften automatisch Migrationsprobleme.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Nehmen wir die Bildung: Wenn man denkt, Migrantenkinder seien ein Problem für die Schulen, muss man sich fragen, wie viele Kinder übrig bleiben, wenn wir diejenigen mit Migrationsgeschichte nicht dazuzählen. Die Hälfte der Schulen wäre leer, die Hälfte der Lehrer arbeitslos. Wir müssen die Kinder bilden, die da sind, und die Schulen entsprechend anpassen.

Sie selbst sind das Kind sogenannter Gastarbeiter. Wie war das Aufwachsen in Basel für Sie?
Ich erinnere mich, dass ich schon als Kind Differenzerfahrungen machte, als «Spaniokel» oder «Tschingg» bezeichnet wurde, weil viele nicht einmal merkten, dass ich gar nicht italienisch sprach. Später haben mich viele Leute gefördert, was oft ziemlich paternalistisch war. Nach dem Motto: Die junge Migrantin hat Potenzial. Als wir in Basel in den neunziger Jahren eine Stimmrechtsinitiative für Ausländerinnen und Ausländer gemacht haben, landete ich auf dem Abstimmungsplakat. In dieser Hinsicht hat sich seither unglaublich viel geändert: Man braucht den Vorzeigemigranten nicht mehr.

Wann haben Sie entschieden, politisch aktiv zu werden?
Als Jugendliche habe ich in den migrantischen Arbeiterorganisationen bei sprachlichen Problemen geholfen zu übersetzen. Ich merkte, dass die Leute abgekanzelt werden, wenn sie bei einem Amt anrufen – aber wenn ich mich auf Schweizerdeutsch melde, plötzlich Dinge passieren, die vorher nicht möglich waren. Dass zwanzig Jahre später junge Secondas die gleiche Erfahrung machten wie ich, hat mich aufgerüttelt. 2006 haben wir vom Gleichstellungsbüro Basel-Stadt deshalb das Café Secondas initiiert. Und heute baue ich mit vielen Gleichgesinnten das Institut Neue Schweiz (Ines) mit auf.

Welche Verbindung besteht zwischen den beiden Projekten?
Schon im Café Secondas wurde klar, dass Integrationsprojekte oft an den Leuten vorbei zielen, weil sie die angeblich Unerreichbaren erreichen wollen. Aber vielleicht gibt es sie gar nicht? Die Bilder sind stark vom politisch-medialen Diskurs vom hilfsbedürftigen Migranten geprägt und haben nicht unbedingt mit Realitäten zu tun. Mit dem Café Secondas haben wir gesagt: Es reicht mit den Hilfsprojekten! Und jetzt bei Ines ergreifen wir selbstbewusst das Wort und mischen uns ein.

Wie hat sich der Integrationsbegriff gewandelt?
Anfang der neunziger Jahre wollte man etwas anderes schaffen als die Fremdenpolizei. Viele hatten Angst vor dem Gang dorthin, weil einem der Aufenthaltsstatus und damit die Lebensgrundlage genommen werden konnte. Der Integrationsbegriff entstand, weil man begriff, dass die Leute bleiben – und man etwas dafür tun muss, dass sie gut ankommen. Man fing an, Integrationsleitbilder zu erstellen, Stellen zu schaffen, Bundesgelder zu sprechen. Leider sind praktisch alle Projekte beim Fokus auf die Defizite stehen geblieben. Man hat aus einem guten Ansatz wenig gemacht.

Wie prägend ist heute das Basler Integrationsmodell?
Eigentlich gähnen die Fachleute beim Ansatz «Fördern und Fordern» – aber dann kommt irgendwo ein Politiker um die Ecke, der das Gefühl hat, er erfinde den Begriff grade neu, obwohl wir schon seit zwanzig Jahren davon reden. Man tut so, als ob man von den Migranten – im Gegensatz zu allen anderen in der Gesellschaft – noch speziell etwas einfordern müsse. Das ist Schwachsinn! So entsteht ein falsches Bild: dass diese Leute nur profitieren und ansonsten auf der faulen Haut liegen. Dabei tragen sie überproportional zum Bruttoinlandsprodukt und den Sozialversicherungen bei, weil überproportional viele Menschen ohne Schweizer Pass zur arbeitenden Bevölkerung gehören. Das Fördern ist zudem völlig paternalistisch: wie Kinder, die man erziehen muss.

Meine Mutter beispielsweise hat in verschiedenen Haushalten geputzt, zweimal am Tag für die Familie gekocht, bei uns den ganzen Haushalt geschmissen – und sie konnte bis zum Schluss fast kein Deutsch. Sie hat mehrmals versucht, am Samstagmorgen Deutsch zu lernen. Aber wie soll jemand neben einem prekären 120-Prozent-Job im Haushalt und zwei Kindern Deutsch lernen?

Inés Mateos (49) ist Expertin für Bildung und Diversität. Sie ist im Vorstand des Instituts Neue Schweiz und Mitglied der Eidgenössischen Kommission für Migrationsfragen.

Nächste Woche: Hélène Agbémégnah.

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