Philippinen : Die kleinen Bazookas in den grossen Lagern

Nr.  35 –

Seit drei Monaten toben wieder Kämpfe auf der südphilippinischen Insel Mindanao, Hunderttausende sind auf der Flucht. Ein Besuch in der Provinz Maguindanao, dem Zentrum eines vergessenen Krieges.


Die maskierten Männer, die Lindungan Kusain den Sohn wegnahmen, würde sie wieder erkennen. Sie trugen Maschinengewehre und Uniformen, die Namensschilder und Rangabzeichen hatten sie abgerissen. Der Zeitpunkt war gut gewählt, die Menschen aus dem Dorf Crossin Pagapin in der Provinz Maguindanao warteten auf Hilfslieferungen des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz. Tausende standen in langen Schlangen, hofften auf Säcke mit Reis und vitaminangereichertem Speiseöl. Sie hatten Hunger. Doch das Rote Kreuz kam nicht an diesem Tag.

Statt Lastwagen mit Hilfsgütern fuhren Militärs in das Lager der Vertriebenen und griffen sich Söhne, Väter, Ehemänner. Einer von ihnen war Kaharodin Kensa, 23 Jahre alt, ein Bauer.

Die Männer brüllten Befehle, führten ihn ab und schlugen mit den Kolben ihrer Maschinengewehre auf Kopf und Schultern ein, trieben Kaharodin und zwei weitere Männer auf die Ladefläche eines Lastwagens. Das war am 7. Mai dieses Jahres, erzählt Kensas Mutter, die alles beobachtet hat.

Lindungan Kusain trägt ein gelbes Kopftuch, in das goldene Fäden eingewebt sind. Ihre Hände zittern. Sie ist 45 Jahre alt, aber sie sieht aus wie 65. Sie befürchtet, dass die Männer auch sie holen könnten, wenn sie erzählt, was sie an jenem Tag erlebt hat. Deshalb versteckt sie sich in diesem Vertriebenenlager in der Stadt Datu Piang, das einmal eine Schule war. Über 600 Familien leben hier in wackeligen Unterkünften aus Plastikplanen, Ästen und Brettern – etwa 3000 Menschen, so genau weiss das niemand.

Niemand habe sie bis heute informiert, wohin man ihren Sohn gebracht habe, sagt Lindungan Kusain. Die Maskierten hätten ihr nur geraten, keine Fragen zu stellen und «keinen Ärger zu machen». Andere Frauen waren mutiger gewesen. «Sie stellten sich vor ihre Männer, klammerten sich an ihnen fest und verlangten, dass man sie auch mitnehme, egal wohin.» Lindungan Kusain fixiert jetzt einen Punkt an der Wand des Bretterschlags. Die Häscher hätten dann von ihren Opfern abgelassen, sagt sie. Lindungan Kusain hätte gern diesen Mut gehabt.

Eine Woche später fand man Sahid Makmud – einen der Männer, die am 7. Mai verschwunden waren – im Rio Grande. Seine Leiche war von kleinen Wunden übersät: die Spuren der Folter. Seitdem weiss Lindungan Kusain, dass sie ihren Kaharodin nicht wiedersehen wird.

Fremde im eigenen Land

In den vergangenen drei Monaten hat sich die Lage in Mindanao zugespitzt. Besonders betroffen ist die Provinz Maguindanao; ein Gebiet aus Sümpfen, Bergen und Reisfeldern. Immer wieder kommt es zu Scharmützeln zwischen der philippinischen Armee und Rebellen der Moro Islamic Liberation Front (MILF) (vgl. «Die Kriegsparteien» weiter unten). Die Zahl der Flüchtlinge hat sich innerhalb weniger Wochen auf etwa 350000 verdoppelt. Sie leben in notdürftigen Lagern; die medizinische Versorgung ist katastrophal.

Mindanao, die südlichste Insel der Philippinen, ist die dunkle Kammer des Inselarchipels, jenseits der Traumstrände und Tauchreviere gelegen. Die Region ist Schauplatz von Asiens längstem Konflikt, einer seit 400 Jahren währenden Fehde zwischen den Moros – den muslimischen UreinwohnerInnen – und zugewanderten ChristInnen. Die Geschichte der Insel liest sich wie ein Raubritterroman. Erst kamen spanische Eroberer, dann US-amerikanische Truppen und später, nach der Unabhängigkeit, philippinische SiedlerInnen. Sie alle kolonisierten die Insel. Die Muslime wurden langsam zu einer Minderheit in ihrer Heimat, fühlen sich benachteiligt und unterdrückt; Mindanao wurde eine Art philippinisches Tibet, nur ohne Dalai Lama.

Ein Religionskrieg ist dieser Konflikt indes nicht. Seit den siebziger Jahren kämpft die MILF in einem Guerillakrieg gegen die philippinische Regierung um mehr Autonomie. Es geht dabei auch um die Verteilung von Bodenschätzen: Mindanao ist reich an Gas, Öl und Edelhölzern. Die Gewinne fliessen jedoch ab, von dem Geld bleibt kaum etwas in der Region; Mindanao gehört zu den ärmsten Gebieten der Philippinen. Darüber hinaus spielt die kollektive Identität der Moro eine wichtige Rolle. Sie fühlen sich als Fremde in einem feindlich gesinnten, christlichen Staat.

Anfang August vergangenen Jahres vereinbarten die MILF und die philippinische Regierung die Unterzeichnung eines Abkommens, das den Moros mehr Autonomie zusichern sollte – und die Menschen in Mindanao begannen, von geteerten Strassen, Krankenhäusern, Jobs und besserer Schulbildung zu träumen. Im letzten Augenblick aber stoppte eine Koalition aus PolitikerInnen und Grossgrundbesitzern durch eine Intervention beim Obersten Gerichtshof die Unterzeichnung mit der Begründung, das Memorandum sei verfassungswidrig (siehe WOZ Nr. 36/08). Der Vizegouverneur der Provinz Cotabato ist einer aus dieser Koalition; Bürgermeister und Senatoren gehören ebenfalls dazu – sie mussten mit Machtverlust und finanziellen Einbussen rechnen, wenn die Moros ihr Recht bekommen hätten. Viele besitzen Ländereien, die einst den Moros gehörten, oder sind durch die Ausbeutung der Bodenschätze reich geworden.

Unmittelbar nach dem Scheitern der Friedensverhandlungen brannten Gefolgsleute von Abdurahman Macapaar und Ameril Umbrakato, zwei ungeduldigen MILF-Kommandanten, christliche Dörfer nieder, massakrierten die BewohnerInnen und plünderten ihre Häuser. Die Armee schlug zurück und versucht seither, die beiden Rebellenführer auszuschalten. Die aber verstecken sich in den Sümpfen und Bergen, fordern die Unterzeichnung des Friedensvertrags und führen ihren Krieg gegen die Armee fort; sie legen Hinterhalte, greifen Patrouillen und Armeelager an und sprengen Brücken. Inzwischen hat die Armee ein Kopfgeld von jeweils zehn Millionen Pesos, umgerechnet 225 000 Franken, auf Macapaar und Umbrakato ausgesetzt, während die philippinische Regierung und die Führung der MILF weiterhin von Friedensverhandlungen sprechen und dabei das Wort Krieg vermeiden.

Und dann noch der Monsun

Ein Flüchtlingslager in der Provinz Maguindanao: Es liegt in einer Lichtung, umgeben von Sümpfen und brachliegenden Reisfeldern. Immer mehr Menschen drängen sich hierher und zimmern sich ein neues Zuhause aus Ästen und Plastikplanen. Tonka Atong klammert sich an den einzigen Besitz, den sie retten konnte, eine kleine bestickte Damenhandtasche mit Messingschnalle – als wolle sie sich an etwas festhalten. «Hier werden wir bleiben, ein Jahr, vielleicht zwei.»

Vor ein paar Wochen war sie aus dem Dorf Reina Rehente hierher geflohen. Ganz nah hatten die Granaten eingeschlagen, viel näher als sonst. Kurz zuvor sah Tonka Atong Fremde am Ufer des Rio Grande. Die Männer rannten, als ob sie vor jemandem davonliefen, sie trugen Uniformen und Gewehre. Ob es sich um Soldaten oder Rebellen handelte, konnte die 75-Jährige nicht erkennen. Es dämmerte, und «meine Augen sind nicht mehr so gut». Die Uniformierten verschwanden im Gebüsch. Gleich darauf hörten die DorfbewohnerInnen die ersten Explosionen, Mörsergranaten des 54. Infanteriebataillons, das seinen Stützpunkt ganz in der Nähe hat. Die 251 Familien von Reina Rehente, etwa 1300 Menschen, brachten sich mit Booten auf der anderen Seite des Rio Grande in Sicherheit – vorerst. Noch auf der Fahrt über den Fluss sahen sie, wie ihr Dorf von Uniformierten abgefackelt wurde.

Alles im Lager dreht sich um das Sammeln von Neuigkeiten und Gerüchten. Sind die Soldaten wieder abgezogen? Wo befinden sich die Stellungen der MILF? Gab es neue Kämpfe? Wann kommen Hilfslieferungen vom Ernährungsprogramm der Vereinten Nationen oder des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz? Das Flüchtlingslager ist ein Vakuum, in dem Zeit nicht existiert.

Sie glauben, in Sicherheit zu sein – aber in der Nacht befinden sie sich schon wieder in der Schusslinie, hören die Explosionen in der Nähe, und hinter Tonka Atongs Verschlag zischt Leuchtspurmunition durch die Dunkelheit, wie Raketen zu Neujahr. Währendessen stürzen Wasserfälle vom Himmel, die Fluten des Monsuns. Es gibt kein Entkommen; von vorne und hinten, von links und von rechts, von oben und von unten dringt Wasser in die Unterstände und weicht das Lager auf. Niemand schläft in dieser Nacht: Kinder heulen, Frauen wimmern, und Männer starren teilnahmslos in die Nacht, unfähig, ihre Gefühle auszudrücken.

Drei Kilometer weiter liegt Datu Piang, eine Stadt ohne Hoffnung und seit sieben Monaten auch ohne Strom. Ein Ort mit nur einem Arzt und einer Krankenschwester. Datu Piang ist überbelegt mit Vertriebenen. Allein in den vergangenen zwölf Wochen wuchs die Bevölkerung von 50 000 auf knapp 90 000 Menschen an. Zwei Drittel der StadtbewohnerInnen sind Kriegsvertriebene. Überall stehen ihre Behausungen; eng aneinander gequetscht auf Sportplätzen, in Schulen oder auf Friedhöfen, in Moscheen und in der einzigen Kirche der Stadt. Hier nennen Eltern ihre Neugeborenen Bazooka oder Rambo, weil sie während eines Mörserangriffs zur Welt kamen.

Viermal geflohen

Allein in Datu Piang starben in den vergangenen Monaten offiziell 95 ZivilistInnen an den Folgen des Krieges, darunter 40 Kinder. Aber die wahre Zahl dürfte weitaus höher liegen. Vor allem Kleinkinder und ältere Menschen werden von banalen Krankheiten hingerafft, aber auch von Erschöpfung, Unterernährung, Durchfall, Malaria, Typhus und Tuberkulose. Sie werden gemäss ihrem muslimischen Glauben sofort begraben und tauchen in keiner Statistik auf. Kayong Kanapio zum Beispiel, 52 Jahre alt, Vater von sieben Kindern, legten sie in die Erde, weil er sich eine Lungeninfektion geholt und für Medikamente kein Geld gehabt hatte. Viermal floh er mit seiner Familie in den vergangenen zwei Jahren vor der Gewalt. Am Ende reichte die Kraft nicht mehr.

In einer provisorischen Gesundheitsstation in Datu Piang fühlt Schwester Rinah den Puls eines Kleinkindes und schüttelt den Kopf. Das Kind atmet flach und schnell, hustet, die Augen sind weit geöffnet, und in der Nase steckt ein Schlauch. «Sie wird die Nacht wohl nicht überleben.» Infektion der Atemwege. Der Vater schaut seinem Kind beim Sterben zu. Am nächsten Morgen ist das Bett leer, der Mann weg, und in Datu Saudi, 25 Kilometer von Datu Piang entfernt, legen Rebellen einen Hinterhalt. Sie erschiessen drei philippinische Soldaten, während diese sich an einem Bach waschen. Am Abend kommt es an der staubigen Landstrasse, die durch Datu Piang führt, zu einem Schusswechsel, und in der Nacht feuert das 54. Infanteriebataillon Artilleriegranaten ab. Zwei Tage später stürmen Soldaten, unterstützt von Kampfflugzeugen und Hubschraubern, Verstecke der Rebellen, dreissig von ihnen sterben.