Nr. 26/2009 vom 25.06.2009

Alltag hinter den Kulissen

Ein Bildband zeigt die Sowjetunion in den siebziger Jahren.

Von Thomas Bürgisser

Die Hafenstadt am Pazifischen Ozean, von der aus Daniel Gendre im Sommer 1970 seine viermonatige Bahnfahrt quer durch die Sowjetunion bis nach Leningrad antrat, heisst Nachodka, was Fundstück bedeutet. Der Name steht exemplarisch für die Reise in die Vergangenheit, auf die der Genfer Fotograf die BetrachterInnen führt. Gendre lässt uns in eine ganz andere Welt eintauchen, in eine Zeit, als das Land unter dem Parteiführer Leonid Breschnew in allen Gesellschaftsbereichen erstarrt zu sein scheint. Die Nomenklatura orchestrierte 1970 die Feierlichkeiten zum hundertsten Geburtstag von Wladimir Lenin, der – als Mumie auf dem Roten Platz zum mystischen Übervater stilisiert – den uneingeschränkten Herrschaftsanspruch der Partei ein weiteres Mal zementieren soll.

Der Festakt ist Rahmen und Kulisse zugleich. Gendre fokussiert seinen Blick aber nicht auf die stagnierende Politik und ideologische Klischees; seine Fragmente zeigen den sowjetischen Alltag: das rege Treiben um einen sibirischen Provinzbahnhof, Strassenszenen, flanierende PassantInnen in der Innenstadt von Irkutsk, junge Rotarmisten auf Dienstreise, deren Gesichter die kulturelle Vielfalt des Landes widerspiegeln, alte Kolchosbäuerinnen vom Dorf, die während eines Ausflugs in Moskaus Einkaufszentren auf einer Bank rasten. Und Häuser, Holzverschläge, Seen und Wälder, die am Zugfenster vorüberziehen.

Die Fotos wurden vor knapp vierzig Jahren aufgenommen; zwanzig Jahre später kollabierte die Sowjetunion. Gendres jetzt erschienener Bildband lässt uns einen seltenen, intim anmutenden Blick hinter den Eisernen Vorhang werfen. Die ästhetischen Bilder von der Normalität des Lebens und der Menschen berühren auf eigentümliche Weise. Gendre fängt mit seiner Kamera weder Ungeheuer des «Reichs des Bösen» noch HeldInnen eines sozialistischen Utopia ein, sondern das tägliche Leben in der Sowjetunion – in all seinen Facetten und mit all seinen Widersprüchen. Die Texte von Regula Heusser-Markun, Olga Borissowna Koch und Mikhail Schischkin sind eine schöne Ergänzung zu den grossformatigen Bildern, die das Buch zu einer echten Trouvaille machen.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch