Nr. 41/2009 vom 08.10.2009

Der Mann und die Eigenschaften

Notiz über den Umgang mit einem Klassiker der Moderne, über Diskurstheorien und darüber, wie die Kulturalisierung die Kultur verharmlost. Anlässlich der Internationalen Robert-Musil-Tagung in Basel.

Von Stefan Howald

Er mag einschüchternd lang und abschreckend intellektuell wirken, dabei ist er doch ein grossartiges Lesevergnügen. Robert Musils Roman «Der Mann ohne Eigenschaften» ist erhellend, ironisch, scharfsinnig, gediegen, vergnüglich, schön. Klar, manchmal hängt selbst dieser Text durch, dann sollte man beim Lesen ein wenig Atem holen, und schon schwingt er sich wieder in lichte Höhen.

Man sollte sich auch nicht abschrecken lassen von der Unfertigkeit des Romans, von dem 1930 und 1932 zwei Bände, 1943 ein erster Nachlassband und seither weitere Nachlassmaterialien erschienen sind. Insgesamt liegt eine durchaus brauchbare Leseausgabe vor. Und wir haben weitere Musil-Texte, «Die Verwirrungen des Zöglings Törless» «Drei Frauen», «Nachlass zu Lebzeiten». Die übrigen Erzählungen und die Theaterstücke lassen wir vorläufig beiseite.

Als Klassiker der Moderne ist Musil selbstverständlich Gegenstand der Wissenschaft, der internationalen Germanistik und einer Internationalen Robert-Musil-Gesellschaft. Letztere gibt das «Musil-Forum» heraus und hält regelmässig Tagungen ab, die jüngste soeben im September in Basel.

Nun muss man allerdings einräumen, dass Robert Musils Werk in der öffentlichen Diskussion auch schon präsenter war als heute. In den achtziger Jahren sprenkelte der Begriff «Eigenschaftslosigkeit», als Synonym für die neue Unübersichtlichkeit unserer Zeit, des Öftern die Feuilletons. Damals nahm ich gelegentlich an Musil-Tagungen teil, meist als Zuhörer, zuweilen auch als Vortragender. Anomie und Entfremdung, hiessen da Studien zu Musil, und kritische ZeitgenossInnen hielten diese Konzepte für aktuell anwendbar.

In den letzten Jahren ist Musil etwas in den Hintergrund geraten, oder ins akademische Abseits. Da kam die Internationale Robert-Musil-Tagung in Basel gerade recht. Denn das Programm versprach eine zeitgenössische Auseinandersetzung via das Thema der Kultur und des Fremden. Zu letzterem Begriff, der noch nie so heftig diskutiert worden sei wie heute, trage Musil Wesentliches bei: Sein «Sozialpanorama erfasst ... ein multikulturelles Gesellschaftsgefüge, in dem ‹Fremdheit› zu den treibenden Kräften gehört», hiess es in der Einladung der OrganisatorInnen Alexander Honold und Rosmarie Zeller von der Universität Basel. Also, auf nach Basel.

Alles nur kulturelle Zuschreibung?

Ach, das beruhigende Wiedererkennen des Vertrauten. Solche Tagungen versammeln also weiterhin langjährige ExpertInnen und neuere ForscherInnen, die sich ihre ersten Meriten abverdienen, dazu einige wenige nichtakademische Laien. Die Mischung führt zu entsprechenden Konstellationen und Hierarchien. Mitte der achtziger Jahre hatte ich im Kulturspiegel einer grösseren Zürcher Tageszeitung einen Tagungsbericht «Besuch bei den Lobrednern des Schriftstellers» geschrieben, über ganze zwei Seiten. Im Artikel entwarf ich eine kleine Typologie der KongressbesucherInnen: Die Präsidentin, der Sekretär, der Nachlasshüter, die Diskussionsrednerin, der Nachwuchsstar. Die Typologie scheint weitgehend intakt, wobei zumeist neue Personen die alten Typen ausfüllen.

Natürlich gibt es auch Änderungen, etwa bei den vorherrschenden Diskursen. Ja, gerade der Begriff «Diskurs» gehört zentral zu diesen Änderungen. Es scheint nicht mehr ohne Diskurstheorien zu gehen. Zwei Kunstwerke nehmen nicht einfach aufeinander Bezug, sondern stehen im selben diskursiven Kulturprojekt. Texte entwerfen konzentrische (oder elliptisch sich schneidende) Topografien. Themen und Figuren sind metonymischen Spielen unterworfen. Diskurse amten und walten, als «Zuschreibungsmechanismen».

Auch bezüglich der kulturellen Identität: Die wird als ein Resultat diskursiver, performativer Akte behauptet. Damit gerät verdienstvollerweise der Multikulturalismus in den Blick, das Ensemble mannigfaltiger Identitäten. «Der Mann ohne Eigenschaften» liefert dafür vielfältiges Material: geschichtlich mit der Donaumonarchie, die ein Völkergemisch war, soziologisch mit dem reichhaltigen Figurenensemble. Schön und gut.

Aber die Diskurstheorie droht, Identitäten auf Effekte rein kultureller Zuschreibungsmechanismen zu reduzieren. Der Mechanismus schreibt, anonym, unerbittlich, auf den Leib, beinahe wie in Kafkas Strafkolonie. «Fremdheit als treibende Kraft»: Ich weiss, was damit gemeint ist, aber ich möchte doch genauer wissen, welche Menschen, Verhalten und Strukturen da treiben.

Wo bleibt das Soziale?

Indem kulturelle Prägungen zur grundlegenden, zentralen gesellschaftlichen Kategorie erklärt werden, wird das Soziale und Politische und Ökonomische ausgedünnt. In der Politik hat diese Kulturalisierung verheerende Folgen, von der Integrationsdebatte bis zur Anti-Minarett-Initiative. In den Kulturwissenschaften kann sie in die alte Form der Geistesgeschichte schlüpfen oder sich das modisch zubereitete Konzept der Kulturgesellschaft überstülpen. In beiden Fällen entmächtigt diese Kulturalisierung letztlich auch die Kultur, die sie als autonom setzt.

Selbstverständlich, Musil zeigt Rollenspiele und Diskurse. Er versammelt «Haupttypen des heutigen Menschen», wie er sein Romanprogramm einst formulierte, und er formuliert: «Ein Landesbewohner hat mindestens neun Charaktere.» Aber dieses Bonmot wird vielfältig belegt. Der Roman zeigt, wie Charaktere, Rollen, Identitäten entstehen, aus sozialer Herkunft, aus Arbeitsteilung und Entfremdung und dem Gefühl der Funktionslosigkeit; und er belegt zugleich, wie Rollen der psychologischen Vertuschung und der ideologischen Indienstnahme dienen; er zeigt also, wie Menschen in ihren Charakteren nicht bloss fremdbestimmt reden, sondern sich auch verhalten. Die Kritik ist sehr genau und wirklichkeitsgesättigt. Und wenn Musil seine Darstellung zuweilen in die essayistische Unverbindlichkeit auflöst, dann darf man sogar ihm gelegentlich am Zeug herumflicken. Der Dichter hat nicht immer recht.

Nein, ich verwechsle Literatur nicht mit der Realität, und ich will Literatur nicht auf ein soziologisches Traktat reduzieren. Aber ich möchte am sozialen Gehalt der Literatur festhalten, zugleich ihre spezifisch ästhetischen Verfahrensweisen begreifen und geniessen. Dann leuchtet «Der Mann ohne Eigenschaften» weiter, glänzend und erhellend.

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