Nr. 22/2009 vom 28.05.2009

Zurück auf dem Teppich

Viele Jahre war es still um das Netz, die Vereinigung von AutorInnen in und aus der Schweiz. Sechzehn Jahre nach seiner Gründung meldet sich Netz nun zurück: mit unspektakulären Lesungen und Diskussionen, bei denen es vor allem um eins geht - Inhalt. So auch an den Solothurner Literaturtagen.

Von Adrian Riklin, Solothurn

Vor einem Jahr, zum 30. Jubiläum der Literaturtage, stand Solothurn im Zeichen des medial angeheizten Versuchs, die Rolle der Literatur als Einmischung ins Politische zu forcieren. Gesucht wurde «ein Schriftsteller, den man auf die Podien stellen und als das neue politische Gewissen der Nation vermarkten kann» (siehe WOZ Nr. 19/08). Der nostalgisch getrübte Rückblick in die siebziger und achtziger Jahre, als sich AutorInnen wie Max Frisch, Otto F. Walter, Laure Wyss, Niklaus Meienberg, Walter Matthias Diggelmann oder Peter Bichsel offensiv in politische Debatten einbrachten, überblendete die Tatsache, dass sich die Rahmenbedingungen für eine Literatur, die sich einmischt, verschoben haben.

In den frühen neunziger Jahren - Dürrenmatt und Frisch waren tot - entstand ein mediales Vakuum in der schweizerischen Literaturlandschaft. Schon damals hallte der Ruf nach einer neuen Generation von AutorInnen durch die Medien. Entsprechend euphorisch gefeiert und mit Erwartungen überhäuft wurden junge AutorInnen, die mit ihren Erstlingen das literarische Parkett betraten, allen voran Peter Weber, der mit seinem «Wettermacher» 1994 zum literarischen Wunderkind erkoren wurde. Gefeiert wurde ein Dichter, der in einer neuen, von improvisierter Musik beeinflussten Sprache Landschaften (und landschaftlich geprägte Mentalitäten) beschreibt - das war ein Ausbruch aus der Tradition der gesellschaftskritischen Literatur im engeren Sinn, ein dichterischer Reflex auch auf die rasante Globalisierung seit dem Fall der Berliner Mauer, ein neuer Blick auf die Welt, in der die Grenzen zwischen Stadt und Land und immer mehr auch zwischen den Ländern verwischt wurden. Weber beobachtet und beschreibt diese Verschiebungen bis heute, zuletzt in «Die melodielosen Jahre» (2007).

Die neue Unaufgeregtheit

Peter Weber war dieses Jahr nicht in Solothurn. Und doch konnte man fünfzehn Jahre nach jenem Aufbruch ein Déjà-vu erleben. Am Sonntagmorgen luden AutorInnen der Gruppe Netz im Saal der Genossenschaftsbeiz Kreuz zu kurzen Lesungen und Diskussion, AutorInnen jener Gruppe also, die sich 1993, kurz vor Webers Durchbruch, gebildet hatte - mit Weber und Ruth Schweikert als Zugpferden und mit AutorInnen wie Perikles Monioudis, Urs Richle oder Franco Supino, die damals ihre literarische Laufbahn begannen.

Nachdem es viele Jahre recht still geworden war um die Gruppe, scheint sich Netz nun neu zu finden. Seit einigen Monaten veranstaltet die Gruppe unter dem Namen Teppich Lesungen und Diskussionen im Zürcher Neumarkttheater. Erfreulicherweise scheint der ursprüngliche Gedanke, Texte zu diskutieren, eine neue Qualität zu erhalten. Ging es anno dazumal noch sehr um formale und literaturbetriebliche Aspekte, richtet sich der Fokus heute vermehrt auf Inhalte.

Die spürbare Lähmung, die viele AutorInnen in den Jahren zunehmender Medialisierung, Verwettbewerblichung und Entpolitisierung auch des literarischen Betriebs erfasst hatte, scheint nachzulassen. Zu spüren ist eine neue Unaufgeregtheit, eine Haltung, die Literatur als Beitrag dazu versteht, sich mit der Wirklichkeit, mit verschiedenen Lebenswelten auseinanderzusetzen. So auch in Solothurn: Die Runde mit Simon Froehling, Ruth Schweikert, Guy Krneta, Johanna Lier und Franco Supino (Moderation: Perikles Monioudis) machte klar, dass eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Inhalten politisch relevanter ist als die permanente Diskussion um die politische Rolle der Literatur an sich. Dazu braucht es - und das war an diesem Sonntagmorgen überaus wohltuend - weder einen sprachkünstlerischen Hochseiltanz noch Poetryslam, geschweige denn musikalische Untermalung.

Aktualität des Unvergangenen

Guy Krneta las eine Szene aus seinem Stück «Aktion Duback», das unlängst am Theater Neumarkt uraufgeführt wurde (siehe WOZ Nr. 6/09). Exemplarisch daran ist der Versuch, ein medial ausführlich diskutiertes, in breiten Kreisen aber noch immer nicht aufgearbeitetes Kapitel der Schweizer Geschichte, Bespitzelung und Fichierung während des Kalten Kriegs, mit den technischen Möglichkeiten der digitalen Gegenwart in Beziehung zu setzen. Wie ein historischer Stoff präzise Fragen an die Gegenwart stellen kann (zum Beispiel zu einer neuen Form von «geistiger Landesverteidigung», wie sie im Fall der Pro Helvetia zu diskutieren wäre), zeigte sich auch im Ausschnitt, den Franco Supino aus seinem Roman «Das andere Leben» (2008) las: Am Beispiel des Schriftstellers und Festspielautors Cäsar von Arx (1895-1949) wird die finanzielle Abhängigkeit und politische Instrumentalisierbarkeit von AutorInnen thematisiert.

«Fest der Zwillinge» basiert auf Erfahrungen, die WOZ-Autorin Johanna Lier im Rahmen eines journalistischen Auftrags in Lagos, der grössten Stadt Nigerias, gemacht hat. Die wenigen Zeilen, die Lier aus dem noch unveröffentlichten Romanmanuskript las, machen neugierig auf die selbstreflexive Auseinandersetzung einer weissen Europäerin mit einem Land, das geprägt ist von 300 Jahren Kolonialgeschichte und sechs Jahrzehnten Militärdiktatur.

Auch eine Szene aus dem Stück «Und dunkel und hell», das Ruth Schweikert und Simon Froehling gemeinsam verfasst haben und die von allen AutorInnen in verteilten Rollen gelesen wurde, beschäftigt sich mit einem aktuellen Thema: mit den Auswirkungen der modernen Medizin und ihren lebensverlängernden Massnahmen auf zwischenmenschliche Beziehungen.

Fazit der Matinee: Die unspektakuläre Auseinandersetzung mit Inhalten aus den Dichterschubladen kann ein weit wirkungsvollerer gesellschaftlicher Beitrag sein als all die zelebrierten, medial aufgeheizten Debatten. Gute Fragen, Gedanken und vielleicht auch Erzählungen entfalten sich vorzugsweise im Halbdunkel, wenn der öffentliche Lichtkegel nicht viel breiter ist als ein Türspalt, der zum Besuch einlädt. So entsteht auch eine andere Qualität der Auseinandersetzung, in der LiteratInnen und Publikum auf gleicher Augenhöhe diskutieren. Man sitzt nicht mehr nur als ZuhörerIn im Theater, sondern nimmt teil - in einer kollektiven Werkstatt.

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