Nr. 28/2009 vom 09.07.2009

Deutschstunde

Von Raphael Zehnder

«Der nördlichste Polizeiposten Deutschlands», wie Siggi Jepsen seinen Vater nennt, überwacht das Malverbot gegen den Expressionisten Max Ludwig Nansen, das «aus Berlin» ergangen ist. Er überwacht es 1943, er überwacht es auch noch nach dem 8. Mai 1945, er hat sich verbissen in diesen Auftrag, belauert den Maler. Der Zusammenhang von Schuld und Pflicht während der zwölf dunklen Jahre, die blinde Ausübung der Pflicht ist das grosse Thema dieses Romans von Siegfried Lenz.

Erzähler ist Siggi Jepsen, der auf einer Hamburger Elbinsel in einer Anstalt für Schwererziehbare einsitzt. Sein Delikt entstand aus dem Pflichtbewusstsein des Vaters: Siggi sah (oder glaubte, sie zu sehen) Bilder, die in Gefahr schwebten, beschlagnahmt und verbrannt zu werden, und er «rettete» sie, indem er sie stahl. Zuerst aus dem Atelier des Malers, später aus Galerien.

Der Roman ist verkleidet als Aufsatz, den Siggi Jepsen während der Haft schreiben muss. In der Deutschstunde der Anstalt, die mit modernen erzieherischen Methoden arbeitet, denn Lenz’ Buch ist 1968 erschienen, hätte der junge Mann einen Aufsatz zum Thema «Die Freuden der Pflicht» schreiben sollen. Er gab sein Heft leer ab, weil ihm zu viel in den Sinn kam, behauptet er. Um ihn zu prüfen, verdonnert ihn der Direktor zur Strafarbeit, so lange allein eingeschlossen zu bleiben, bis der Aufsatz nachgeholt ist. Jepsen erledigt seine Strafarbeit pflichtbewusst. Er dauert Monate, bis er alles niedergeschrieben hat: den beengenden Geist jenes Landstrichs, die Geschichte vom älteren Bruder, der sich selbst verstümmelte, um nicht in den Krieg ziehen zu müssen, und den die Ablehnung seines Vaters und seiner Frau traf, das Porträt des Galeristen, der in jenen Jahren im Haus des Malers «überwinterte». Er erzählt vom völkischen Kunstkritiker, der nach Deutschlands Kapitulation im Atelier auftaucht, um den Maler, den er heftig befehdete, zur Mitarbeit an einer neuen Kunstzeitschrift zu gewinnen. «Deutschstunde» ist prall von Geschichten am Wege der Hauptfigur.

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