Nr. 24/2009 vom 11.06.2009

«Heimatland, Babettli!»

Der Finanzminister hat aus der Krise nichts gelernt. Er will die Schweiz vollends zum Bankenstaat machen. Leiten ihn am Ende Zwangsvorstellungen? Darauf deuten seine unveröffentlichten Schriften.

Von Viktor Parma

Hans-Rudolf Merz feiert in diesen Tagen einen wichtigen Erfolg. Der bankenfreundliche Finanzminister hat seine eigene Partei hinter sich gebracht - keine Selbstverständlichkeit. Mögen alle andern an seiner Politik keinen guten Faden lassen - seine FDP macht sich für ihn vollends zur Bankenpartei. Parteichef Fulvio Pelli präsentierte den Medien am Dienstag in Bern die neue freisinnige «Finanzplatzstrategie Schweiz». Der Tessiner forderte für die Banken bessere Rahmenbedingungen: «Im harten Standortwettbewerb mit anderen Ländern müssen wir unseren Finanzplatz nicht bekämpfen, sondern fördern.» Ständerat Rolf Schweiger (Zug) stiess ins gleiche Horn: «Erste positive Zeichen an den Finanzmärkten sind für rasche Reformen zu nutzen.»

Schon in zehn Tagen sollen die FDP-Delegierten im Hotel National in Bern die neue Parteistrategie verabschieden. Die Sache eilt, denn der nächste Börsentaucher kommt bestimmt. Die Delegierten müssen Zielvorgaben absegnen, die Merz von Pierre Mirabaud, dem Präsidenten der Bankiervereinigung, übernommen hat. Der Genfer Privatbankier forderte die Politik 2007 - vor der Krise - in einem «Masterplan Finanzplatz Schweiz» auf, das Land bis 2015 wieder hinter London und New York zum drittstärksten Finanzplatz der Welt zu machen und so 80 000 neue Arbeitsplätze im Inland zu schaffen. Jetzt, durch die Krise bescheidener geworden, versprechen Pelli und Schweiger dem Volk noch «bis zu 40 000 neue Arbeitsplätze bis 2015».

Die flexiblen Anwälte der Finanzwirtschaft setzen sich in der Partei gegen die Vertreter der Realwirtschaft auf ganzer Linie durch. Im Nationalrat streicht ein freisinniger Unternehmer nach dem andern die Segel: Ruedi Noser (Zürich) kritisierte Merz’ Bankgeheimnispolitik und trat als Vizepräsident der FDP Schweiz zurück. Johann Schneider-Ammann (Bern) kämpfte jahrelang gegen die Abzockerei der Banker und verzichtete jetzt darauf, für Noser ins Vizepräsidium nachzurücken. Tarzisius Caviezel (Graubünden) forderte mit einer Parlamentarischen Initiative die Schaffung einer Postbank und ging, von seiner Partei im Stich gelassen, im Nationalrat damit unter. Otto Ineichen (Luzern) stritt für die kleinen und mittleren Unternehmen noch und noch erfolglos. BefürworterInnen des Werkplatzes ziehen im Freisinn durch die Bank den Kürzeren. Hans-Rudolf Merz muss für politische Fehler und Versäumnisse, welche die Finanzkrise zutage gefördert haben, nicht einmal geradestehen. Er schiebt alles auf die Geldgier bereits abgehalfterter Manager. Sie seien, behauptet er, von jahrhundertelang hochgehaltenen Tugenden der Branche abgewichen. Geschichtsklitterung.

So wird der Bundespräsident seines Lebens jedoch nicht mehr froh. In der laufenden Session der Eidgenössischen Räte wirkt er bald bedrückt, bald verwirrt. Am letzten Freitag widerfährt ihm kurz vor der Mittagspause im Nationalrat ein bezeichnendes Missgeschick. Merz sitzt vorn in der Bundesratsbank und kaut geduldig an einem Sandwich, als der Solothurner SVPler Walter Wobmann ans Rednerpult tritt. Wobmann zieht seine Motion zum Steuerstreit Schweiz-EU aus eigenem Antrieb zurück. Damit wäre die Sache schon erledigt. Merz aber bemerkt dies gar nicht. Er ergreift das Wort und zieht gegen die bereits beerdigte Motion Wobmann vom Leder, minutenlang: «Auch in diesem Fall werden wir die Steuerstatus der Kantone verteidigen! Wir werden unser Steuersystem verteidigen! Ob man es aber jetzt gegen die Personenfreizügigkeit aufwiegen soll - der Bundesrat ist klar der Meinung, das sollte man nicht tun. Er lehnt diese Motion deshalb ab!» Chiara Simoneschi, Ratspräsidentin, müsste ihn stoppen oder korrigieren. Sie tut es nicht, weil sie den konfusen Bundespräsidenten nicht blamieren will. Der erkennt seinen Lapsus erst am Schluss der Debatte. Kopfschüttelnd packt er den Rest seines Sandwichs in seine Mappe, geht aus dem Saal und zieht sich in sein Büro im «Bernerhof» zurück, den Sitz des Finanzdepartements.

Sein absurder Auftritt erinnerte fatal an Szenen, die er sich noch vor seiner Wahl zum Bundesrat 2003 ausgedacht und in Erzählungen niedergeschrieben hatte. Im Gegensatz zu seinem Roman «Der Landammann» von 1992 publizierte er sie nicht. Merz bezeichnet seine unveröffentlichten Novellen als «Plagiate», weil jede von ihnen dem Stil eines berühmten Schriftstellers nachempfunden war, etwa Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt oder Hermann Burger. Die Texte gewähren jedoch einen einzigartigen Einblick in sein Innenleben. Schreibend suchte Merz die Kluft zwischen seiner sprudelnden Fantasie und der öden Wirklichkeit zu überbrücken.

Einem von ihm so genannten «Plagiat nach Urs Widmer» gab er den Titel «Max fährt die Tour de paradis». Die Story ist simpel gebaut. Sie beginnt am Familientisch eines wütenden Hausvaters.

Der Mann, vom grauen Alltag des Familienlebens angeekelt, ärgerte sich über die von seiner Frau versalzene Rösti: «Mein Gott, die dumme Kuh, nicht einmal zum Salzen reicht es.» Dann blickte er «griesgrämig auf seine vier triefnasigen Kinder nieder und spürte, wie diese ihn hohl anglotzten und auf einen Fluch oder ein Schimpfwort warteten». Er war von «diesen Gofen» angewidert: «Eines dümmer als das andere. Au, wenn ich nur schon diese Schafsaugen sehe ...» Der Hausvater hatte die Nase voll: «‹Nein!› brüllte Max, erhob sich, stiess den Stuhl zur Seite, verliess die Küche und schlug die Türe hinter sich zu.» Er sprang aufs Fahrrad und fuhr drauflos. Er machte ein «Velonickerchen», verwandelte sich wundersam zu einem Champion des Radsports und fuhr in eine tropische Traumwelt hinein, bevölkert von Indianern, Schamanen, Trappern - und vor allem von Babettli.


Von weitem erblickte Max plötzlich den Stand für die Zwischenverpflegung, auf den er in Windeseile zuspurtete, als ginge es um die Punktewertung. (...) Hinter dem Holztisch voller Kartonbecher und Sandwichtüten stand eine schöne junge Frau im Sari. Max bremste per Rücktritt. Das Fahrrad jammerte in den Stillstand. Nässe und Hitze hatten das Schmieröl versabbert.

«Wer steht denn hinter diesem Verpflegungsstand, wer? - Das ist doch am Ende Babettli, das Nachbarstöchterchen. Ich werde mich doch nicht etwa irren?», plapperte Max. «Nein», verneinte Babettli, «ich bins. Seit sechsunddreissig Jahren passe ich Dir im Urwald ab. Und nun holst Du endlich Deine Zwischenverpflegung ab.» Babette, einst das Mädchen mit den säuberlich geflochtenen Zöpfchen, war ein herrliches, kraushaariges, vollbusiges Weib geworden. Fleischgewordene Süsse. Max war erschlagen von ihrem Ebenmass und ihrer Grazie. Er rang nach Luft. Innen jauchzte es.

«Heimatland, Babettli, wer hätte das gedacht!», stammelte er. (...) «Du bist der Letzte, Max, iss, trink, lockere Deine Muskeln, atme durch, so kann ich den Verpflegungsstand endlich aufheben. Ich werde Dir nachfahren.» Babette zerrte ihr Fahrrad, ein nigelnagelneues Villigerdamenvelo, aus einem Ginstergebüsch und schubste die Pedale in die Ausgangsstellung. «Küss mich, Max, ich habe seit sechzehn Jahren kein Rasierwasser mehr gerochen», flehte sie, «dabei ist das ganze Feld der Radrennfahrer am Verpflegungsstand vorbeipfupft. Kübler, Koblet, Louison Bobet, Gino Barali, Fritz Schär, Eddy Merckx.» Welche Wonne, schmachtete Max, und zuhause ist die Speckrösti versalzen. Sie wonnten eine Weile.

«Schau, dort steht ein Pyramidenzelt», sagte Babettli plötzlich, und in der Tat tauchte eine kleine Zeltstadt auf.

«Uauauauau», erscholl es und vor ihnen stand ein Indianer im Kriegsschmuck, einen glimmernden Federkranz um Kopf und Stirne. Sein Gesicht war rot und schwarz bemalt, die Augen stachen dunkel heraus und hatten dennoch nichts Bedrohliches.

Er fasste Max und Babettli bei der Hand und vollführte mit ihnen einen Kriegstanz. Er bog und krümmte sich, wippte mit Hüften und Schultern und schwang ein rhombusförmiges Beil. (...) Eine Squaw trat hervor, sie wiegte mit ihrem Kopf im Takt.

«Uauauauau», sang der Krieger.

«Uauauauaua», seufzte die Squaw zurück.

«Uauauauau», quittierte Max.

«Du hast ein ‹a› vergessen», korrigierte ihn Babettli.

«Das ist mir aber ein seltsames Geheul», wunderte sich Max. «Wenn die nur nicht von MGM oder Disneyland angestellt sind und am Ende noch Trinkgeld erwarten. Meine Taschen sind leer.» (...)

Dann ein Riesenknall. Seenachtsfest hoch drei. Was war geschehen? Was hatte sich ereignet? Hatte sie der Schamane am Ende verzaubert? Max kniff sich in die Wange. (...) Hurra, sie langten zuhause an. Sangen: ich tanze mit Dir in den Himmel hinein.

Max wand sich vom Rad, gemartert, als wäre er von einer Remonte gestürzt, sprengte heim, stürmte in die Küche, spachtelte die versalzene Rösti zu Ende, wie wenn nichts gewesen wäre.


Merz’ Erzählung endet mit einer Kapitulation. Die Freiheit des frustrierten Kleinbürgers ist eine idée fixe, ein imaginierter Seitensprung. Seine Traumwelt von Indianern, Squaws, Kriegstänzen und Trappern ist ein Nichts. Sein Wunschtraum entpuppt sich als Zwangsvorstellung. Die Rebellion des Geistes gegen die lähmende Übermacht der Wirklichkeit misslingt. Alles endet mit dem bösen Erwachen in einer unverstandenen Realität.

Merz’ Fazit ist gerade für einen Freisinnigen bitter. Die Politik kann demnach die Realität nicht gestalten, sie kann sie nur durch «bessere Rahmenbedingungen» begleiten. Kein Wunder, wirkt der Finanzminister in der Finanzkrise derart hilflos. Er erkennt nicht einmal ihre Ursachen. Die Krise ist nicht durch die Geldgier von Managern allein ausgelöst worden, sondern - beispielsweise - auch durch Fehler und Versäumnisse der Politik. Den Finger auf den wunden Punkt legte kürzlich Merz’ wichtigster Mitarbeiter, Peter Siegenthaler, Direktor der Eidgenössischen Finanzverwaltung. Er äusserte sich in einer Rede in Zürich über Schuld und Mitschuld für die Finanzkrise oder - wie er es nannte - die «Verantwortung für das späte Eingreifen». Versagt hätten nicht nur Banker, sondern auch Regierungen und Verwaltungen, Notenbanken und Aufsichtsbehörden, so Siegenthaler: «Letztlich wirft dieses kollektive Versagen äusserst interessante politökonomische Fragen auf, die noch zu vertiefen sein werden.» Und: «Die Zurückhaltung der Behörden und interessierten Öffentlichkeit kommt dem Phänomen einer Schweigespirale zumindest nahe. Wir liessen uns beim Tanz um das goldene Kalb ungern durch kritische Fragen stören.» In der Tat, dies sind die Fragen, die Merz dringend vertiefen müsste - auch auf das Risiko hin, sich selbst auf die Spur zu kommen.

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