Nr. 21/2010 vom 27.05.2010

Der kreative Bergsteiger

Von Pit Wuhrer

Das Rätikon lädt nicht nur zum Wandern ein. Es ist mit den Südabstürzen von Kirchlispitzen, Drusenfluh, den Drusentürmen und der Sulzfluh auch eine der wuchtigsten und vielfältigsten Kletterregionen von Vorarlberg und der Ostschweiz. Und kaum einer hat die Begehungsgeschichte dieser Wände so sehr geprägt wie der in Bludenz aufgewachsene Spitzenkletterer und Alpinjournalist Toni Hiebeler, dessen Texte der AS-Verlag in einem Sammelband neu aufgelegt hat.

Hiebeler (geboren 1930) war immer ein Querkopf: Der Sohn eines nationalsozialistisch gesinnten Polizeiinspektors galt als schwer erziehbar, jobbte als Tischlerlehrling, lernte den Beruf eines Webers, büchste bei jeder Gelegenheit ab ins Gebirge, durchkletterte im Rätikon zahllose Routen (oft als Erstbegeher), war in den Dolomiten unterwegs, im Karwendel, im Wilden Kaiser (vgl. Bergbuch-Besprechung «Kletterführer Wilder Kaiser»), und schrieb, als er wieder einmal arbeitslos war, sein erstes Buch («Abenteuer Berg», 1957). Sein packender, schnörkelloser Erzählstil kam an – Rudolf Rother (vgl. Fussnote von Bergbuch-Besprechung «Traumtreks Alpen») verpflichtete den zwischenzeitlichen Packer und Parkplatzwächter als Redakteur seiner Zeitschrift «Der Bergkamerad».

Die Redaktionsluft genügte ihm nicht. Hiebeler stieg weiter bergan, knüpfte Kontakte zu Extrembergsteigern in aller Welt, meisterte als Erster die Eigernordwand im Winter (für diese Tour entwarf er einen besonders warmen Schuh), konzipierte die legendäre Zeitschrift «Alpinismus» (die mit dem rotsockigen Bergsteigerdenken der damaligen Zeit sofort auf Kriegsfuss stand) und entwickelte einen neuen fotografischen Blick auf die Berge.

Hiebeler, der 1984 bei einem Helikopterflug für ein neues Bergfotobuch ums Leben kam, war gnadenlos in seiner Kritik, grandios in seinem Wagemut und grossartig in seinen Schilderungen. Von Reinhard Karl abgesehen, hat kein anderer deutschsprachiger Alpinist so frisch und lapidar, so gekonnt und tiefgründig das beschrieben, was die Faszination des Bergsteigens ausmacht. Wie dürftig der Stil vieler Bergautoren im Vergleich zu Hiebelers Witz und Sprachbeherrschung ist, dokumentiert auch der schön bebilderte Band: Horst Höfler, der viele Bergbücher publizierte, schrieb die einleitenden Texte.

Mit dem Band «Toni Hiebeler» setzt der kleine, für Bergsteiger wie Buch- und Bildgeniesserinnen aber enorm wichtige AS-Verlag seine Reihe lesenswerter Publikationen fort. Zuletzt erschienen in ihm unter anderem die exzellente Bergmonografie «Monte Rosa», herausgegeben von Daniel Anker und Marco Volcken, und ein Buch über den Bergfilmer Lothar Brandler.

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