Nr. 41/2009 vom 08.10.2009

Tanzende Physiker, superschlaues Experiment

Die schwarzen Löcher sind nicht das Problem, sondern es ist die Schwierigkeit, sie zu erklären. So viel hat das europäische Kernforschungsinstitut CERN nach dem Fehlstart des LHC-Versuchs vor einem Jahr kapiert. Klappt es beim zweiten Versuch besser?

Von Alice Kohli

«Die Leute riefen mich tatsächlich an und sagten: ‹Ich habe Kinder. Bitte, tut das nicht!›» James Gillies, Leiter der Kommunikationsgruppe am CERN, erinnert sich nur zu gut an den Spätsommer 2008. Damals wurde das Kernforschungszentrum CERN mit seinen eigenen Waffen geschlagen. Genauer: mit dem World Wide Web. 1989 hatte der britische Mathematiker Tim Berners-Lee das Hypertextsystem am CERN entwickelt und damit auch Laien die Benutzung des Internets ermöglicht. Fast zwanzig Jahre später wurde auf dem neuen Medium gegen seinen Schöpfer mobil gemacht: Das CERN sei für den baldigen Weltuntergang verantwortlich, war in Blogs und Internetforen zu lesen.

Rösslers Rechnung

Walter Wagner und Luis Sancho, ein pensionierter Strahlenschutzexperte und ein spanischer Wissenschaftsjournalist, brachten den Protest ins Rollen. Ihr Stein des Anstosses: das Prestigeprojekt «Large Hadron Collider» (LHC) am CERN. Bei diesem Versuch könnten Teilchen entstehen, befürchteten Wagner und Sancho, die in einer ungezügelten Kettenreaktion die ganze Welt verschluckten. Die beiden reichten auf Hawaii eine Klage ein, um eine einstweilige Verfügung gegen die amerikanische Beteiligung am CERN zu erreichen.

Innerhalb weniger Wochen sprach die ganze Welt von «Strangelets» und mikroskopischen schwarzen Löchern, den ominösen Objekten, die laut Wagner und Sancho bald die Welt auf dem Gewissen haben sollten. Manche gaben sich angesichts dieser düsteren Aussichten ironisch-resigniert. «Nur noch 6 Tage bis zum Weltuntergang» titelte beispielsweise ein Kolumnist im «St. Galler Tagblatt». Der «Tages-Anzeiger» fragte etwas optimistischer: «Fällt die Erde in 50 Monaten in ein schwarzes Loch?» Die fünfzig Monate stammen aus einer Berechnung von Otto Rössler, einem Biochemieprofessor aus Tübingen und überzeugten CERN-Kritiker. So lange gab er der Welt ungefähr noch zu leben, falls am CERN tatsächlich winzig kleine schwarze Löcher entstehen würden.

Die TeilchenphysikerInnen am CERN reagierten leicht genervt auf die schauerlichen Prognosen. Schon 1989, als sie das LHC-Vorgängerexperiment «Large Electron-Positron Collider» (LEP) am CERN starteten, hatten sie die Weltuntergangstheorien mit physikalischen Argumenten entkräften müssen. Und mit Walter Wagner hatten die PhysikerInnen einschlägige Erfahrungen gemacht. 1999, als in Brookhaven bei New York ein Teilchenbeschleuniger in Betrieb genommen wurde, reichte er schon eine Klage ein. «Mit dem gleichen Resultat wie dieses Mal», sagt James Gillies vom CERN, «die Klage wurde abgewiesen.»

«Wir bringen Ihre Kinder nicht um»

Dem Publikum wurden zwei Theorien präsentiert: diejenige der gefrässigen schwarzen Löcher und der seltsamen Teilchen und diejenige der KernphysikerInnen, die besagte, dass solche schwarzen Löcher, sofern sie überhaupt entstünden, sofort zerstrahlen würden. Beides war ähnlich schwer zu verstehen und irgendwie gruselig. Da half es auch nicht, dass die CERN-PhysikerInnen eine Vielzahl ihrer plausiblen Argumente gegen die Weltuntergangstheorie auf ihrer Website aufführten. Denn ebenso glaubwürdig klangen die Argumente der CERN-KritikerInnen, die auf zahlreichen anderen Websites aufgeführt wurden.

Die PhysikerInnen vermochten sich nicht länger in ihrer schrulligen Welt voller Formeln und Codes zu verschanzen. Trotzdem blieben ihre Erklärungsversuche oft patzig. «Das mit den schwarzen Löchern ist so idiotisch, dass man das im CERN unter Physikern nicht diskutiert», erwiderte etwa ein Professor, der am CERN eine Forschungsgruppe leitet, auf eine Telefonanfrage. Eine bedenkliche Haltung, findet Josiane Aubert, Nationalrätin und Präsidentin der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur. «Die CERN-Physiker wissen zwar, wovon sie sprechen», sagt sie – «aber inmitten ihrer spannenden Arbeit denken sie nicht immer daran, dass sie manchmal ihre Worte sorgfältiger aussuchen sollten.»

James Gillies vom CERN rechtfertigt sich für seine KollegInnen. «Über das Internet erhielt die Geschichte eine unglaubliche Eigendynamik», sagt er. «Wir hätten damals nie gedacht, dass das so weit gehen würde.» Zeitweise sei ihm das Interesse der Öffentlichkeit richtiggehend unangenehm gewesen. «Ich verbrachte sehr viel Zeit am Telefon, wo ich besorgten Menschen versichern musste, dass wir ihre Kinder nicht umbringen werden.» Es lag nun an den CERN-PhysikerInnen, ihrem glorreichen Projekt einen sympathischen Touch zu geben. Eine Praktikantin startete den ersten Versuch: «The LHC is super-duper fly» (etwa: «Das LHC ist superschlau»), lautete die erste Zeile des «Large Hadron Rap», den sie gedichtet hatte. Der dazugehörige Videoclip – in dem tanzende PhysikerInnen in Schutzhelmen das Experiment erklären – ist auf YouTube bisher über fünf Millionen Mal angeschaut worden.

Es war vor allem ein Desaster

Die riesige Neugierde hatte nicht nur mit den Weltuntergangstheorien zu tun. Schon seine schieren Ausmasse brachten dem LHC-Projekt viel Aufmerksamkeit ein. Die kreisförmige Tunnelanlage, die in der Nähe von Genf durchschnittlich hundert Meter unter der Erde verläuft, hat einen Durchmesser von rund 27 Kilometern. Sobald das Experiment läuft, soll es insgesamt vier Teilexperimente mit Daten beliefern – rund 400 000 DVDs werden sich pro Jahr damit beschreiben lassen. Und das LHC wird dereinst so viel Energie verbrauchen wie alle Haushalte des Kantons Genf zusammen. Das grösste Experiment der Menschheit, wie es allenthalben bezeichnet wird, ist gleichzeitig auch ihr teuerstes.

Am 10. September 2008 startete das CERN dieses Monstrum in einer fulminanten Auftaktzeremonie. Rund 340 JournalistInnen aus der ganzen Welt lud das Kernforschungszentrum dazu nach Genf. Wenige Tage später – es hatte noch keine einzige Teilchenkollision stattgefunden – musste das Experiment aufgrund eines technischen Defektes wieder unterbrochen werden. Ein Desaster für das CERN – und gleichzeitig eine Chance. Denn nun hatte das Forschungsinstitut Zeit, die versäumte Aufklärung nachzuholen.

«Wir sind aus Zeugs gemacht»

«Wir hätten in unserer Kommunikation aktiver sein müssen», gibt der PR-Beauftragte James Gillies zu. Immerhin hätten die JournalistInnen verständnisvoll auf die Panne reagiert. Um das Publikum bei Laune zu halten, schlägt das CERN jetzt auch unkonventionelle Wege ein. «Dieses Jahr haben wir sogar ein Team der US-amerikanischen Satiresendung ‹The Daily Show› eingeladen», sagt Gillies. «Das hätten wir noch vor einem Jahr nicht getan.»

Zum Neustart des Experiments Mitte November will er dennoch lieber keine JournalistInnen einladen. «Sobald der Protonenstrahl sich auf seiner Kreisbahn bewegt, werden wir eine Pressemitteilung publizieren. Bei den ersten Kollisionen folgt die nächste Mitteilung. Und sobald wir den Weltrekord der Strahlungsenergie gebrochen haben, werden wir das ebenfalls mitteilen.» Erst danach dürfen die Medien wieder näher ran: Wer sich akkreditiert, darf in den Kontrollzentren des LHC live mit dabei sein, wenn – frühstens Mitte Dezember – die ersten Hochenergie-Kollisionen erwartet werden. Interessierte werden per Twitter auf dem Laufenden gehalten. Die Kommunikationsstrategie am CERN hat sich grundlegend verändert. Auch was Kritik angeht. «Wir müssen stets vorbereitet sein, alles zu erklären. Denn die Leute fragen sich immer öfter: Lohnt sich das alles?»

Für Steve Myers, Direktor für Beschleuniger und Technologie am CERN, ist die Antwort sternenklar: «Was wir tun, lohnt sich für die Menschheit, für Europa, für alle Länder.» Das CERN sei ein fantastischer Lehrbetrieb, schwärmt der Ire, der seit über dreissig Jahren am europäischen Kernforschungszentrum tätig ist. «Die Menschen, die hier zusammen arbeiten, interessieren sich nur für Physik. Bei uns arbeiten palästinensische Studenten, die von israelischen Professoren bezahlt werden. Wissenschaft vereint die Menschen eben.»

Auch James Gillies ist bemüht, das CERN ins rechte Licht zu rücken. «Wir nutzen die aktuellen Konflikte rund um den LHC-Versuch, um endlich über die Wissenschaft reden zu können, die am CERN betrieben wird.» Über die vielen Nebenentwicklungen, die in der Medizinaltechnik verwendet werden, zum Beispiel. Denn die Physik als solches zu erklären, sei beileibe nicht einfach. «Du sprichst das Wort ‹Physik› aus, und die Leute machen ‹Uuuh›. Sie haben Angst davor.» Dabei hat Gillies einen sehr pragmatischen Zugang zur Elementarteilchenphysik, wie sie am CERN betrieben wird: «Wir sind aus Zeugs gemacht. Und was wir hier machen, ist: versuchen zu verstehen, was das Zeugs ist.»

Und wenn diese Erklärung nicht reicht, um das angeknackste Image des Teilchenbeschleunigers wiederherzustellen, muss eben ein Vertreter der internationalen A-Prominenz als Sympathieträger herhalten. Für den Hollywoodfilm «Angels and Demons», in dem das CERN eine Nebenrolle spielt, wurde Hauptdarsteller Tom Hanks nach Genf eingeladen. Hanks, der als trotteliger Weltverbesserer Forrest Gump bekannt wurde, soll laut dem britischen Revolverblatt «The Sun» dem zweiten LHC-Startversuch in diesem Jahr Pate stehen. Ob es dann klappen wird? Um es mit den Worten Forrest Gumps zu sagen: «Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen. Man weiss nie, was man kriegt.»

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