Nr. 44/2005 vom 03.11.2005

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Auch immer neue Sammelbände können die Schweizer Literatur nicht vom Nimbus der Provinzialität befreien. Um ihr gerecht zu werden, muss man sie mit den Literaturen anderer Nationen vergleichen.

Von Corina Caduff

Wie sinnvoll ist es, heute von «Schweizer Literatur» zu sprechen? Was soll Schweizer Literatur sein, und wen ausser förderpolitischen Instanzen interessiert das überhaupt? Seit dem Ende der DDR-Literatur hat sich das Interesse der deutschen Germanistik an einer nationalen Teilung der Literaturen im deutschen Sprachraum weitgehend erledigt, und seither scheint die Rede von «Schweizer Literatur» noch verlorener als vorher, denn verbindliche ästhetische Kriterien dafür gibt es nicht. Trotzdem bringen die Medien das Begehren nach ihr regelmässig vor. Wie passiert das, was für ein Wissen über Schweizer Literatur wird dabei produziert, und was genau macht diese Rede eigentlich so mühsam?

Neutraler Kanon

Aufschlussreich für diese Fragen ist eine Gattung, die kaum je als ganze in den Blick kommt: die Anthologie. Hierzulande gibt es eine immense unaufhaltsame Produktion von Anthologien mit schweizerischer Nationalliteratur. Anlässlich der Schweizerischen Landesausstellung Expo 1964 erschien die 900 Seiten starke Anthologie «Bestand und Versuch. Schweizer Schrifttum der Gegenwart». Das war der Auftakt zu einer Anthologieproduktion, deren Quantität schon fast unheimlich ist: Über siebzig Anthologien allein mit deutschsprachiger Schweizer Literatur sind in den letzten Jahrzehnten erschienen. Diese verstehen sich offenbar eindeutig als Nationalprojekte, denn fast immer steht das Wort «Schweiz» im Titel: «Prosa junger Schweizer Autoren» (1964), «Schweizer Lyrik des 20. Jahrhunderts» (1977), «Schweizer Erzählungen» (1990), «Die Schweiz erzählt» (1998), «Swiss made. Junge Literatur aus der Schweiz» (2001), «Die schönsten Gedichte der Schweiz» (2002), «Literatur aus der Schweiz» (2005) und so weiter.

In den Vor- oder Nachworten der Anthologien, die stets auffallend kurz gehalten sind, findet sich stereotyp ein nationaler Topos, mit dem die HerausgeberInnen die Publikationen begründen: Es gehe darum, «Vielfalt» sowie ein «breites, weites Spektrum» zu präsentieren, die Zusammenstellungen seien subjektiv («Es blieb keine andere Möglichkeit, als … sich wohl oder übel auf den subjektiven Geschmack … zu verlassen») sowie nichtrepräsentativ («Wir erheben nicht den Anspruch, Literatur aus der Schweiz repräsentativ vorzustellen»).

Auffällig im Weiteren: der wiederkehrende Hinweis auf die Masse der präsentierten Autoren und Texte. Die Anthologie «Gut zum Druck. Literatur aus der deutschen Schweiz seit 1964» beispielsweise ist 1972 erschienen und enthält Texte von 97 AutorInnen, die nach der Expo-Anthologie entstanden sind. 1977 folgt eine Anthologie, welche die Anzahl der AutorInnen programmatisch im Titel festhält: «Fortschreiben. 98 Autoren der deutschen Schweiz». Der Herausgeber weist im Vorwort selbst darauf hin, dass er im Vergleich zur Anthologie von 1972 jetzt einen Autor mehr hat; und er weist auch darauf hin, dass er im Vergleich zu jener nun bereits rund 50 neue AutorInnennamen präsentiert. Solch numerische Operationen machen deutlich, worum es geht: Je mehr, desto besser.

Die in den Anthologien vorgestellte Textmasse wird nur selten thematisch unterteilt, meist sind die Texte ganz simpel chronologisch oder alphabetisch angeordnet. Das sorgt dafür, dass sie nicht als unterschiedliche ästhetische Praktiken wahrgenommen werden, sondern als homogene literarische Einheit. Der Titel «Schweiz» erscheint damit bis heute als Chiffre für den immergleichen Vollzug eines nationalen Literaturraums, der sich offenbar mit jeder Anthologie und mit immer neuen AutorInnennamen wieder und wieder beweisen will.

PraktikantInnen der Zauberformel

Um Quantität geht es auch in der Literaturgeschichtsschreibung. In verschiedenen literaturgeschichtlichen Artikeln - in deutschen Literaturgeschichten, wo Schweizer in einem Sonderkapitel die Schweizer Literatur präsentieren, oder in Broschüren wie etwa «Die vier Literaturen der Schweiz» (Pro Helvetia 1995) - werden jeweils möglichst viele AutorInnen möglichst «gerecht» berücksichtigt, das heisst zeilenmässig ausgewogen. Das Erzählmuster schweizerischer Literaturgeschichtsschreibung realisiert sich faktisch und gut demokratisch als Aufzählmuster.

Schweizer Literaturgeschichtsschreibung und die Anthologieproduktion der letzten Jahrzehnte erfüllen beide vor allem eine Funktion: Bestandsaufnahme. Und sie sind gleichsam die PraktikantInnen der Zauberformel Schweizer Literatur: Man betreibt eine Homogenisierung von Themen und Schreibweisen, und man favorisiert keine einzelnen AutorInnen, bloss nicht. Thematisch kommt man gerade mal auf sich wiederholende Untertitel wie: Aussenseiter, Krankheit, Frauen. Dabei wiese die hiesige Literatur durchaus das Potenzial für spezifischere Themen auf wie etwa Technik und Technologie (Hans Boesch, Emil Zopfi, Kristin T. Schnider, Guido Bachmann), Literarisierung der Künste (Reto Hänny, Gerhard Meier, Christoph Geiser, Erica Pedretti, Urs Faes) oder Psychiatriekritik (Mariella Mehr, Gertrud Leutenegger, Adolf Muschg, E.Y. Meyer).

Doch solche Themen, die keineswegs «schweizerisch» sind und mit denen sich Schweizer Literatur - durch Kolektüren mit thematisch entsprechender Literatur anderer Nationen - ohne weiteres international machen liesse, tauchen hier kaum auf. So wie sich der politische Nachkriegsdiskurs am Ideal einer neutralen, merkmal- und geschichtslosen Nation ausrichtet, so wird Schweizer Literatur in hiesigen Anthologien und literaturgeschichtlichen Arbeiten auf egalitäre Art und Weise hergestellt. Anders gesagt: So macht man einen neutralen literarischen Kanon.

Die bekannten Topoi «Dichter im Abseits» und «Diskurs in der Enge» sind in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts an Einzelfiguren wie Robert Walser oder Friedrich Glauser entwickelt worden und verselbständigten sich danach, indem sie kurzerhand in pauschalisierender Weise für die Existenz von Schweizer Literatur überhaupt verfügbar gemacht worden sind. In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre wurden sie noch einmal zementiert, nun im Rahmen der öffentlich gewordenen Nationalkrise, in der es um die Verwicklung der Schweiz in die (Nach-)Geschichte des Nationalsozialismus ging. Frischs alte Frage von 1965, ob denn die Schweiz für ihre Schriftsteller kein Thema mehr sei, wird wieder neu gestellt. Man liest Literatur von Peter Weber und Ruth Schweikert unter dem Aspekt der «verlorenen Heimat» und insistiert also auch dann noch auf dem Heimatbezug, wenn dieser gar nicht da ist.

1998 ist die Schweiz Gastland an der Frankfurter Buchmesse. Weit über hundert Schweizer AutorInnen sind geladen, einmal mehr eine beeindruckende Quantität, kein Wunder, gibt es einen Streit darüber, warum denn nicht gleich alle mitdürfen. Im Zeichen dieses Anlasses ist 1998 ein Superjahrgang der Anthologien, es gibt mehr als ein Dutzend davon. Der Leitartikel zur Buchmesse in der «Zeit» - gemäss dem Gesetz, dass auch im Ausland immer nur SchweizerInnen über Schweizer LiteratInnen reden, von einem Schweizer Literaturkritiker verfasst - trägt den Titel «Stillers Kinder» und bespricht neue Texte von Schweikert, Daniel de Roulet, Silvio Huonder und Peter Stamm als «Echos auf den ‹Stiller› von Max Frisch», als «Stiller-Variationen». Die neuen Texte werden also gemessen an einem Roman, der über ein halbes Jahrhundert alt ist und zum Vater aller literarischen Nachkommenschaft erhoben wird. Wäre es nicht vielleicht sinnvoller, Schweikerts Roman «Augen zu» in Bezug zu setzen zur Konjunktur deutsch-jüdischer Themen in der deutschen Literatur, etwa zu Romanen von Barbara Honigmann oder Rafael Seligmann?

Provinziell ist international

Trotz all der Selbstreferenz aber - oder besser: wegen ihr? - ist Schweizer Literatur nach wie vor nicht positiv besetzt, sie hat nicht den Ruf einer guten eigenständigen Literatur wie etwa die österreichische. Viel eher haftet ihr nach wie vor das Label der Provinzialität an. Noch in diesem Frühjahr wurde sie von einem Schriftsteller in der «Weltwoche» - ein Artikel mit starkem Debattencharakter, der leider kaum öffentlich diskutiert wurde - pauschal und provokativ mit alten Topoi geschlagen («Inselliteratur zum Einschlafen», Literatur, die «den Acker technik- und medienfreier Zonen» pflügt, Autoren, die «in die Enge des Heimattals zurückdrängen»). Die Literatur selber ist aber gar nicht so gestrig wie diese Topoi, und wo sie tatsächlich provinziell ist, da muss man darauf hinweisen, dass es in Deutschland und anderswo genauso provinzielle Literatur gibt. Provinzialität nämlich ist keineswegs spezifisch schweizerisch, sondern durchaus international verbreitet. Spezifisch schweizerisch ist jedoch, dass genau dieser Vergleich nicht stattfindet.

Und wie kommt Schweizer Literatur in Deutschland vor? Mehr als die Hälfte der seit den achtziger Jahren erschienenen deutschen Literaturgeschichten präsentiert Schweizer Literatur in Sonderbänden, Einzelartikeln oder gar Exkursen, die mehrheitlich von Schweizern verfasst sind. Gesondert, markiert. In den «deutschen Abschnitten» über postmodernes Erzählen sucht man etwa Jürg Laederach vergebens, ebenso wenig findet man in Kapiteln zu experimenteller Literatur oder zur Avantgarde die Namen von Reto Hänny oder Kuno Raeber oder anderen SchweizerInnen. Und wenn die deutsche Germanistik Monografien oder Aufsatzbände zur Gegenwartsliteratur vorlegt, kommt Schweizer Literatur meist gar nicht vor. Fakt ist: Wo literaturgeschichtliches und -theoretisches Denken international entwickelt wird, da zieht man Schweizer Literatur bis heute kaum bei.

Während die österreichische Germanistik einen wesentlichen Teil ihrer wissenschaftlichen Identität gerade auch über die Vielbeschäftigung mit österreichischer Literatur bezieht, gibt es hierzulande keine entsprechende akademische Tradition. Das ist als Spätfolge des seit den siebziger Jahren nicht restlos gelungenen Modernisierungsprozesses der Germanistik in der Schweiz zu sehen, die sich auch in einer verspäteten Theoriebildung manifestiert hat; gerade eine solche, an der Schweizer Literatur und an internationalen Diskursen orientierte Theoriebildung hätte eine internationale Kompatibilität von Schweizer Literatur im akademischen Bereich stärken können.

Zum andern hat es aktuell auch mit einer Serie von Emeritierungen zu tun: Acht Schweizer Germanisten, die sich immer auch um Schweizer Literatur gekümmert haben, sind in den letzten Jahren an den Universitäten Basel, Bern, Genf, St. Gallen und Zürich pensioniert worden. Deren Lehrstühle sind grösstenteils mit Deutschen besetzt worden, die sich kaum mit Schweizer Literatur beschäftigen; das ist weniger deren Versäumnis als eher eine Folge des geschlossenen Diskurses «Schweizer Literatur», der die deutschen GermanistInnen aufgrund seiner Binnenstruktur nicht erreicht oder eben nur in Sonderartikeln, die leicht zu überschlagen sind. Mit solch einer neuen verschärften Situation drohe «die Literatur aus der Schweiz akademisch vollends in ein Abseits zu geraten», wie einer der nunmehr letzten noch amtierenden akademischen Experten für Schweizer Literatur in diesem Frühjahr in der NZZ festgehalten hat.

Texte laufen lassen

Was wie Larmoyanz aussehen mag, was die Frage nach der Schweizer Literatur so mühsam macht, das sind geschichtlich gewachsene Diskursstrukturen, die ausserordentlich zäh und heute noch wirksam sind. Und immer gefährlich schnell zur Hand, auch wenn wir meinen, schon längst woanders zu sein. Ein Ausweg aus dem Dilemma? Das Korpus «Schweizer Literatur» aufschnüren und die Texte laufen lassen, Schluss machen mit diesen nationalen Anthologiegeschichten und stattdessen vielleicht einfach mal eine monothematische Textsammlung mit schweizerischen und anderen Texten herausgeben, Schweizer Literatur vergleichen, vergleichen, vergleichen, und zwar mit Literaturen anderer Nationen, anderer Sprachen und anderer Kulturen, neue Bezüge kreieren und sie mit diesen Bezügen neu aufladen. Ein solcher Vergleich kann schon mal zu einer Erkenntnis dessen führen, was am schweizerischen Text schweizerisch sei, aber er muss nicht auf solche Erkenntnis aus sein. In diesem Sinne wäre er also gerade nicht programmatisch zu verstehen, sondern vielmehr als lustvolles erhellendes Lektüreverfahren.

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