Nr. 08/2020 vom 20.02.2020

Was geschah 2002 in Gujarat?

Bei der Regionalwahl in Delhi hat Narendra Modis BJP-Partei eine herbe Niederlage erlitten. Die Historikerin Soni Soni über das Ergebnis, verantwortungslose Politiker – und über die tödlichen Auswirkungen religiöser Spannungen.

Von Silvia SüessMail an AutorIn (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Soni Soni: «Es gibt gute Gründe zu glauben, dass das, was in Gujarat passierte, ein vom Staat unterstütztes Massaker an den Muslimen war.»

WOZ: Soni Soni, am 11. Februar waren in Delhi Wahlen. Die hindu-nationalistische Regierungspartei BJP von Premier Narendra Modi hat es nicht geschafft, die Hauptstadt für sich zu gewinnen: Sie erhielt nur acht von siebzig Sitzen. Die restlichen gingen an die «Partei des kleinen Mannes» (AAP) des amtierenden Regierungschefs Arvind Kejriwal. Was halten Sie vom Ausgang der Wahlen?
Soni Soni: Ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Vor allem, weil die BJP im Wahlkampf keinen Stein auf dem anderen gelassen hatte, um religiöse und kommunale Gewalt zu provozieren. Hier nur ein Beispiel: Finanzminister Anurag Thakur wurde dabei beobachtet, wie er eine Menge mit dem Slogan «Erschiesst die Landesverräter» anführte. Als Folge von Hetze wie dieser schoss ein junger Mann auf Studenten, die gegen die Brutalität der Polizei an der Jamia-Millia-Islamia-Universität protestierten. Die Ironie dabei: Er hatte den Jahrestag gewählt, an dem Mahatma Gandhi getötet wurde.

Die BJP versuchte, Stimmen zu holen, indem sie den Konflikt zwischen Hindus und Muslimen schürte, während Kejriwal klug genug war, auf Themen wie Bildung, Gesundheit und bezahlbaren Strom zu setzen. Ich bin froh, dass die Einwohner von Delhi gemerkt haben, was wirklich wichtig ist.

Religiöse Spannungen haben in Indien in den letzten Jahren extrem zugenommen …
Säkularität war in Indien schon immer ein schwieriges Konzept, religiöse Spannungen sind nichts Neues. Aber die Art und Weise, wie die aktuelle Regierung damit umgeht und die Spannungen zwischen Hindus und Muslimen schürt, ist neu. Ein aktuelles Beispiel ist das neue Staatsbürgergesetz. Nach diesem können Flüchtlinge aus Pakistan, Bangladesch und Afghanistan die indische Staatsbürgerschaft nur erwerben, wenn sie nicht muslimischen Glaubens sind. Eine klare Entrechtung. Kennen Sie die Geschichte der Babri-Moschee?

Nein.
Vor bald dreissig Jahren haben Mitglieder der beiden radikalhinduistischen Gruppen Vishva Hindu Parishad und Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS) die Moschee aus dem 16. Jahrhundert zerstört. Modi war schon von klein auf Mitglied der RSS, die noch immer sehr einflussreich und mächtig ist. Daraus hervorgegangen ist seine Partei BJP, sie vertritt dieselbe nationalistische und antimuslimische Ideologie. In den Ausschreitungen nach der Zerstörung der Babri-Moschee starben über 2000 Menschen, Hindus und Muslime. Dort begann die Spirale, in der wir uns jetzt befinden. Zehn Jahre später kam Gujarat.

Was passierte dort?
2002 brach in einem Zug voller hinduistischer Pilger im westindischen Bundesstaat Gujarat Feuer aus, viele Passagiere starben. Fanatische Hindus riefen danach zu Racheaktionen an Muslimen auf, weil sie überzeugt waren, diese hätten den Zug angezündet – was nie bewiesen wurde. Über tausend Menschen wurden während der darauffolgenden Ausschreitungen getötet, vor allem Muslime. Es gibt gute Gründe zu glauben, dass das, was in Gujarat geschah, ein vom Staat unterstütztes Massaker war.

Warum?
Bei dem nach einer muslimischen Siedlung in Ahmedabad benannten Gulbarg-Massaker wurde Ehsan Jafri, ein Abgeordneter der Kongresspartei, in seinem Haus mit Macheten zerhackt und anschliessend verbrannt. Er hatte versucht zu verhindern, dass eine aufgebrachte Gruppe Hindus in sein Haus eindringt, wo er muslimischen Frauen und Kindern Zuflucht geboten hatte. Vor seinem Tod soll Jafri mehrmals bei der Polizei und Politikern telefonisch um Hilfe gebeten haben, doch nichts war passiert. Seine Frau beschuldigte den damaligen Ministerpräsidenten von Gujarat, Narendra Modi, sowie die Polizei des Massakers. Später gab der Polizeibeamte Sanjiv Bhatt unter Eid eine Erklärung ab, in der er Modi für die Gujarat-Pogrome verantwortlich machte – und wurde suspendiert.

In der Schweiz bekommt man erstaunlich wenig von den politischen Entwicklungen in Indien mit. Dafür sind die Vergewaltigungen in Indien auch hier medial ein Thema …
Unser Land ist Weltmeister, wenn es um Vergewaltigungen geht! Doch spricht man dieses riesige Problem an, wird man von Politikern attackiert. «Warum kommst du überhaupt zurück in dieses Land?», fragen sie. Was ist denn das für eine Einstellung? Ich darf doch mein Land kritisieren und über die Unsicherheiten sprechen, denen wir als Frauen ausgesetzt sind.

Das Absurdeste war dieser Politiker, der behauptet hat, in Indien würden Vergewaltigungen passieren, weil wir chinesische Nudeln essen.

Wie bitte?
Ja, das ist das Niveau, auf dem diese Menschen argumentieren. Wir sollten chinesische Nudeln aus dem Land verbannen, sagen sie. Können Sie sich das vorstellen? Dass ein indischer Politiker das ernsthaft behauptet? Das ist doch unglaublich unverantwortlich!

Die Historikerin Soni Soni (31) lebt seit über drei Jahren in Zürich. In Indien reist sie nie alleine. In der Schweiz schon.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch