Nr. 24/2009 vom 11.06.2009

Nicht richtig und stolz darauf

Am Rand der Europride fand ein Festival statt von jenen, die sich im schwullesbischen Mainstream nicht wiederfinden - und immer selbstbewusster auf sich aufmerksam machen.

Von Bettina Dyttrich

«Wenn ich mit einer Frau zusammen bin, bin ich eine Lesbe; wenn ich Sex mit einem Mann habe, bin ich schwul.» Der das sagt, sieht aus wie ein Mann und definiert sich auch so, obwohl er als Mädchen geboren wurde und früher lesbisch lebte. Es ist Freitagabend am Europride-Wochenende. Das Zürcher Cabaret Voltaire ist voll. Der Anlass heisst Erzählcafé, und die Regeln sind ganz einfach: Alle dürfen den Anwesenden etwas erzählen, aber niemand muss. Es geht nicht um einen Schlagabtausch, sondern um den Austausch von «Erfahrungen jenseits von Geschlechter- und Sexualitätsnormen».

«Du bist ja jetzt ein Mann»

Einige Stunden zuvor ist die Offpride eröffnet worden, das Festival für all jene, die sich im schwullesbischen Mainstream nicht wiederfinden (dass es einen solchen gibt, wird nicht nur an der Europride-Parade vom Samstag überdeutlich). Und im heterosexuellen Mainstream schon gar nicht. Der hat sich zwar inzwischen daran gewöhnt, dass es Männer gibt, die Männer lieben, und Frauen, die das Bett lieber mit Frauen teilen. Aber Menschen, die weder Frauen noch Männer sind? Solche, die im Alltag als Frauen leben, aber ihren Penis trotzdem behalten möchten? Frauen, die sich als schwul bezeichnen?

Wer solche Lebensformen ausprobiert, ausprobieren muss - eine Willensentscheidung ist es in den seltensten Fällen -, fällt schnell zwischen alle Stühle. Das erzählt auch der Transmann im Cabaret Voltaire: Von manchen Lesben werde er abgelehnt - «Du bist ja jetzt ein Mann» -, aber auch von vielen Schwulen, da er ohne Penis ja doch kein «richtiger» sei.

Doch diese Minderheit, die sich queer nennt, wartet nicht darauf, akzeptiert zu werden. Sie hat längst ihre eigene Kultur. Die Anlässe des dreitägigen Festivals, das AktivistInnen aus dem Umfeld des Zürcher Kollektivs Sündikat organisiert haben, hätten problemlos eine ganze Woche gefüllt: Workshops zu gewaltfreier Kommunikation oder zum Basteln von Sextoys, Diskussionen über szeneninterne Ausschlüsse oder queere Familien, zwei Partys mit Konzerten und Performances, das Kunstprogramm «Queerscapes» mit zwei Ausstellungen und Dutzenden von Filmvorführungen. Anna Frei, eine der beteiligten KünstlerInnen, erklärt: «Die Ausstellung im Cabaret Voltaire und im Message Salon zeigt ein dichtes Gewebe queerer Kunst, eine Art Archivauslegung. Mit dem Projekt ‹You can find me in the Lexicon, in the Lexicon› gehen wir hinaus in Archive und bringen Queerness in sie hinein.»

Raffinierte Unbeholfenheit

«You can find me ...» führt etwa ins private Deso-Radiomuseum in Zürich Wollishofen, mit anschliessender Erkundung dem Seeufer entlang, begleitet von einem Hörspiel der deutschen Künstlerin Michaela Meliàn übers Reisen und Wandern, über freiwillige und unfreiwillige Migration. Und per Liveschaltung in ein imaginäres queeres Archiv. «Kategorisierung ist eine Notwendigkeit eines Archivs, sonst lässt es sich nicht nutzen», sagt Frei. «Und genau diesem Einordnen widerspricht der queere Gedanke.»

Manchmal ergeben sich verblüffende Verbindungen. Zum Beispiel im Phonogrammarchiv in den beengenden Luftschutzräumen der Universität, wo alte Schweizer Mundartaufnahmen gehortet werden. Dort spricht der deutsche Musikjournalist Martin Büsser über Geschlechter im Punk und kommt zum Schluss, dass sich Inhalte nicht nur in Texten, sondern vor allem in der ganzen Ästhetik ausdrücken: Queere Musik spielt mit Stilbrüchen, mit Brüchigkeit, gebrochenen Geschlechterbildern. Und genau diese Brüchigkeit illustrieren anschliessend die Performerinnen vom Duo Krokodilstränensirup, indem sie Unbeholfenheit so auf die Spitze treiben, dass sie zu einer raffinierten Möglichkeit wird.

Jedes Archiv ist queer

«Gleichzeitig könnte jedes Archiv das queere Archiv sein», sagt Anna Frei. «In jedem sind queere Inhalte zu finden, auch wenn sie aus einer Zeit stammen, bevor es den Begriff gab.» Ist es zulässig, Geschichten aus anderen Zeiten heutige Bedeutung überzustülpen? Diese Frage stellt sich immer wieder. Etwa beim Sehen des Films «The Female Closet» der lesbischen US-amerikanischen Filmerin Barbara Hammer. Sie folgt unter anderem den Spuren der Fotografin Alice Austen (1866-1952) und findet Erstaunliches: nicht nur Bilder von Austen und ihren Freundinnen in männlicher Aufmachung, sondern auch Porträts von Menschen mit uneindeutigem Geschlecht. Ein Stück queere Vergangenheit?

Performances sind ein wichtiger Teil queerer Kultur. Am Samstag kommen sie im Provitreff ausführlich zur Geltung. Ein Höhepunkt des Abends ist der Auftritt der haitianisch-amerikanischen Performerin Mildred Derestant alias Dred aus New York. Sie bezeichnet sich selbst als «gender illusionist», verkörpert Grace Jones genauso überzeugend wie den Rapper P. Diddy. In Zürich transformiert sie sich in kurzer Zeit vom Rastafari zum Soul-Beau und weiter zum Gangster. Augenzwinkernd entlarvt sie Stereotypen über schwarze Männer in den Köpfen des Publikums. Dred liebt Auftritte als «perfekter» Mann auf und neben der Bühne - und verblüfft dann mit dem Enthüllen ihres «wahren» Geschlechts.

Wer schnell einordnet, fällt rein

Ähnliches passiert während der Offpride immer wieder: Der Blick verändert sich. Wer ein paar Mal reingefallen ist, vorschnell Menschen einem Geschlecht zugeordnet hat, schaut auf einmal auch im Tram die Menschen anders an. Und wenn ich normalerweise Männer begehre, was mache ich dann, wenn ich eine begehrenswerte Person mit uneindeutigem Geschlecht sehe? «Proud to be a freak» heisst ein Workshop der Offpride. Sich selber schön finden können als Anfang der Handlungsfähigkeit.

Am Ende streift Dred alle männlichen Accessoires ab. Sie trägt jetzt einen schlichten weissen Baumwollrock. Mit wenigen Handgriffen schminkt sie sich ab, der Bart verschwindet, die gezackten Augenbrauen auch. Als Letztes greift sie sich in den Schritt, entfernt das, was sich da wölbt - einen Apfel -, und beisst hinein. Das Publikum tobt. Doch unvermittelt ist der komische Moment vorbei. Dred streckt die Hände zum Himmel und rezitiert abwechselnd in haitianischem Kreolisch und auf Englisch: «Ich bin ein Mann. Ich bin eine Frau. Ich habe beides in mir. Es ist ein Segen.» Es ist schwer, aber es ist ein Segen; eine Kraft, kein Fluch. Manche der uneindeutigen Menschen im Publikum haben Tränen in den Augen.

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