Nr. 19/2015 vom 07.05.2015

Ein Netz statt Max Frisch

Achtung: KünstlerInnen ergreifen das politische Wort. Kann das gut gehen? Was hat die Vereinigung Kunst + Politik zu einer offeneren Schweiz bislang beigetragen?

Von Stefan Howald

AusländerInnen «nicht vor die Tür stellen», stattdessen für sie das Wort ergreifen. «Gegen den Strich» schreiben. «Rettet Basel». Oder umgekehrt: «Hurra, verloren», dem Mythenzirkus am Beispiel Marignano etwas entgegensetzen.

Mit solchermassen betitelten Projekten mischt sich der Verein Kunst + Politik seit fünf Jahren in die Schweizer Öffentlichkeit ein. Anfang 2010 schlossen sich KünstlerInnen zusammen, um sich politisch vermehrt vernehmen zu lassen. Das war eine Reaktion auf die Annahme der Antiminarettinitiative im November 2009 und auf die damaligen SVP-Angriffe gegen die Antirassismuskommission. Im Vorfeld der Debatte über die Ausschaffungsinitiative, die im November 2010 zur Abstimmung kommen sollte, herrschten Empörung und Depression, Zorn und Ohnmacht. Daraus erwuchs das Bedürfnis, endlich wieder einmal etwas Tapferes zu tun.

Im März 2010 wurde deshalb ein «Aufruf gegen die weitere Vergiftung des sozialen und kulturellen Klimas» lanciert und von 1200 Kulturschaffenden unterzeichnet. Das öffentliche Echo war freundlich, aber bescheiden. Und allein aus einer lauwarmen Unterschriftensammlung konnte das neue Engagement gegen das chauvinistischer und abweisender werdende Klima in der Schweiz wohl nicht bestehen. «Wir wollten mehr als eine einmalige Aktion», sagt Guy Krneta, damals wie heute eine treibende Kraft. «Also begannen wir ein internes Gespräch, wie wir eine offenere Schweiz mit unseren Mitteln darstellen könnten.»

Entstanden sind daraus zahlreiche Aktivitäten. Kunst + Politik wird von etwa 200 Mitgliedern getragen. Als Verein konstituiert, gibt es vorschriftsgemäss einen Vorstand; der lässt sich besser begreifen als eine Gruppe aktiver KünstlerInnen, die Projekte anreissen und koordinieren und dabei auf eine Schar von SympathisantInnen zurückgreifen und diese ihrerseits aktivieren können. Einige Namen tauchen öfter auf, neben Guy Krneta Ruth Schweikert, Martin R. Dean, Johanna Lier, Mathias Knauer, Nicole Pfister Fetz und Hans Läubli, zu Beginn auch Peter Weber und Samir; für die Romandie ist es Heike Fiedler und für die italienischsprachige Schweiz Alberto Nessi, dazu als Brückenbauer Daniel de Roulet.

Ein Dilemma

Nach zwei Jahren, an der Generalversammlung 2012, zog Guy Krneta ein erstes, selbstbewusstes Fazit: Die Vereinigung habe wesentlich dazu beigetragen, dass die Künstlerinnen und Künstler als politische Stimme der Schweiz wieder im Bewusstsein seien. Zugleich wies er auf Schwachstellen hin: Insgesamt seien allzu viele Projekte begonnen worden. So habe die organisatorische zuweilen die inhaltliche Arbeit überwältigt, und etliche Aktionen mussten eingestellt werden. Darin steckte die Frage, was denn der Verein überhaupt war und sein sollte und könnte.

Kunst + Politik «initiiert und unterstützt künstlerische Aktionen und Aktivitäten zu gesellschaftspolitischen Themen», heisst es in den Statuten. Die Kunst wäre also das Mittel und die Politik der Zweck. Doch KünstlerInnen, die sich politisch vernehmen lassen, eingreifen wollen, geraten in ein Dilemma: Können sie sich künstlerischer Mittel bedienen, wenn sie im Politischen wirken wollen, oder müssen sie sich dessen Formen und Inhalten anpassen? Und umgekehrt: Warum machen sie nicht das, was sie am besten können, Kunst nämlich, diese freilich politisch? Das Dilemma zeitigt zuweilen Werke, Produkte, die beiden Ansprüchen nicht gerecht werden. Die Empörung ersetzt die Analyse; und die künstlerische Form geht zuschanden. Politkitsch eben.

Ein gesellschaftlicher Charaktertypus, der sich in diesem Spannungsfeld herausgebildet hat, ist der oder die Intellektuelle – ArbeiterInnen in den Gefilden der Sprachen und Symbole, die sich für das Ganze der Gesellschaft interessieren und demgemäss intervenieren. Dessen Entstehungsgeschichte ist hinlänglich bekannt: die öffentliche Sezierung eines empörenden Gerichtsurteils durch Émile Zola unter dem Titel «J’accuse» (1898). Frankreich pflegte seither seine Grossintellektuellen; in Deutschland erregte der soeben verstorbene Günter Grass bis ins hohe Alter die Gemüter; in der Schweiz hatten und haben wir Intellektuelle wie Otto F. Walter, Franz Hohler, Alexander J. Seiler und Adolf Muschg, der einmal, viel belächelt, als SP-Ständeratskandidat antrat.

Und dann natürlich Übervater Max Frisch. «Ist Lukas Bärfuss der heutige Max Frisch?», hat Kulturredaktor Martin Ebel kürzlich im «Tages-Anzeiger» gefragt und mit einem vorsichtigen «wahrscheinlich» geantwortet. Aber das ist eine öde Frage, und sie fördert zudem den Personenkult. Kunst + Politik wollte sich dem von vornherein entziehen. «Es ging uns um ein vielstimmiges Manifest», sagt Guy Krneta. «Es ging gerade darum, unterschiedliche Stimmen hören zu lassen, die zugleich aufeinander verweisen.»

Politik

Was ist bisher gemacht worden? Bemerkenswert viel. Ein gutes Dutzend Aktionen lässt sich identifizieren. Hübsch einprägsam waren 2010 drei Kinospots von Micha Lewinsky gegen die Ausschaffungsinitiative; kürzlich hat Edgar Hagen ein Video zur düsteren Basler Mediensituation gedreht. Der Rapper Greis stellte 2011 die CD «V – Zum Wählen» mit Beiträgen von rund dreissig Musikgruppen und InterpretInnen «für eine offene Schweiz, für Vielfalt und Solidarität» zusammen. Insgesamt dominiert allerdings das Wort, die Literatur, durch Spoken Word Richtung Performance ausgeweitet. Kunst + Politik initiiert Texte, bietet sie den Medien an und publiziert sie auf der eigenen Website. Das ist auch Konsequenz einer veränderten Mediensituation, zunehmend aufgesplittert und zugleich durch die neuen Medien ausgeweitet.

Auf der Website sind mittlerweile Dutzende von Texten gespeichert samt Reaktionen und Links auf andere Websites. So ist ein Archiv von künstlerisch-politischen Stellungnahmen der Schweizer Kunstszene der letzten fünf Jahre entstanden. Das alles wird durch Lesungen und Diskussionsveranstaltungen aktiviert und aktualisiert.

Erfolgreich sind Projekte, die sich fokussieren lassen. Bei «an deiner statt» liehen 29 AutorInnen ihre Stimme 29 Illegalisierten; die Texte erschienen 2012 als Buch, das dann wieder an Lesungen präsentiert wurde, und diese Texte fangen prägnant politisch-persönliche Schicksale ein.

«Rettet Basel», nach der Übernahme der «Basler Zeitung» durch Christoph Blocher und Markus Somm gestartet, war und ist ein regsames Regionalprojekt, das gelegentlich kühn den Anspruch erhebt, eine alternative Schweizer Medienpolitik formulieren und erkämpfen zu wollen. Tatsächlich ist Kulturpolitik immer auch ein Kampf um den Platz in den Medien.

Anderes versandete. «Gegen den Strich» wurde 2011 begonnen, wollte Sprache aufspiessen, gegen den Strich bürsten oder gemäss anderen Metaphern behandeln, und das wurde ab September 2011 auf einem Blog von zehn AutorInnen zu Beginn eifrig betrieben; das elektronische Archiv verzeichnet rund fünfzig Texte. Der letzte Eintrag stammt allerdings vom Januar 2013. Im Rückblick entsteht der Eindruck, hier sei – verlockendes Internet – ein wenig Selbstverwirklichung betrieben worden.

Zuweilen weckt der Auftritt falsche Erwartungen. Der im letzten Herbst angekündigte «Tag der Kunst gegen Ecopop» evozierte eine die Schweiz durchdringende Aktion der geballten Macht der Kunstszene – dabei ging es pragmatisch darum, verschiedene Aktivitäten auf einen Tag hin zu bündeln. Tatsächlich ist eine Stärke von Kunst + Politik die soziale und politische Vernetzung. Mitglieder der Spoken-Word-Gruppe Bern ist überall sind prominent vertreten, es gibt Ostschweizer Verbindungen, «Rettet Basel» bringt viele Basler Kulturschaffende zusammen, dazu kommen institutionelle und persönliche Kontakte durch Hans Läubli zum Dachverband Suisseculture und durch Nicole Pfister Fetz zu den Autorinnen und Autoren der Schweiz (AdS).

Was also ist Kunst + Politik? Eine Initialzündung, eine Ideenbörse, ein Netz, ein Koordinationsbüro. Ein neuer Max Frisch ist nicht in Sicht. Natürlich, man ist ein wenig auf prominente Namen angewiesen. Texte von Ruth Schweikert oder Pedro Lenz werden in den Medien eher abgedruckt. Aber insgesamt geht es darum, gerade durch die Weite und Vielfalt von Interventionen aus dem Kulturbereich zu einem sozialeren Klima in der Schweiz beizutragen.

Kunst

Und wie steht es dabei mit der Kunst? Nehmen wir die Aktion «Hurra, verloren». Diese wurde schon zum 1. August 2014 gestartet: Im Hinblick auf das von rechts drohend angekündigte 500-Jahr-Jubiläum des Schlachtens bei Marignano versuchte Kunst + Politik, dem von links zuvorzukommen. Achtzehn AutorInnen, davon acht französischsprechende und ein italienischsprechender, boten Texte zur öffentlichen Debatte an. Georg Kreis steuerte einen materialreichen Essay bei, von dem auch ein Jahr später noch viel gelernt werden kann. Von Jo Lang stammte ein kurzer historisch argumentierender Text, in dem er an andere Jubiläen erinnert.

Sind das künstlerische Formen, wie sie Kunst + Politik ermutigen will? Wären diese Essays nicht auch ohne Kunst + Politik entstanden? Ein, zwei Texte reproduzierten die übliche Jeremiade über die verbohrte Holzschädelschweiz. Ein, zwei Texte versuchten, die Stärken der Literatur einzubringen: etwa das damalige Schlachten zu veranschaulichen. Beat Sterchi imaginierte sich Ferdinand Hodler im Ringen um sein Schlachtengemälde: witzig und mehrschichtig. Hat die frühzeitig gestartete Aktion die aktuelle Debatte mitbestimmen können? Diese wird gegenwärtig von Intellektuellen wie Peter von Matt und Thomas Maissen und Roger Köppel dominiert. Dabei wären Mythenbau und Mythenzertrümmerung ureigene Geschäfte der KünstlerInnen.

Guy Krneta ist erfrischend enthusiastisch und realistisch zugleich. «Man sollte unsere Möglichkeiten weder über- noch unterschätzen. Im Übrigen vollzieht sich Engagement in Wellen.» Kunst + Politik bietet eine minimale Struktur, Ermutigung und Zusammenarbeit. Und es gibt neue Leute mit neuen Ideen. Das Kollektiv Luftlinie startete letztes Jahr die Aktion «Asyl gewährt». Selbst entworfene Kleber werden in den Grossverteilern auf importiertes Gemüse und Obst geklebt: Warum die in die Schweiz einreisen dürfen und Menschen aus denselben Ländern nicht? Ein anderes Bild der Schweiz: Nicht nur die jüngsten Wahlresultate zeigen, dass es etliches Künstlerisches und Politisches zu tun gibt.

«Literatur im Krisenfall»: Acht AutorInnen diskutieren in Solothurn mit SP-Nationalrat Cédric Wermuth, eine Zusammenarbeit mit dem Netzwerk Kunst + Politik, Samstag, 16. Mai 2015 um 15 Uhr.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch