Nr. 43/2009 vom 22.10.2009

Aber soll man das auch lesen?

Der Suhrkamp-Verlag hat ein 1937 erschienenes Frühwerk von Max Frisch neu aufgelegt. Dem Autor wäre das sicherlich peinlich gewesen.

Von Marcel Hänggi

Dass einem Autor seine Jugendwerke peinlich sind, kann man leicht nachvollziehen. Von seinem Romanerstling «Jürg Reinhart» hat Max Frisch sich früh schon distanziert. In seinem Spätwerk «Schweiz ohne Armee? Ein Palaver» (1989) lässt Frisch den Grossvater sein Aktivdiensttagebuch, die «Blätter aus dem Brotsack» (1939), ins Kaminfeuer werfen.

Von einem Werk aber wollte Frisch sich nicht einmal distanzieren müssen: «Antwort aus der Stille», 1937 erschienen, hat Frisch als einzige grössere Veröffentlichung nicht in seine Werkausgabe aufnehmen lassen. Nun hat der Suhrkamp-Verlag das Büchlein neu herausgegeben – achtzehn Jahre nach Frischs Tod und bevor der Verlag auch (nicht dazu bestimmte) neu entdeckte Tagebücher publizieren will. Die Marke Frisch ist eben immer noch ein sicherer Wert für einen Verlag.

«Ein Wanderer» (erst am Schluss des Buchs erfährt man seinen Namen: Balz) haut zwei Wochen vor seiner Hochzeit ab, weil er das Gefühl hat, nichts Grosses geleistet, ja «noch gar nicht gelebt» zu haben. Nun will er einen Nordgrat besteigen. Unterwegs lernt er Irene kennen und lieben, die ihn gleichwohl nicht von seinem gefährlichen Vorhaben abhalten kann. Balz schafft die Besteigung, bleibt aber mehrere Tage verschollen und friert sich einen Arm und einen Fuss ab – doch «die linke Hand ist ihm ja geblieben, sie kann den Ring tragen».

Das ist natürlich trivial. Kritischer aber ist ein anderer Punkt: Das Thema war damals propagandistisch aufgeladen. 1936 waren beim Versuch, die Eigernordwand zu besteigen, vier Bergsteiger tödlich verunglückt; 1938 schaffte es eine deutsch-österreichische Expedition unter Fanfarenstössen der Nationalsozialisten. Und Frischs Buch erschien in einem deutschen Verlag zu einer Zeit, da das deutsche Geistesleben längst gleichgeschaltet war.

Ist die «Erzählung aus den Bergen» braun angehauchtes Gesäusel eines Unpolitischen? Von einem, der 1935 – mit einer Jüdin verlobt – die Judenhetze der Nazi in der NZZ zwar verurteilte, aber lediglich als ein Auf-die-Spitze-Treiben eines «notwendigen Zurückdämmens»? Gerade nicht, schreibt Peter von Matt im Nachwort: Im «Fehlen jeder triumphalen Geste am Schluss» stecke eine «unmittelbare Kritik des zeitgenössischen Heroenkults». «Sein Wille», heisst es relativ früh in der Erzählung, «wird ihn in den Nordgrat schicken, in die Tat oder in den Tod, wie er früher sagte, und dabei fühlt er so klar, immer klarer, dass er ja nicht an die Tat glaubt.»

Die Landschaftsbeschreibungen – eine von Frischs Stärken, die viel zur Popularität seiner Prosa beigetragen hat – sind frei von Pathos, wie es die Filme des Bergsteigers Luis Trenker haben. Allein, am Ende war es eben doch die «männliche Tat», die Balz die Augen geöffnet hat dafür, dass es «ein unsagbar ernstes Glück ist, leben zu dürfen».

In «Antwort aus der Stille» ist, wie man das von Frühwerken so sagt, sehr vieles bereits angelegt, was den späteren Frisch ausmacht – auch die Macken, die einen, wenn man sehr viel Frisch liest, irgendwann zu nerven beginnen. Balz läuft seiner Braut davon wie Anatol Stiller seiner Julika oder Walter Faber seiner Ivy. Und wenn da steht «So ist Irene», dann ist hier schon klar, dass man diesen Satz als sein Gegenteil lesen muss. Doch woraus Frisch im späteren Werk grosse Kunst macht – aus der Suche nach dem richtigeren Leben, der Unmöglichkeit, vor sich selbst zu flüchten –, davon weiss man hier nicht recht: Ist das nun verspätete Pubertät oder verfrühte Midlife-Crisis? Auf der Suche nach Balz trifft seine Braut schliesslich auf die Rivalin, und in der Angst um den Mann vereint, tröstet diese die Braut, man «könnte fast meinen, sie sei die Mutter». Und wenn die Frauen dann noch, als ein Männer-Suchtrupp den Verschollenen sucht, die Berghütte, diesen Männerhaushalt, endlich einmal gründlich zu putzen beginnen, so ist das ziemlich grauenhaft.

Über das Werklein zu spotten, verbittet sich Peter von Matt im Nachwort und schreibt von der «erstaunlichen Kunst» des 25-jährigen Frisch. Nun, nun; man gibt ja nicht ein Buch heraus und schreibt im Nachwort, dass es nicht lesenswert sei. Das wollen auch wir nicht behaupten. Wer sich für Max Frisch interessiert und sonst alles von ihm gelesen hat, wird die zwei Stunden Lektüre nicht bereuen. Aber der Autor, dem das peinlich wäre, tut einem posthum schon ein bisschen leid.

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