Nr. 28/2009 vom 09.07.2009

Single-City

Von Fredi Lerch

H. U. Müllers Welt ist der Kreis 3 in Zürich. Hier lebt er, hier schreibt er, hier destilliert er aus seinen alltäglichen Erfahrungen teils tragikomische, teils kafkaeske Geschichten, diesmal unter dem Titel «Single-City» sieben Storys: etwa die jenes Mannes, der die Erinnerung an die Stimme seiner verstorbenen Frau verloren hat, diese Stimme eines Abends in der Beiz wiederfindet und den Abend mit dieser Stimme, die einem Transvestiten gehört, verbringt. Oder jener Single, der als Lebenszeichen jeden Nachmittag mit geschlossenen Augen einen Pistolenschuss aus dem Fenster abgibt, bevor er sich, wie alle Singles pechschwarz gekleidet, auf Schlummertrunk in die Stadt begibt und sich um Mitternacht mit seiner Verflossenen trifft.

In diesem Jahr wird H. U. Müller siebzig. In den achtziger Jahren hat er sich mit drei Bänden «Überlebensprosa» aus einer schweren psychischen Krise herausgeschrieben («Der Ausgerissene», 1984; «Der Entfesselte», 1986; «Der Unvergleichliche», 1988). 1992 folgte mit dem Bericht «Eldorado-City» die erste literarische Annäherung an seine Lebenswelt; 2000 gestaltete er diese in einem Roman («Stadt ohne Echo»); 2003 brach er die Grossform in einzelne Storys auf («Der Nachlass des Buchhalters»).

Diese Kurzform hat Müller nun weiterentwickelt, sein Erzählton ist schneller und direkter geworden; was er zu sagen hat, löst er immer mehr in Handlung auf. Geblieben sind die labyrinthischen Kulissen und die oft (alb)traumhafte Logik, die seine Figuren lenkt. Typisch für diesmal sind die nichtzwingenden Schlüsse: Statt Showdown oder Happy End zu bemühen, schickt Müller seine Figuren zurück in die Rätselhaftigkeit: Sie bleiben Singles über den letzten Satz hinaus.

H. U. Müller mag sich nicht mehr mit der Verlagssuche abmühen. Er produziert seine Bücher im billigen Book-on-Demand-Verfahren und sagt, dass dies «grössere Freiheiten» bringe, «wenn man willens ist, Voraussetzungen für ‹Erfolg› zugunsten von ‹Erfüllung im Schreibprozess› fallen zu lassen».

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