Nr. 45/2009 vom 05.11.2009

Frauen auf die Traktoren!

Auch wenn die sozialistische Frau im Bergwerk arbeitete – die Rollenbilder blieben konservativ.

Von Alice Kohli, Warschau

Artikel 67 der kommunistischen Verfassung Polens war eines der potentesten Diskriminierungsverbote der Welt. «Die Bürger der Volksrepublik Polen haben die gleichen Rechte, unabhängig von Geschlecht, Geburt, Ausbildung, Nationalität, Rasse, Konfession sowie gesellschaftlicher Herkunft und Stellung». 1952 trat der Artikel in Kraft. Zum Vergleich: Selbst in den USA, wo die Frauenbewegung bis heute am stärksten ist, existiert kein Verfassungsartikel, der den Geschlechtern die gleichen Rechte zusichert.

Gleichberechtigung von Frauen und Männern war ein erklärtes Ziel der sozialistischen Politik. Denn in der Unterdrückung der Frauen sahen orthodoxe Marxisten einen Widerspruch, der im Klassenkampf verwurzelt war. Um diesen Widerspruch aufzulösen, sollten die Frauen wirtschaftlich und politisch «aktiviert» werden. Bereits in der ersten Wahlperiode Anfang der fünfziger Jahre waren 75 der 460 Abgeordneten im Sejm, dem polnischen Parlament, weiblich.

«Frauen auf die Traktoren!» skandierten die Parteioberen und liessen Bilder von sozialistischen Überfrauen auf Plakate malen. Mit strenger Frisur, entschlossenem Blick, eine Schaufel in der Hand – oder eben am Lenkrad eines Traktors. Nach dem Zweiten Weltkrieg benötigte die Wirtschaft Arbeiterinnen in der Industrie, an Laufbändern und in Bergminen. Dabei waren Vollzeitstellen die Regel. Wer im Sozialismus nicht arbeitete, bekam den despektierlichen Übernamen «blauer Vogel».

Ludwik, an die Kasserolle!

«Blaue Vögel» wurden vom Regime schief angesehen – denn entweder mussten sie ein Alkoholproblem haben oder eine nicht deklarierte Geldquelle. Für Frauen bedeutete eine Vollzeitstelle jedoch viel mehr als hundert Prozent Arbeit. Sie – und ausschliesslich sie – waren zusätzlich für die Kinder und den Haushalt verantwortlich. Zur Doppelbelastung der Frauen kam, dass sie oft schlecht bezahlt wurden und selten prestigeträchtige Posten bekamen.

Im Zuge ihrer Gleichberechtigungsbegehren versäumten es die Genossen, auch die Männer zu «aktivieren». Plakate, auf denen Väter ihre Kinder von der Schule abholen, Sauerkraut einmachen oder die Grosseltern pflegen, wurden keine gemalt. Mit dem Slogan «Ludwik, an die Kasserolle» versuchte 1964 immerhin ein Geschirrspülmittelhersteller, ein wenig an der traditionellen Rollenverteilung zu kratzen. Das Geschirrspülmittel «Ludwik» wurde zum Verkaufshit – hauptsächlich aber, weil es das einzige Geschirrspülmittel auf dem Markt war.

Die sozialistische Gleichberechtigungsidee war einseitig – und fusste nicht auf der Eigeninitiative der Bevölkerung. Deswegen konnte sie auch nur so lange funktionieren, wie das System bestand. Das Emanzipationskonstrukt brach mit der Wende in sich zusammen. Schon 1980, als in den Werften Danzigs die ersten regimekritischen Streiks veranstaltet wurden, zeigte sich das wahre Gesicht hinter der aufgedrängten Gleichberechtigung. So stand zwischen den üblichen Parolen gegen das System auf einer Wand geschrieben: «Frauen, stört uns nicht, wir kämpfen um Polen».

Machos der alten Garde

Solidarnosc, die legendäre Gewerkschaftsbewegung, die ihre Wurzeln in eben diesen Streiks hatte, gewann die ersten freien Wahlen im Jahre 1989. Schlagartig sackte der Frauenanteil im Parlament um mehr als ein Drittel ab. Und der polnische Machismo äusserte sich wieder unverhohlener. Letztes Jahr verteilte der Europaabgeordnete Maciej Giertych, der der Partei Liga Polnischer Familien (LPR) angehört, im Europaparlament Broschüren, in denen er aufzuzeigen versuchte, warum Frauen für die berufliche Arbeit nicht taugten.

Giertych hat eine nicht zu unterschätzende Anhängerschaft unter den Wählern. Wie der Taxifahrer in Warschau, der, angesprochen auf die Gleichstellung der Geschlechter, in quietschendes Gelächter ausbricht: «Ist doch egal, wenn Frauen weniger verdienen! Was drängeln die sich auch ins Berufsleben!» Ob er es ernst meint? Vielleicht sieht er einfach nicht viel fern – denn dank der freien und mittlerweile globalisierten Medien werden auch die polnischen Männer mit neuen Rollenbildern konfrontiert. Und während die schnauzbärtigen Politiker der älteren Garde ihre Mappen im Sejm langsam schliessen, macht sich eine neue Generation Männer in Polen breit. Die Generation, die selbstbewusst Kinderwägen schiebt.

Vielleicht könnte man von einer «freiwilligen Aktivierung» der Männer sprechen, wenn die polnischen Ludwiks nun doch zur Kasserolle greifen. Und die Frauen? Sie haben nach dem Zerfall des Sozialismus nicht aufgehört, zu arbeiten. Im Vergleich zur gesamten EU sind auch heute noch in Polen überdurchschnittlich viele Frauen berufstätig. Besonders was Kaderstellen angeht, sind die Polinnen Spitzenreiterinnen. 35 Prozent der führenden Positionen in Polen sind von Frauen besetzt. Diese Zahl schlägt innerhalb der Europäischen Union nur noch Frankreich.

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