Nr. 42/2009 vom 15.10.2009

Familie Moos organisiert Bildung für alle

Ein besetzter Pavillon mit Schulzimmern im Norden Zürichs, ein Ort, wo Sans-Papiers Deutsch lernen können und wo viel weiteres Wissen nach dem Vorbild von Open Source geteilt wird.

Von Martina Fritschy

«Spiel Kochen Theater» hat jemand mit Kreide an die Wandtafel geschrieben. Es ist kurz nach zwei Uhr. Zu Dutzenden betreten Frauen und Männer das Klassenzimmer. Die Pulte sind im Nu besetzt. Menschentrauben bilden sich hinter den Pulten und auf beiden Seiten des Eingangs. Bald ist kein Eintreten mehr möglich. Dreimal wöchentlich versammeln sich rund hundert MigrantInnen in diesem Raum im Schulpavillon Allenmoos II, um Deutsch zu lernen. Das Haus liegt unweit des Bucheggplatzes inmitten eines ruhigen Wohnquartiers und ist kein normaler Schulpavillon: Die Räumlichkeiten werden von der Autonomen Schule Zürich (ASZ) besetzt. Seit nunmehr 183 Tagen. «Es ist Zeit, an die Öffentlichkeit zu treten», sagen die InitiantInnen der ASZ und laden dieses Wochenende zum Fest «183 Tage Befreiung» ein (siehe Kasten).

Wie lange der Schulpavillon Allenmoos II leer gestanden hat, wissen sie nicht. Im April dieses Jahres haben sie ihn besetzt. Für die BesetzerInnen und InitiantInnen der ASZ war es eine hübsche Fügung, dass das Gebäude bereits vollständig mit Schulpulten und Stühlen ausgestattet war. Drei Schulzimmer, ein «Open Space», ein Aufenthaltsraum mit improvisierter Küche und ein Bewegungsraum stehen heute für den Schulbetrieb zur Verfügung. Am Anfang stand die Idee einer offenen und unabhängigen Plattform für den Austausch.

«Familie Moos»

Die Gruppe, die die Idee der ASZ trägt, nennt sich wahlweise «Familie Moos» oder «ASZ Sekretariat». Zur Kernfamilie gehört, wer sich in das Projekt einbringt. Zurzeit sind es sieben Personen. Gregor* ist eine von ihnen. «Ich spüre ein gewisses Gefühl von Entfremdung», sagt er. «Warum studieren die Leute? Warum arbeiten sie? Was kommt dabei heraus? Mein Engagement an der ASZ ist eine Antwort auf dieses Gefühl. Hier mache ich, was ich für richtig halte, und arbeite, woran ich Lust habe.»

Mit dem Schweizer Bildungssystem ist die «Familie Moos» bestens vertraut. Die einen haben eine Ausbildung an einer Hochschule absolviert, andere arbeiten als Lehrkräfte an staatlichen Schulen oder als DozentInnen an einer Fachhochschule. Sie bedauern die zunehmende Fixierung auf Leistung in den Bildungsinstitutionen. Ansonsten spart die «Familie Moos» mit Worten zur Bildungskritik. Ihre Kritik sucht nicht Worte, sondern Taten: Sie wird erprobt im Gegenentwurf, der ASZ.

Taten waren zunächst gefordert, um überhaupt Wasser und Strom bereitstellen zu können. Die Gruppe baute ausgewaschene Öltanks ein, um Regenwasser zu fassen. Auf dem Dach installierte sie Sonnenkollektoren – eine «Leihgabe wohlgesinnter Leute». Hunderte von Arbeitsstunden hat die «Familie Moos» bereits in den Aufbau der Infrastruktur gesteckt. «Das bedarf einer guten Portion Idealismus», wie Gregor zugibt. Zumal die Zukunft der ASZ im Schulpavillon Allenmoos II alles andere als gesichert ist. Ein Hort zur Betreuung von Schulkindern sei an der Stelle der ASZ bereits in Planung, sagt Urs Berger, Schulpräsident des Schulkreises Zürich-Waidberg, auf Anfrage. Der Baubeginn sei auf Frühling oder Sommer des kommenden Jahres angesetzt.

Die «Familie Moos» lässt sich von den Bauvorhaben der Stadt nicht entmutigen. Stattdessen bemüht sie sich um gute nachbarschaftliche Beziehungen. Einladungskarten für das «Befreiungsfest» etwa bekommen die NachbarInnen persönlich überreicht.

Wissen gehört allen

«Mini Schuel isch au dini Schuel», ziert als Slogan die Homepage der ASZ. Das bedeutet: Wer Wissen teilen will, bietet einen Kurs an. Wer am Wissen teilhaben will, besucht den Kurs. Es gibt weder Zulassungsbeschränkungen noch fallen Kurskosten an. Weitergegeben wird Wissen verschiedener Art: Sprachen, Technik und Handwerk. «Nur der Bewegungsraum blieb bisher ungenutzt», sagt Gregor.

Im Kursangebot ist etwa ein Lateinischkurs, der sich zum Ziel gesetzt hat, Denkschemata der lateinischen Sprache zu verstehen und zu vergegenwärtigen. Oder ein Solarenergieworkshop, in dem man die Grundlagen der Solarenergietechnik erarbeitet und im Bau einer Solaranlage auch gleich umsetzen kann. Und der «Chaos Computer Club Zürich» schreibt einen Kurs aus, der sich dem Thema Überwachung widmet. Man kann sich aber auch mit dem politischen Denken Noam Chomskys auseinandersetzen oder mehr über die «Philosophie der Gastfreundschaft» erfahren. Wenn das Angebot auf Nachfrage trifft, findet der Kurs statt. Die Anmeldung erfolgt per Mausklick auf der Homepage.

Auf besonders fruchtbaren Boden fallen in der ASZ Open-Source-Computerkurse. Open Source sieht Wissen als öffentliches Gut. «Dies versuchen wir hier zu leben», meint Iwan*. Auch er gehört zur «Familie Moos» und unterrichtet im Open-Source-Bereich. Ihn erstaunt nicht, dass die Open-Source-Gemeinschaft als erste ihr Wissen an der ASZ geteilt hat. «Für Leute, die mit der Idee vom Austauschen von Wissen nicht vertraut sind, braucht es mehr Überwindung, herzukommen.»

Der Open-Source-Gedanke kommt aus der Technik und der Computertechnologie und hält heute zunehmend Einzug in verschiedene Wissensbereiche. Das schlägt sich auch im Kursangebot der ASZ nieder, wo sich der technische Schwerpunkt vorsichtig in andere Gebiete erweitert. «Es ist eine Kulturfrage», sagt Iwan. «Open Source ist als Begriff etabliert, das Teilen an sich ist aber noch vielen fremd. Dabei hat die Vielzahl von Perspektiven und Inputs, die sich durch den Austausch ergeben, in allen Wissensbereichen grosses Potenzial.»

Deutsch als Spezialfall

Am meisten Zulauf finden die Deutschkurse. Getragen werden sie vom Verein Bildung für alle und sind damit «ein Spezialfall an der ASZ», wie Iwan betont. Der Verein Bildung für alle ist Teil von Bleiberecht für alle, jener Bewegung, die seit der Verschärfung des Asylgesetzes gegen die Diskriminierung, Unterdrückung und Ausgrenzung von Sans-Papiers ankämpft. Der Verein wurde erst im August gegründet und stellt ein Team von zwölf bis fünfzehn sogenannten ModeratorInnen, die ehrenamtlich Deutsch unterrichten. Mit Spendengeldern kauft der Verein Billette für den öffentlichen Verkehr – das ermöglicht vielen Sans-Papiers oft erst, an den Kursen teilzunehmen. Zurzeit allerdings sei das Konto leer, sagt ein Moderator.

Die AktivistInnen von Bleiberecht für alle und die Gruppe um die «Familie Moos» begegneten sich erstmals Anfang des Jahres in einem besetzten Gebäude an der Manessestrasse in Zürich. Im Sommer reaktivierten sie ihre damals geknüpften Beziehungen, und im September zog der Deutschkurs von Bildung für alle unter das Dach der ASZ. Innert nur fünf Wochen hat sich die Zahl der Deutschkursteilnehmenden verdoppelt. Ein Raum im Pavillon, der einst als Open Space für verschiedene Verwendungszwecke vorgesehen war, hat kurzerhand einem improvisierten Schulzimmer weichen müssen. «Zwei Schulzimmer bräuchte es zusätzlich, um in Klassen vernünftiger Grösse unterrichten zu können», sagt Moderator Ruedi Salzmann. Salzmann ist Sozialpädagoge. Ehe er zu Bildung für alle gestossen ist, hat er sechs Jahre bei einer privaten Organisation gearbeitet, die Deutschkurse für Asylsuchende anbietet. Er schätzt an den Deutschkursen der ASZ, dass es nicht nur um das Erlernen der Sprache, sondern genauso um «Selbstverantwortung und Selbstverwaltung» geht.

Die ASZ spielt im Projekt Bildung für alle eine zentrale Rolle, betont Felipe Polania, Moderator und Aktivist bei Bleiberecht für alle und gebürtiger Kolumbianer. «Die Würde, die uns die Besetzer entgegenbringen, finden wir weder bei politischen Parteien noch bei der Kirche, bei den Gewerkschaften oder einer NGO. Denn die ASZ ist frei von einer politischen Agenda, von Subventionen und anderen Sachzwängen.»

Briefe vom Amt

Die rigide Migrationspolitik des Kantons Zürich trägt zum gewaltigen Zustrom am Deutschkurs wohl einiges bei. Den Asylsuchenden, die abgewiesen worden sind, bietet das sogenannte Härtefallgesuch das einzige Schlupfloch zum Bleiberecht. Um als Härtefall anerkannt zu werden, müssen die GesuchstellerInnen im Kanton Zürich mindestens fünf Jahre in der Schweiz gelebt haben und – nebst weiteren Kriterien – das Sprachzertifikat B1 vorweisen können. 2008 hat der Kanton Zürich kein einziges Härtefallgesuch an den Bund weitergeleitet. Im Kanton Waadt waren es im gleichen Jahr 300. «Ich möchte gerne, dass die Leute auf dem Migrationsamt, die das Sprachzertifikat B1 verlangen, erst selbst den Test bestehen», sagt Ruedi Salzmann. «Die Briefe, die ich vom Migrationsamt bekomme, erreichen jedenfalls nicht das verlangte Niveau.»

Das Sprachzertifikat B1 wird vom deutschen Goethe-Institut ausgestellt und verlangt unter anderem, dass die Geprüften ihren Träumen und Hoffnungen sprachlichen Ausdruck zu verleihen vermögen. Im «kleinen Klassenzimmer» im Schulpavillon Allenmoos II sitzt Kurd* und lernt auf das B1. Er trägt eine dunkelblaue Dächlikappe, die bestickt ist mit einem Schweizerkreuz und dem Schriftzug «100 × Aldi SUISSE». Befragt zu seinen Träumen und Hoffnungen, antwortet er: «Ich möchte mit allen Menschen leben. Gleich alle Menschen. Ich habe ganzes Leben kein Pass.»

Es ist Viertel nach fünf. Die letzten TeilnehmerInnen der Deutschkurse verlassen die Schule. Im «kleinen Klassenzimmer» ist die Uhr auf Viertel vor zwölf stehen geblieben. Schon lange.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch