Nr. 20/2009 vom 14.05.2009

Der Schamane und der Schweizer Strom

Rex Tilousi, ein Havasupai-Schamane, wehrt sich dagegen, dass auf seinem Stammesland beim Grand Canyon Uran abgebaut wird. Ein Projekt, das viel mit der Schweiz zu tun hat.

Von Susan Boos

Rex Tilousi sagt: «Ich bin der Grand Canyon.» Der alte Mann kramt mit seinen zerfurchten Händen ein kleines Plastiksäckchen mit rotem Staub hervor, zermahlenes Gestein aus dem Canyon. «Heilender Fels», sagt er, «der uns beschützt.» Sie reiben sich den roten Staub auch auf die Haut, um sich vor der Sonne zu schützen, «deshalb sagen sie uns Rothäute», meint er und lacht.

Rex Tilousi gehört zum Stamm der Havasupai - zu Deutsch die «Menschen vom blaugrünen Wasser». Der Grand Canyon war der Navajo, der Hualapai und der Havasupai, lange bevor die Weissen kamen. Heute gibt es noch etwa sechshundert Havasupai, die meisten von ihnen leben in einem Reservat am südwestlichen Rande des Grand-Canyon-Nationalparks. Eine trockene Gegend, felsig, karg und von berauschender Schönheit. Gigantische Wasserfälle stürzen in smaragdfarbene Becken. Im Sommer ist es auf dem Plateau siedend heiss, im Winter fällt manchmal Schnee.

Rex Tilousi ist Schamane, sass zwanzig Jahre lang im Stammesrat und hütet die Lieder der Ahnen. Die Geschichte der Havasupai, die plötzlich einem grossen Bergbaukonzern gegenüberstanden, hat er schon oft erzählt. In den neunziger Jahren reiste er mit seiner Nichte, der Anwältin Carletta Tilousi, erstmals durch die Schweiz. Damals stiegen die beiden mit einigen NidwaldnerInnen auf den Wellenberg, in dem Atommüll versorgt werden sollte. Tilousi und seine Nichte berichteten von ihrem nuklearen Albtraum: Die Canyon-Mine, eine Uranmine, die auf dem Territorium der Havasupai geplant war. Bei den Havasupai wollte man das strahlende Material aus dem Boden holen, am Wellenberg sollte es begraben werden - der Anfang und das Ende eines unseligen Zyklus. Und hüben wie drüben waren Schweizer AKW-Betreiber involviert.

Uran für die Schweiz

Die Geschichte drüben nahm ihren Anfang vor über dreissig Jahren. Mitte der siebziger Jahre schnellte der Uranpreis wegen der Erdölkrise in die Höhe. Die Schweizer AKW-Betreiber wollten sich absichern und stiegen in den USA in die Uranförderung ein. Die Kernkraftwerk Gösgen AG und die Nordostschweizerische Kraftwerke AG (Letztere ist heute Teil der Axpo) gründeten 1977 mit dem US-Unternehmen Energy Fuels Nuclear ein Konsortium. Später stieg auch noch die Kernkraftwerk Leibstadt AG ein. Das Konsortium betrieb auf dem Colorado-Plateau mehrere Uranminen. In den achtziger Jahren legte es zwei Minen still, suchte Ersatz dafür und wurde am Red-Butte-Berg fündig.

Der Red Butte aber ist ein heiliger Berg. Die Schöpfungsgeschichte der Havasupai sagt, dass der Berg den Unterleib der Mutter Erde bildet - die Stelle, an der das Volk der Havasupai jedes Jahr seinen Lebensgeist erneuert, weil es dort bei seiner Geburt mit dem Universum verbunden war.

Der Red Butte liegt etwa sechzig Kilometer vom Havasupai-Reservat entfernt. Doch Uranminen hinterlassen gefährlichen Dreck. Beim Uranabbau fallen gigantische Mengen strahlender Abraum und flüssige Rückstände an. Diese radioaktiven Rückstände werden in Becken gelagert. Geht etwas schief, wird das Grundwasser kontaminiert. Und das Grundwasser, das unter dem Red Butte durchfliesse, komme in ihrem Canyon an die Oberfläche, sagt Rex Tilousi. Das Reservat und der Colorado-River würden verseucht. Und von diesem Fluss leben nicht nur die Havasupai, sondern auch Las Vegas und grosse Teile Kaliforniens.

Das bestgehütete Geheimnis

Bis heute wurde allerdings noch nicht mit dem Uranabbau begonnen. In den neunziger Jahren stürzte der Uranpreis in die Tiefe, und die Energy Fuels Nuclear ging bankrott. Inzwischen hat sich die Denison Mines Corp. das Land der geplanten Canyon-Mine angeeignet und denkt ernsthaft darüber nach, sie in Betrieb zu nehmen, weil der Uranpreis wieder gestiegen ist.

Die Schweizer Menschenrechtsorganisation Incomindios beschäftigt sich seit Jahren mit dem Projekt, sie schreibt, die Schweizer Atomwirtschaft sei immer noch zu zwanzig Prozent am Projekt beteiligt. Genau könne man das aber nicht sagen, weil die beteiligten Firmen nicht offen kommunizierten. Gegenüber der WOZ liess die Axpo verlauten, man habe die betreffende Beteiligung vor zirka zehn Jahren verkauft.

Laut Incomindios ist inzwischen der französische Atomkonzern Areva an der Denison Mines Corp. beteiligt. Möglich ist, dass die Schweizer AKWs Brennstäbe von Areva beziehen. Genau lässt sich auch das nicht sagen, weil die AKW-Betreiber nicht offenlegen, woher das Uran respektive die Brennstäbe kommen, die sie verwenden. «Das ist eines der bestgehüteten Geschäftsgeheimnisse», konstatiert Leo Scherer, AKW-Experte von Greenpeace.

Die letzte Maultierpost

Rex Tilousi lebt mitten im Reservat, in Supai. Das Dorf mit den schlichten Holzhäusern liegt auf dem Grund eines Canyons und wird von mächtigen Steintürmen, den sogenannten «Wächtern» behütet. Nach Supai kommt man nur zu Fuss, mit dem Pferd oder dem stammeseigenen Helikopter. Der nächste Parkplatz liegt zwölf Kilometer entfernt, oben auf dem Plateau. Es ist der einzige Ort in den USA, an den die Post noch mit Maultieren geliefert wird.

Das Reservat misst nur fünfmal zwölf Meilen. Eingesperrt wie im Gefängnis seien sie da unten, sagt Tilousi. Neunzig Prozent des Landes, das sie mal als das ihre betrachteten, hat man ihnen 1882 weggenommen. Sein Urgrossvater sei der letzte Havasupai gewesen, der im Grand Canyon gelebt habe, erzählt Tilousi. Doch als 1929 der Nationalpark eingerichtet wurde, vertrieben die Ranger alle Indianer aus dem Park, auch Tilousis Urgrossvater. Ein Jahr nachdem er umgesiedelt worden war, starb er, «an gebrochenem Herzen», wie Tilousi meint.

Der Nationalpark beendete ihr traditionelles Leben. Früher pflegten die Havasupai den Frühling und den Sommer in den kühleren Canyons zu verbringen. Aus Holz und Sträuchern bauten sie lichte Behausungen und legten Gemüsegärten an. Im Herbst zogen sie aufs Plateau, wo sie Wildfrüchte sammelten und jagten.

Eingesperrt im winzigen Reservat ging der Stamm fast zugrunde. Mitte des letzten Jahrhundert habe es nur noch etwa zweihundert Havasupai gegeben, erzählt Tilousi. Sie starben, weil sie nichts zu essen hatten oder nur üble Büchsennahrung bekamen. Zudem rafften eingeschleppte Krankheiten die Leute dahin. Der Staat nahm ihnen auch noch die Kinder weg, sperrte sie in Internate und wollte sie zu Weissen machen. Tilousi war selber in einem solchen Internat. «Wenn ich dort in meiner Sprache redete», erinnert er sich, «haben sie mir den Mund mit Seife ausgewaschen.» In den siebziger Jahre erhielten die Havasupai dann wenigstens das Recht zurück, ihr altes Jagdgebiet von fast 750 Quadratkilometern wieder zu nutzen.

Später war Tilousi der erste Havasupai, der eine Rangeruniform trug, der erste Indianer, der im Nationalpark arbeiten durfte.

Er habe den Job angenommen, «um herauszufinden, weshalb sie nicht wollen, dass wir im Nationalpark leben». Er hat es herausgefunden: Aufgabe der Ranger sei es, den Park und die Natur darin zu schützen, da hätten keine Havasupai hineingepasst - «aber wenn sie das schon so sagen, dann dürften sie auch nicht zulassen, dass unweit des Parks Uran abgebaut wird», sagt er trocken.

Heute leben die Havasupai vom Tourismus, bis zu 60  000 TouristInnen besuchen jährlich ihr Reservat, um zu wandern und die pittoresken Wasserfälle zu fotografieren. Im August 2008 zerstörte allerdings eine Flut Brücken und Wege. Seither ist das Reservat für TouristInnen geschlossen, weshalb kaum mehr Geld ins Tal fliesst.

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