Nr. 02/2020 vom 09.01.2020

Was heisst sexpositiv?

Jessica Sigerist hat mit ihrem Geschäftspartner einen «queerfeministischen, sexpositiven Sextoyshop» eröffnet. Ein Gespräch über normative Körperbilder, weibliche Emanzipation, sexuelle Self-Care und Silikonbrüste.

Von Nora Strassmann (Interview) und Ursula Häne (Foto)

«Sextoys sind nach wie vor stigmatisiert»: Jessica Sigerist mit einem Strap-on-Dildo.

WOZ: Jessica Sigerist, im Internet wimmelt es von Sextoyangeboten. Und jetzt haben auch Sie vor einem Monat den Onlineladen untamed.love eröffnet. Warum?
Jessica Sigerist: Weil wir uns nirgends genug wohlfühlten, um einzukaufen. Bei den bestehenden Läden gibt es zwei Kategorien: einerseits die alteingesessenen, etwas schmuddeligen. Sie werben ausschliesslich mit Frauen, die dünn sind und Silikonbrüste haben.

Sie meinen zum Beispiel die Ketten Magic X oder Libosan?
Genau. Und andererseits gibt es die moderneren wie Amorana oder Amorelie. Die haben einen supercleanen Look, ihre Grundfarbe ist weiss. Sie sind sehr heteronormativ. Jede Werbung richtet sich an ein heterosexuelles Paar. Alle abgebildeten Leute sind zwischen zwanzig und dreissig, weiss, nicht beeinträchtigt und konventionell schön.

Das trifft auf die wenigsten zu.
Zudem treffen sie eine normative Aussage darüber, welche Art von Sex gut sei und gefördert werden soll. Nämlich der Sex in einer heterosexuellen, monogamen Paarbeziehung. Es gibt so viele andere Arten von Sex – queeren Sex, Sex ausserhalb von Liebesbeziehungen oder Sex mit sich selber –, die genauso ihre Daseinsberechtigung haben. Auch das Thema Geschlechtsidentität findet bei diesen Ketten keine Beachtung. Wir gehen davon aus, dass es auch Frauen mit Penissen, Männer mit Vulvas und Leute mit einer weder weiblichen noch männlichen Geschlechtsidentität gibt.

Was ist queerer Sex für Sie?
Alles, was von diesem normativen Bild ausgeschlossen wird, über das wir gerade geredet haben: Sex von und mit schwulen, lesbischen, Trans- und Bi-Menschen. Jegliche Art von Sexualität, die nicht in einer heterosexuellen, monogamen Paarbeziehung stattfindet, blickt auf eine lange Geschichte von Unterdrückung zurück. In den letzten Jahren ist in diesem Bereich aktivistisch viel passiert. Die Leute wollen endlich stolz und selbstbewusst sagen: «Ja, ich habe Sex, und es macht mir Spass.» Sextoyläden, die diese Diversität abbilden, gibt es in England und den USA schon längst.

Es braucht aber Mut und genug Geld im Portemonnaie, um sich ein Sextoy zu kaufen.
Ja, es braucht vielleicht Mut, sich ein erstes Sextoy zu kaufen. Geld auch, das stimmt, wobei wir darauf achten, dass wir Produkte aus allen Preissegmenten anbieten. Und Sextoys sind nach wie vor stigmatisiert. Bei Frauen – oder Menschen mit Vulva – wird es immer mehr entstigmatisiert. Es ist jetzt eher cool und gehört ein bisschen zur Kategorie Self-Care: Du machst ein Schaumbad, stellst Duftkerzen auf und benutzt deinen Vibrator …

… und bist total emanzipiert.
Ja genau, du brauchst keinen Mann, um dich selbst zu befriedigen. Aber bei Männern – oder Menschen mit Penis – ist es noch nicht so weit. Dort ist es viel stigmatisierter, für Masturbation Sextoys zu benutzen. Dann gilt man eher als Loser, der zu wenig Frauen bekommt.

Woher kommt das?
Das hat mit den gesellschaftlichen Geschlechterbildern zu tun. Die weibliche Lust wurde historisch gesehen sehr lange geleugnet oder als etwas Unkontrollierbares, Schreckliches dargestellt, das durch vernünftige Männer unter Kontrolle gebracht werden musste. Seit einigen Jahrzehnten erobern sich die Frauen ihre Lust zurück. Männer hingegen sind noch nicht so weit auf ihrer Suche nach einer Männlichkeit, die nicht mehr patriarchal, aber dennoch selbstbewusst ist.

Wozu braucht man überhaupt ein Sextoy?
Für Menschen mit körperlicher Beeinträchtigung kann es ein wichtiges Hilfsmittel sein, um Stellen zu erreichen, an die sie sonst kaum rankommen. Auch für Leute, die sich nicht dabei wohlfühlen, ihre Genitalien selbst zu berühren, ist es selbstermächtigend. Und es kann einfach Spass machen.

Sie beschreiben sich als sexpositiv …
Sexpositiv bedeutet, dass alle Arten von Sex ihre Daseinsberechtigung haben, solange sie im gegenseitigen Einverständnis unter Erwachsenen geschehen.

An was für verschiedene Arten denken Sie?
Sex zwischen zwei Männern etwa war sehr lange verboten. Auch jetzt noch finden das viele Leute «gruusig». Oder Sex, bei dem mehr als zwei Personen beteiligt sind, gilt nach wie vor bei vielen als verwerflich.

Aber das Klima ist schon offener als noch vor ein paar Jahrzehnten.
Ja. Aber an der Gesetzeslage sieht man, welche Leute ihre Liebesbeziehung rechtlich festhalten dürfen, durch eine Ehe oder eine eingetragene Partnerschaft. Es wird juristisch eine klare Abstufung gemacht, welche Sexualität als okay gilt und welche nicht. Und es gibt natürlich auch einzelne Sexualpraktiken …

Welche zum Beispiel?
Analpenetration ist nach wie vor anders gewertet als Vaginalpenetration. Auch Praktiken, die Schmerz oder Unterwerfung einbeziehen, werden von der breiten Öffentlichkeit abgelehnt – obwohl das meiner Erfahrung nach oft die am besten abgesprochenen, achtsamsten Praktiken sind.

Die Zürcherin Jessica Sigerist (33) ist ein Mensch mit Vulva und fühlt sich weiblich. Sie ist ursprünglich Ethnologin und Sozialarbeiterin.

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