Nr. 34/2013 vom 22.08.2013

«Wir sind mehr als eine Schule»

Welche Treffpunkte wirken der Isolierung von Asylsuchenden entgegen? Dieser Frage geht die WOZ in einer neuen Reihe nach. Zum Auftakt erzählt Sadou Bah, wie er in der Schweiz illegalisiert wurde. Mit KollegInnen gründete er deshalb die Autonome Schule Zürich.

Aufgezeichnet von Jan Jirát, Fotos: Andreas Bodmer

«Die Behörden profitieren, wenn die Leute keine Widerstandskraft mehr haben»: Sadou Bah in den Räumen der Autonomen Schule Zürich.

«Ich bin auf einem Frachter von Conakry, der Hauptstadt von Guinea, nach Italien gelangt und von da aus weiter in die Schweiz, nach Genf. Meine Flucht war nicht vergleichbar mit jenen lebensgefährlichen Überfahrten, die heute im Mittelmeer passieren. Ich bin im September 2002 in die Schweiz gekommen. Da war ich 35 Jahre alt. In der Schweiz wollte ich studieren und nebenher arbeiten. Ich hatte absolut keine Ahnung, dass ich hier erst mal ein Asylgesuch stellen muss und nicht die gleichen Rechte habe wie EU-Bürger oder Personen aus Nordamerika.

600 Franken für die Überprüfung

Also habe ich ein Asylgesuch gestellt und bin dann via Vallorbe und Chiasso in Winterthur gelandet. Nach vier Monaten erhielt ich den Entscheid: negativ. Ich wurde in meiner Heimat nicht politisch verfolgt, aber es gab politische und soziale Probleme. Ich sah dort keine Freiheit für mich, keine Zukunft, die ich selbst hätte gestalten können. Ich habe gegen die Ablehnung Rekurs eingelegt, aber eine Überprüfung hätte 600 Franken gekostet. Dieses Geld hatte ich nicht, also erhielt ich einen sogenannten Nichteintretensentscheid (NEE). Das Nothilferegime war damals noch nicht in Kraft, ich konnte deshalb – trotz eines NEEs – Deutschkurse besuchen. Gelebt habe ich damals in Grüningen im Zürcher Oberland. Es war dort schwierig, Kontakte mit der Bevölkerung zu knüpfen. Zum Glück hatte ich die Sprachschule, wo ich viele Leute getroffen habe.

Als im Januar 2008 das Nothilferegime eingeführt wurde, hat sich die Situation für mich und alle anderen Flüchtlinge mit NEE oder negativem Asylentscheid grundlegend verschlechtert. Ich durfte die Deutschkurse nicht mehr besuchen, obwohl ich längst als Hilfslehrer tätig war. Und ich bin in die Notunterkunft nach Adliswil verlegt worden. Dort habe ich vom Infoladen Kasama in Zürich erfahren, wo es jeden Dienstag einen Mittagstisch gab. Dieser Ort ist zu einem wichtigen Treffpunkt geworden, wo wir Flüchtlinge gemeinsam mit Aktivisten und Aktivistinnen, vom Bleiberecht-Kollektiv etwa, Ideen des Widerstands gegen die verschärfte Asylpolitik entwickeln konnten. Wir haben damals beispielsweise nur Migros-Gutscheine als Nothilfe erhalten. Wie sollten wir damit Fahrscheine für die Bahn oder den Bus kaufen? Also haben wir den Umtausch gegen Bargeld im Kasama mitorganisiert.

Im Dezember 2008 haben wir dann die Predigerkirche im Zürcher Niederdorf besetzt, wir waren etwa 150 Menschen. Wir forderten eine kollektive Regularisierung von Sans-Papiers, die Aufhebung des Arbeitsverbots und eine Härtefallkommission, die es im Kanton Zürich damals nicht gab. Es gab Gespräche mit Hans Hollenstein, damals Sicherheitsdirektor des Kantons. Er versprach uns eine Härtefallkommission, in die wir grosse Hoffnungen setzten. Leider umsonst. Die Kommission hat zwar ihre Arbeit aufgenommen, aber es sind kaum Härtefallgesuche nach Bern weitergeleitet worden. Die damaligen Ereignisse haben zur Gründung der Autonomen Schule Zürich in der heutigen Form geführt. In einem besetzten Haus begannen wir mit Deutschkursen. Die Idee dahinter war, dass wir für die Kommission ein gewisses Deutschniveau haben sollten.

Die Freiheit in der Schweiz verloren

Es folgte eine schwierige Zeit mit zehn Umzügen, oft in besetzte Häuser. Einmal sind wir von der Polizei geräumt worden. Schliesslich konnten wir drei Jahre lang am Güterbahnhof bleiben. Aber auch von dort mussten wir in diesem Frühjahr weg. Seither sind wir an der Badenerstrasse 565. Hier ist es wirklich sehr schön, wir hatten noch nie so viele und gute Räume zum Unterrichten. Unser Ziel ist es nun, endlich einen Ort zu finden, an dem wir fix bleiben können, denn auch hier an der Badenerstrasse sind wir nur provisorisch.

Die ASZ ist ein Ort, wo sich Flüchtlinge treffen und austauschen können. Es geht darum, dass sich die Leute engagieren und etwas machen. Es ist fatal, wenn die Flüchtlinge bloss in den Notzentren und Asylunterkünften bleiben, wo sie nichts haben und für alles eine Bewilligung oder Erlaubnis brauchen. Das deprimiert die Menschen mit der Zeit. Oftmals profitieren die Behörden dann, um sie auszuschaffen, weil keine Widerstandskraft mehr vorhanden ist. Ich selbst war auch ab und zu depressiv. Zehn Jahre unter solchen Bedingungen zu leben, das geht nicht ohne psychische und oft auch physische Probleme. Die Freiheit, die ich gesucht habe, habe ich jedenfalls erst hier in der Schweiz so richtig verloren.

Ich verstehe die ASZ nicht nur als Schule, wo Menschen Deutsch, Arabisch, Französisch, Englisch oder Türkisch lernen können. Für mich ist die ASZ vor allem auch ein politisches Projekt. Ein Treffpunkt, um gemeinsam Widerstand und Ideen gegen die herrschende Politik zu entwickeln, ein Ort, wo die Menschen ihre Autonomie und Würde zurückerhalten und über ihre Rechte aufgeklärt werden. Es ist das Gegenteil vom dem, was in vielen Gemeinden passiert, wo keine Möglichkeiten zum gegenseitigen Austausch geschaffen werden, keine Begegnungsorte, sondern wo Flüchtlinge isoliert werden. Die Gemeinden könnten durchaus etwas dazu beitragen, die vorhandenen Ängste abzubauen, statt blind der SVP und dem Bundesamt für Migration zu folgen. Das Zusammenleben ist wichtiger als alles andere.»

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