Nr. 38/2009 vom 17.09.2009

«Wen stört das Hotel denn?»

Schön ists hier, dachte sich der Gemeinderat des südspanischen Dorfes Carboneras und liess einen riesigen Hotelkomplex direkt am Strand bauen. Dumm nur: Der Bau ist illegal.

Von Silvia SüessMail an Autor:in, Carboneras

Es ragt aus der gelbbraunen Landschaft heraus wie eine Narbe. Oder wie ein Geschwür, das sich langsam über die kargen Hügel ausbreitet – das Hotel Algarrobico. Ein weisser Hotelkomplex, direkt an der spanischen Mittelmeerküste, mit 21 Stöcken, die treppenartig in den Hang gebaut wurden. 411 Zimmer hat das Gebäude, doch vermietet ist kein einziges. Und das wird wohl auch so bleiben. Denn die Bauarbeiten wurden im Februar 2006, etwa einen Monat vor der geplanten Eröffnung, eingestellt. Der Grund: Die Baufirma wurde wegen illegalen Bauens verklagt.

Dreieinhalb Jahre nach Einstellung der Bauarbeiten steht das fast fertig gebaute Hotel noch immer da, und es wirkt, als ob die Bauarbeiter nur schnell am Mittagessen wären: Vier gelbe Kräne ragen in den Himmel, die Baustelle ist rundherum abgeriegelt, sogar bewacht von einem Securitas-Wächter wird sie: Eintritt strengstens verboten.

Es ist heiss. Ein starker Wind wirbelt Sand auf. Der Strand unterhalb des Hotels ist fast leer, nur zwei Paare sind hier. Es ist ruhig – und ja, auch romantisch. Das Meer ist türkisblau, das an- und abschwellende Rauschen der Wellen wirkt entspannend und einschläfernd. Der Strand sieht aus wie aus einem Ferienprospekt – das haben sich wohl auch diejenigen gedacht, die den Bau des Hotels verantworten, und dass da nur noch eines fehle: ein richtig schönes Hotel.

«Se alquila», «se vende»

Bis vor wenigen Jahren war das südspanische Carboneras im Nationalpark Cabo de Gata noch ein kleines, verschlafenes Fischerdorf mit ein paar Läden und wenigen Bars. Doch als der Bauboom in Spanien die Küste der Provinz Almería erfasste, machte er auch vor Carboneras nicht halt. Am Eingang des Dorfes reiht sich heute Neubau an Neubau, praktisch jede Wohnung hat Blick aufs Meer. Viele Häuser sind noch nicht fertig gebaut, und an fast jedem zweiten hängt ein Schild: «se alquila» (zu vermieten) oder «se vende» (zu verkaufen).

Seit Beginn des Jahres 2000 bis im Dezember 2007 ist die Zahl der Bauten an der Küste von Almería um zwanzig Prozent gestiegen; es entstanden doppelt so viel Gebäude wie von 1987 bis 2000. Die Küste Andalusiens ist mit jenen von Valencia, Murcia und den Kanarischen Inseln der Teil der spanischen Küste, der durch die wilde Urbanisierung in den letzten Jahren am meisten zerstört wurde. Doch die Finanzkrise hat auch Spanien erfasst: Gut eine Million Wohnungen sind auf dem Markt, die keine KäuferInnen finden, viele auch an der Küste. Und auch der Tourismus, das zweite Standbein der spanischen Wirtschaft, erlitt einen starken Rückgang. Das Hotel Algarrobico hätte eines der grossen touristischen Projekte im Spanien des 21. Jahrhunderts werden sollen, angetrieben vom Gemeinderat von Carboneras und von der Landesregierung Andalusiens – beide geführt von der Sozialistischen Arbeiterpartei (Psoe). Um dieses Projekt umzusetzen, wurden ein paar Gesetze ignoriert und Pläne frisiert.

Beim Anwalt

José Ignacio Dominguez empfängt uns in seiner Wohnung in Agua Amarga, einem kleinen Dorf im Nationalpark Cabo de Gata, etwa zwanzig Kilometer von Carboneras. Der Anwalt lebt in Madrid, hat aber seit dreissig Jahren eine Zweitwohnung im Park und kommt immer wieder hierher. Seit langem schon setzt er sich gegen die Bauwut an der Küste ein. Er offeriert Coca-Cola ohne Kohlensäure – «die Flasche ist schon seit Ostern offen» –, lacht und sagt: «Die Arbeit als Anwalt ist für mich eigentlich ein Hobby.»

Wieder lacht er laut. Er ist auch noch Pilot, da er aber schon über sechzig ist, darf er bei der spanischen Fluggesellschaft Iberia nicht mehr fliegen. Weil er das Fliegen nicht lassen kann, arbeitet er zwischendurch für eine Fluggesellschaft der Arabischen Emirate. Dominguez ist klein, dünn und eher unscheinbar. Seine Stimme wirkt irgendwie zu tief für seinen zierlichen Körper. Wenn er laut lacht, verzieht sich sein ganzes Gesicht zu einer Grimasse, und plötzlich kann man ihn sich als bissigen Anwalt vorstellen, den man lieber nicht zum Feind haben möchte. Er holt ein Buch aus dem Büchergestell, lässt sich auf dem Sofa nieder, setzt sich eine Lesebrille auf und zieht einen Plan aus dem Buch. «Das ist der PORN, der offizielle Raumordnungsplan zum Schutz natürlicher Ressourcen, den das regionale Umweltministerium 1994 veröffentlicht hat», erklärt er. «Hier ist die Zone, in der das Hotel Algarrobico gebaut wurde, als ‹C1› markiert. Das bedeutet ‹area natural de interes general› – ‹natürliche Region von öffentlichem Interesse›. Hier darf nicht gebaut werden.»

Doch 1997 änderte der Gemeinderat von Carboneras die Pläne und verwandelte das C1 in ein D2, was für «bebaubare Zone» steht. Das andalusische Umweltministerium wiederum übernahm stillschweigend die neuen Pläne des Gemeinderats, ohne dies jedoch öffentlich in einem Bulletin zu kommunizieren, wie das üblich ist. Er habe, wie alle anderen Normalbürger, nichts von diesen Änderungen mitbekommen, sagt Dominguez. Erst als 2003 der Bau des Hotels begann, entdeckte er zu seinem Erstaunen, dass der Zonenplan plötzlich anders aussah. Zwei Jahre später setzte er sich mit VertreterInnen von Greenpeace und Ecologistas en Acción zusammen, einer Dachorganisation von etwa 300 Umweltschutzgruppen, und sie begannen, das Hotelprojekt juristisch zu bekämpfen. Mit Erfolg. Denn gesetzeswidrig war nicht nur, dass das Hotel auf geschütztem Boden gebaut wurde (der Gemeinderat ist nicht berechtigt, den Plan einfach zu ändern), sondern auch, dass es zu nah an der Küste errichtet wurde: Seit 1988 existiert in Spanien das Küstenschutzgesetz Ley de Costas. Es besagt, dass in einer hundert Meter breiten Uferzone nicht gebaut werden darf. Wie viele andere Häuser steht das Hotel Algarrobico jedoch nur zwanzig Meter vom Meer entfernt. Brisant ist auch, dass die Baufirma Azata der Gemeinde keine Gebühren für die Baulizenz bezahlen musste: Die Regierung schuf Carboneras Viva, eine interne Norm, die besagt, dass für den Bau von Hotels keine Lizenz bezahlt werden muss, weil diese den Tourismus ankurbeln. Kaum hatte Azata ihre Lizenz, annullierte die Gemeinde das Gesetz.

Symbol der Küstenzerstörung

Wie kam es, dass die Baufirma Azata del Sol vom Gemeinderat von Carboneras überhaupt die Bewilligung für den Bau dieses Hotels bekam und dazu noch gratis? Ein Treffen mit Vertretern des Gemeinderates oder dem Gemeindepräsidenten kommt leider nicht zustande. Auf telefonische Anfragen bittet der Medienverantwortliche, eine E-Mail zu schreiben, die jedoch auch nach mehrmaligem Nachfragen unbeantwortet bleibt.

Es ist später Nachmittag. Die Siesta ist vorbei, die Läden öffnen wieder, und die Menschen kehren langsam auf die Strassen von Carboneras zurück. Pascual Torres sitzt auf einem Stuhl neben dem Eingang einer Wäscherei. Es sei ihm egal, ob es das Algarrobico gebe oder nicht, meint der alte Mann, der seit dreissig Jahren in Carboneras wohnt. «Doch je mehr Leute ins Dorf kommen, umso besser. Von daher soll das Hotel schon fertig gebaut werden.» Ein Haus weiter ist eine Tierhandlung. Im fensterlosen, düsteren Laden stinkt es nach Tierfutter, in einem Käfig zwitschern müde ein paar Kanarienvögel. Die Besitzerin Dolores Muñoz sitzt an der Kasse. Seit zehn Jahren führt sie diese Tierhandlung. Sie findet es dumm, dass das Hotel nicht fertig gebaut wurde. «Wen stört das Hotel denn? Ausserdem bringt es uns hier Arbeitsplätze, wenn mehr Touristen kommen.»

Auch Sonia De La Rosa, die Floristin vom Laden gegenüber, kann nicht verstehen, warum das Hotel nicht fertig gebaut wird. «Die Leute hier leben vom Tourismus», sagt die junge Frau, die ursprünglich aus Barcelona ist und erst seit drei Jahren in Carboneras lebt. «Ich sehe nichts Falsches an dem Hotel, aus meiner Sicht verschandelt es auch nicht den Strand. Wie es weitergehen wird, habe ich keine Ahnung. Wir hier im Dorf werden nicht informiert, uns fragt auch niemand. Unsere Meinung zählt ja nichts.»

Eine Strasse weiter sitzt der Sportlehrer Juan Amerigo am Tisch einer Bar. Er trägt ein rosa gestreiftes Hemd und freut sich über Gesellschaft. «Sie sollen das Hotel fertig bauen. Denn erstens ist es legal, und zweitens gäbe es Arbeitsplätze.» Er habe den Bau des Hotels von Beginn an befürwortet, schliesslich liege Carboneras in einer touristischen Zone. «Klar, auch ich möchte hier in der Nähe unberührte Strände haben, das ist schon schön, aber andererseits brauchen wir die Arbeitsplätze.» Auch von seinem Kollegen und seinen beiden Brüdern, die in die Bar kommen, ist kein kritisches Wort über das Hotel zu hören. Der eine findet das «ganze Theater» – wie er es nennt – sehr widersprüchlich: «Auf der einen Seite des Dorfs steht das Algarrobico, gegen das sich Greenpeace und die Ecologistas einsetzen. Auf der anderen Seite steht die Fabrik von Holcim, die niemanden zu stören scheint.» Er frage sich, warum das Hotel schlecht sei und die Industrie gut. Die Zementfabrik von Holcim steht auf einem Hügel gut sichtbar gleich neben Carboneras. Da die Fabrik jedoch gebaut wurde, bevor die Region 1987 zum Nationalpark deklariert wurde, ist sie legal.

Cristobal Amerigo ist überzeugt, dass der Problematik um das Hotel so viel Gewicht gegeben wurde, um die ehemalige Umweltministerin Cristina Narbona unter Druck zu setzen. «Sie wurde kritisiert, dass sie nichts für den Umweltschutz mache. Um dieser Kritik etwas entgegensetzen zu können, begann sie sich für den Baustopp des Algarrobico einzusetzen.» Und Juan Amerigo meint: «Das Hotel hat sich in ein Symbol der Küstenzerstörung verwandelt. Deswegen ist es auch für gewisse Leute so wichtig, dass es abgerissen wird.»

Ungültige Baulizenz

José Ignacio Dominguez ist nicht erstaunt, dass die Leute im Dorf hinter dem Hotelbau stehen und es fertig gebaut sehen wollen. Das Argument der Arbeitsplätze steht über dem des Umweltschutzes. Dominguez hat sich durch seinen Einsatz gegen das Hotel viele Feinde gemacht: «Die Fenster wurden mir eingeschlagen, aus den Pneus meines Autos die Luft herausgelassen.» Deswegen habe er auch eine Kamera am Eingang montiert.

Er ist überzeugt, dass das Hotel abgerissen wird. Im September 2008 erklärte das Verwaltungsgericht von Almería die Baulizenz, die die Gemeinde der Baufirma erteilt hat, für ungültig. In der Urteilsbegründung heisst es, das Hotel sei «auf nicht bebaubarem und unter besonderem Schutz stehendem Grund» errichtet worden. Die Baufirma und der Gemeinderat haben Rekurs eingelegt. «Azata muss das Hotel abreissen», sagt Dominguez. Zwar hätten sie vom Gemeinderat die Baubewilligung erhalten und vertreten deswegen den Standpunkt, legal gehandelt zu haben, doch Dominguez ist überzeugt, dass die Baufirma zumindest vom Küstenschutzgesetz Kenntnis hatte. «Es soll kein Rappen öffentlicher Gelder in den Abbruch des Hotels fliessen», sagt Dominguez, «falls der Gemeinderat für den Abbruch zuständig sein wird, dann sollen diejenigen, die für den Bau des Hotels waren, die Unkosten aus ihrer privaten Tasche bezahlen.»

Im Jahresbericht 2008 von Greenpeace zählt das Algarrobico zu den zehn schwärzesten Punkten auf der «Landkarte des Ziegelsteins» in Spanien. Es gibt in Spanien jedoch Bausünden, die noch viel schlimmer sind, über die aber niemand spricht und gegen die sich niemand öffentlich wehrt. Der Abbruch des Hotels Algarrobico wäre ein Zeichen gegen die Verschandelung der Küste. Doch ob es so weit kommen wird, ist noch immer unklar. Sicher ist, dass das Hotel auch diesen Sommer leer geblieben ist, wie viele andere Hotels und Wohnungen in Spanien, die zwar fertig gebaut werden konnten – wegen der Finanzkrise aber weder KäuferInnen noch MieterInnen fanden. Und diese werden sie in absehbarer Zeit wohl auch nicht finden.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-Leser:innen.

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