Nr. 35/2009 vom 27.08.2009

Das rote Heft der Menschenfreunde

Vor drei Jahren wurde die Zeitschrift des religiösen Sozialismus «Neue Wege» hundert Jahre alt. Nun dokumentiert ein Buch das 20. Jahrhundert im Spiegel dieser traditionsreichen Monatsschrift.

Von Paul L. Walser

Die «Neuen Wege» waren mit dem Anspruch angetreten, ein parteiloses Forum für Suchende zu sein. Dennoch positionierten sie sich innert weniger Jahre an der Seite der Arbeiterbewegung. Diese Annäherung führte früh zu Kritik. «Immer wieder», schrieb Leonhard Ragaz zu Beginn des dritten Jahrgangs, «wirft man uns vor, dass wir zu viel von sozialen Dingen reden, zu sozialistisch seien», und dass es für eine «ziemliche Anzahl Leser ein Ärgernis» bedeute, «wenn einer von fünf Artikeln ein soziales Thema berühre».

In diesem Jahr sind zwei wichtige Bücher zur Ergänzung der bisherigen Schweizer Geschichtsschreibung erschienen: im Frühjahr das biografische Handbuch «Die Schweizer Spanienfreiwilligen» im Rotpunktverlag und eben jetzt das Jubiläumsbuch «Für die Freiheit des Wortes» der Monatsschrift «Neue Wege» aus dem Theologischen Verlag Zürich. Beide Bände gleichen sich in (grossem) Format und Gewicht. Beide legen Zeugnis davon ab, was es heisst, eine Minderheit zu bilden und durchzuhalten. Beide eignen sich als Nachschlagewerke. Beide dokumentieren auf ausserordentliche Weise den Schweizer Antifaschismus – in den dreissiger Jahren hierzulande eine Minderheitenangelegenheit.

Links, ökumenisch, mutig

Die «Neuen Wege» sind das Sprachrohr des religiösen Sozialismus – oder der Religiös-Sozialen, deren treibende Kraft der protestantische Theologe Leonhard Ragaz (1868–1945) war. Die Monatszeitschrift wurde 1906 gegründet. Bis zu seinem Tod gab Ragaz den Ton an, zusammen mit engagierten MitstreiterInnen wie etwa Lukas Stückelberger, Jean Matthieu, Benedikt Hartmann. Als Vorbild galt der aus dem protestantischen Pietismus kommende württembergische Theologe und sozialdemokratische Landtagsabgeordnete Christoph Blumhardt. Später brach Ragaz mit der in seinen Augen nicht mehr glaubwürdigen Sozialdemokratischen Partei, blieb aber dem Sozialismus treu. An Auseinandersetzungen mit KollegInnen – so etwa mit Karl Barth oder Emil Brunner – fehlte es nicht.

Im Laufe der Zeit machten sich auch Stimmen aus dem fortschrittlichen katholischen Lager bemerkbar, die «Neuen Wege» wurden ein linkes ökumenisches Forum. In den letzten drei Jahrzehnten war Willi Spieler, lange auch SP-Vorderbänkler im Zürcher Kantonsrat, die prägende Figur, die dem roten Heft mit klaren, indes nie unbescheidenen Analysen und zahlreichen aussergewöhnlichen Gesprächen das Profil gab.

Dass es die «Neuen Wege» immer noch gibt, ist alles andere als selbstverständlich. Zunächst waren es vor allem die Konflikte innerhalb der linken theologischen und politischen Bewegungen, die für Spannungen sorgten. Dann bedrohte die Zensur der eidgenössischen Behörden in der Mussolini- und Hitlerzeit und während des Zweiten Weltkriegs die Zeitschrift, die sich für Widerstand im Namen der «Freiheit des Wortes» entschieden hatte. Schliesslich kamen die Schwierigkeiten der Nachkriegszeit mit Kaltem Krieg, der Wende von 1989/90 und der Offensive des Neoliberalismus samt Globalisierung. Die LeserInnenschaft bleibt eine kleine engagierte, gut gebildete Elite. Der kleinen Redaktion – derzeit Susanne Bachmann und Rolf Bossart – stehen die Redaktionskommission zur Seite sowie der Verein der Freundinnen und Freunde der Neuen Wege.

Überleben als Programm

Engagierte Minderheiten haben es schwer. Im Allgemeinen schliessen sich ihr nur Eingeweihte an. Wer bei den Kundgebungen erscheint, muss in der Regel nicht mehr überzeugt werden. Man kommt nur knapp über die Runden. Das ist angesichts der im besten Sinn menschenfreundlichen Anliegen, für die man sich einsetzt, traurig und ernüchternd. Die gute Erfahrung: Man verliert das Gesicht nicht, man lebt weiter, harzig, aber man bleibt nicht auf der Strecke. Das Überleben ist bereits ein Programm.

Dieses Überleben ist jetzt zwischen zwei Buchdeckeln greifbar. Auf ein Jahrhundert plus ein Jahr blickt der 440 Seiten starke Band «Für die Freiheit des Worts» zurück, eine eindrückliche Gemeinschaftsarbeit von Willy Spieler, Ruedi Brassel-Moser und WOZ-Autor Stefan Howald.

Das reich illustrierte Buch ist in vier Kapitel gegliedert. Den Anfang macht eine dichte Chronik der wichtigsten Etappen seit 1906. Dann werden drei Schwerpunkte erörtert: die Theologie der Befreiung samt Feminismus, die Friedensbewegung und schliesslich das Ringen um eine Alternative zu Kapitalismus und autoritärem Staatssozialismus. In den spannenden Bericht sind zahlreiche Kurzbiografien all jener Frauen und Männer gestreut, die die Geschichte der religiös-sozialen Bewegung mitgeprägt haben – von Leonhard und Clara Ragaz-Nadig über Robert Lejeune, Rosmarie Kurz, Margarete Susman, Willi Kobe, Hansjörg Braunschweig, Vre Karrer bis zu Manfred Züfle.

«Die Neuen Wege» waren keineswegs das einzige Organ, das auf die Erschütterung des kulturpolitischen Selbstbewusstseins der bürgerlichen Gesellschaft reagierte. Die Zeitschrift hat indessen ähnlich gelagerte Publikationen wie etwa den «Aufbau» der Neuen religiös-sozialen Vereinigung, der am Schluss von Otto Hürlimann redigiert wurde, überlebt.

Das rote Monatsheft, das in seinem Erscheinungsbild die Traktattradition aufrechterhält, hatte auch in schweren Zeiten nie Berührungsängste gegenüber anderen Strömungen im linken Lager und verfügte stets über ein grosses Beziehungsnetz über alle Grenzen und Mauern hinweg. Als Plattform bleibt es willkommen bei «dissidenten» ZeitgenossInnen, zu denen Theologen wie der «Linksbarthianer» Helmut Gollwitzer, Soziologen wie Arnold Künzli und Sozialethiker wie Hans Ruh gehörten. Im MitarbeiterInnenstab finden wir unter vielen anderen die einstige SP-Nationalrätin Ursula Leemann sowie die Drittweltexperten Al Imfeld und Roman Berger. In jüngerer Zeit machten die «Neuen Wege» durch ihr Engagement bei der Bankeninitiative, bei der Antiatom-Bewegung sowie der Armeeabschaffungsinitiative und immer wieder durch Vorstösse in Richtung Wirtschaftsdemokratie von sich reden: Immer wieder versuchten die «Neuen Wege», neben der theoretischen Auseinandersetzung praktische Alternativen aufzuzeigen, so etwa mit Berichten zur demokratischen Reformfirma des Autozulieferers Klaus Hoppmann im westdeutschen Giessen.

Ein frommer Wunsch

Im Interesse einer menschenwürdigen Zukunft wäre zu wünschen, dass neben den treuen Alten neugierige Junge die LeserInnen- und AbonnentInnenschaft der «Neuen Wege» verstärken würden. Ohne Zweifel ein sehr frommer Wunsch. Aller Voraussicht nach wird das Heft das Sprachrohr einer kleinen aufgeschlossenen Gruppe bleiben, die die humanistische Botschaft der Bergpredigt ernst nimmt und heiklen, lebenswichtigen Auseinandersetzungen nicht aus dem Weg geht.

Sehr begrüssenswert wäre es gewesen, wenn das Schweizer Fernsehen dieses neue Buch als Grundlage für seine Serie zum Zweiten Weltkrieg genommen hätte. Das wäre mutig gewesen – und etwas Neues.

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