Nr. 17/2009 vom 23.04.2009

Zeuge der Entmenschlichung

Im nun auf Deutsch erschienenen Erzählband «Tiergarten» des russischen Erzählers stehen Menschen im Zentrum, deren Leben durch persönliche Katastrophen eine jähe Wendung nehmen.

Von Ulrike Baureithel

Die Wiederentdeckung vergessener AutorInnen verdankt sich oft dem Zufall, nicht dagegen die darauf folgende Konjunktur. Dem Aufstieg von Wassili Grossmans epochalem Geschichtspanorama «Leben und Schicksal» auf die vorderen Plätze des Literaturolymps mag ein glücklicher Manuskriptfund vorausgegangen sein. Doch wie im Falle seines Landsmanns Warlam Schalamow, dessen Existenz das Publikum gerade beginnt zur Kenntnis zu nehmen, musste auch für Grossman die Zeit erst reifen. In der Sowjetunion Anfang der sechziger Jahre zunächst einkassiert, wurde eine unvollständige Fassung seines Romans 1980 in der Schweiz zwar veröffentlicht, im ideologischen Sperrfeuer des Ost-West-Konflikts jedoch wenig wahrgenommen.

Mit zunehmendem zeitlichem Abstand haben wir uns daran gewöhnt, die Schrecken der Nazizeit, aber auch Erscheinungen wie das Gulagsystem etwas kühler zu beurteilen. Für Chronisten wie Schalamow oder Grossman ist das ein unschätzbarer Gewinn, weil sich nun der Blick öffnet für ihre kompromisslose Zeugenschaft der Entmenschlichung, die sich lediglich im ästhetischen Anspruch und im Grad des moralischen Nachdrucks unterscheidet.

Das «Moskauer Gefühl»

In den dem 2007 erschienenen Monumentalepos hinterhergeschickten, von Katharina Narbutovic übertragenen und unter dem Titel «Tiergarten» versammelten Erzählungen begegnet man einem Grossman der leisen Töne und kleinen Schicksale, die durch hereinbrechende persönliche Katastrophen eine jähe Wendung nehmen und ein «klares Licht auf das Leben in seiner Gänze» werfen. Anders als beim Roman, in dem der Krieg das schicksalführende Ereignis ist, tritt dieser in den zwischen 1930 und 1964 - bis kurz vor dem Tod des Autors - entstandenen Geschichten eher selten als Akteur in Erscheinung.

Mehrheitlich sind es die Wechselfälle des Lebens, die die ProtagonistInnen gedanklich in Bewegung setzen. So ist es in der Erzählung «Generationen» der Tod des Bruders Kolja, der Marija Andrejewna sich selbst und die in der Provinz lebende Familie in einem neuen Licht erscheinen lässt. In «Elch» schliesst eine schwere Krankheit Dimitri aus dem Kreis der Lebenden aus, und in der Schlusserzählung «Wenn alles einstürzt» kehrt der Tod einer alten Tante die niedrigsten Instinkte der ihr Erbe besorgenden Familie hervor. Das «Moskauer Gefühl» wirft sich auf gegen ungebildete und zurückgebliebene «Landeier», aber auch die revolutions- und bürgerkriegsgeprägte Generation fühlt sich abgehängt und unverstanden von der nachgeborenen, die sich in der postrevolutionären Gesellschaft eingerichtet hat.

Chronik von unten

Vergessen sind die Kranken wie Dimitri oder alt gewordene Heroinnen wie Anna Borrisowna in «Die Mieterin»: «Keiner kam zum Krematorium, als ihr Körper verbrannt wurde.» Gleichzeitig werden die Jüngeren beherrscht von der allgegenwärtigen Furcht vor Denunziation, die die Sieger von heute in Verlierer von morgen verwandelt. Echte Freundschaft und Teilnahme sind seltene Güter in der von inneren Widersprüchen zerrissenen sowjetischen Gesellschaft geworden. Das «fröhliche glückliche Ganze», heisst es programmatisch in der Erzählung «Grosser Moskauer Ring», konnte jederzeit «in Einzelteile zerfallen» und sich auflösen.

Das Misstrauen des Erzählers gegenüber der grossen Geschichte und ihren ProtagonistInnen drückt sich darin aus, dass er die Schwächsten in die Chronistenrolle hebt, Alte und Kranke, aber vor allem Kinder und Tiere: Nadja lässt er vom Schicksal der Kleinkinder berichten, deren Eltern in der Sowjetunion in Ungnade gefallen sind und die in Heimen oder bei Adoptiveltern aus der Nomenklatura aufwuchsen; Mascha wird im Krankenhaus Zeugin eines ganz anderen Lebens, das sich «bei uns im Dorf» abspielt.

Das Maultier Guì in «Die Strasse» oder das Gorillaweibchen Fritzi aus dem Berliner Zoo in der titelgebenden Erzählung «Tiergarten» aber sind die eigentlichen Seismografen. Guì, der als Lasttier den «unbarmherzigen Raum» durchquert, steht als Gleichnis für die immerwährende Fron des Menschen, die sich nur durch die Teilnahme der nächsten LeidensgenossInnen ertragen lässt. Fritzi und die übrigen eingesperrten Zootiere sind wie das Schlachtvieh, das ihnen zum Frass vorgeworfen wird, in ihrer Recht- und Hilflosigkeit unschwer erkennbar als die gepeinigten und gemordeten KZ-InsassInnen von Treblinka, denen Grossman im Roman ein unvergessliches Denkmal geschaffen hat. In der Gefangenschaft abgestumpft, haben sie wie die Todgeweihten trotz allem die Sehnsucht nach Freiheit nicht verloren und harren in unruhiger Erwartung auf die baldige Befreiung.

«Tiergarten» nimmt wie die Erzählung «Abel», die von der Verantwortung des Order ausführenden Piloten für den Abwurf der ersten Atombombe handelt, eine Sonderstellung ein. Sie lassen nicht nur das Terrain der russischen Gesellschaft hinter sich, sondern entwickeln auch eine besondere Leuchtkraft: Die Passage, in der das Vieh ins Schlachthaus geführt wird, gehört zu den bedrückendsten und eindrucksvollsten Szenen des Bandes.

Die «Schuld» der Überlebenden

Etwas befremdlich und pathetisch - da ist dem ansonsten vorzüglichen Nachwort von Franziska Thun-Hohenstein zu widersprechen - wirken dagegen jene Erzählungen, in denen die mütterliche Sorge zum Symbol des Menschlichen stilisiert wird, vor allem in der Icherzählung «Die Sixtinische Madonna». Das Raffael-Gemälde erscheint Grossman als der «atheistischste Ausdruck des Lebens», den Anblick der Mutter setzt er gleich mit den Gaskammern von Treblinka. Man mag dies aus der tief empfundenen Verstörung eines Mannes erklären, der als Berichterstatter den Krieg an vorderster Linie dokumentierte und seine Mutter vor der Auslöschung seiner Heimatstadt Berditschew nicht bewahren konnte. Die Schuld und Rechtfertigung der Überlebenden vor den Toten ist in vielen der Erzählungen präsent.

Die in diesem Zusammenhang angenehm wirkende Dezenz wird manchmal leider aufgegeben, manches in den Erzählungen kommt zu explizit daher und stört die poetische Fantasie. Grossman, der einst glühend überzeugte Kommunist, hat sich zum aufklärerischen Humanisten gewandelt und den Sieg der «dritten Sache» verworfen zugunsten des Rechts des Einzelnen. Am überzeugendsten ist er dort, wo er sich auf die Lakonie des Berichterstatters verlässt.

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