Nr. 52/2009 vom 24.12.2009

Tritt ein, bring Glück herein

Gasheizungen – und vor allem Wärmepumpen – machen Kaminfeger arbeitslos. Nicht nur deshalb empfehlen sie ihren KundInnen umweltfreundliche Holzheizungen.

Von Anja Grünenfelder

Vor den Festtagen werden sie gern mal angefasst. Auch heute glauben Menschen noch daran, dass Kaminfeger Glück bringen. Während der Weihnachtszeit komme es häufiger vor, dass man sie berühre, bestätigt Philipp Mautner, Geschäftsleiter des Familienunternehmens Gebrüder Knabenhans AG in Zürich, das Kaminfeger-, Dachdecker- und Bauspenglerarbeiten ausführt. Das sei aber Generationssache. Vor allem ältere Leute hoffen so, ihr Glück positiv zu beeinflussen.

Mautner steht vor einem älteren Haus im Zürcher Kreis 5 nahe der Langstrasse. Kein Rauch steigt aus dem Schornstein, obwohl die Wintermonate längst angebrochen sind. Im Garten zerkleinern zwei Männer in der Nachmittagssonne dicke Holzstämme, und Kaminfegerlehrling Karim Mostefai bürstet die Ofenrohre sauber. Mostefai mag diese Arbeit. Er ist im zweiten Lehrjahr. «Der Beruf ist sehr abwechslungsreich», sagt er freundlich und klopft den schwarzen Russ aus den Röhren.

Kein Besen, kein Lappen

In den letzten fünfzig Jahren hat sich der Beruf des Kaminfegers enorm verändert, ist technischer geworden. Heute fegt der Kaminfeger nur noch selten Kamine, hat kein russiges Hemd, keinen Besen und keinen Lappen, und auch die bösen Buben müssen sich vor ihm nicht mehr fürchten.

Öl, Gas und Erdwärme sorgen vielerorts für wohlig warme Wohnungen und haben das Arbeitsvolumen der Kaminfeger reduziert. «Am meisten Arbeit haben wir durch die Umstellung von Öl auf Gas verloren», sagt Mautner. Während Holzöfen zweimal jährlich kontrolliert werden müssen, reicht beim Gas einmal pro Jahr. Bei Wärmepumpen besteht überhaupt kein Wartungsbedarf mehr, damit hat der Kaminfeger nichts mehr am Hut. Wenn Philipp Mautner seine Kundschaft berät, empfiehlt er deshalb eine Holzheizung statt Erdwärme. Nicht nur, um sich Arbeit zu sichern: «Holz ist auch der umweltfreundlichste Brennstoff.»

Karim Mostefai verschwindet mit dem Ofenrohr im Haus. In den Wohnungen hat er rund um die Öfen sorgfältig Zeitungspapier ausgelegt. Das Loch in der Wand, in dem das Rohr steckte und das in den Kamin mündet, ist ebenfalls mit Papier ausgefüllt. Mit einem Staubsauger säubert der Lehrling die Ascheschublade, zwischen den Zähnen eine Taschenlampe, um die Ecken auszuleuchten. Sein Vorgesetzter Christian Zurfluh reinigt inzwischen den Kamin, stösst die Stahldrahtrute einmal kräftig nach oben in den Schacht. Die groben Borsten scheppern. «Der Kaminzug muss gewährleistet sein», erklärt Zurfluh. Denn Russ wirkt isolierend. Wird er nicht entfernt, muss mehr Feuer gemacht werden, und folglich wird mehr Holz verbraucht. Schlimmstenfalls entzündet sich der Russ und entfacht einen Kaminbrand. Diese Brände waren früher sehr gefürchtet. Das Attribut des Glücksbringers wurde dem Kaminfeger zugesprochen, weil er diese Brände zu verhindern half.

Die guten Trinkgelder

Lurin Camenisch, der seine Lehre 1957 im bündnerischen Maienfeld antrat, hat die Zeit, als man die Kaminfeger als Glücksbringer hoch schätzte noch miterlebt. «Im Tessin, wo ich ein Gesellenhalbjahr verbrachte, gab es damals noch kein Obligatorium», erzählt Camenisch. Sie hätten nur die Anlagen derjenigen geputzt, die das verlangt hätten, und das seien meist reiche Leute gewesen: «Wir waren nur in Villen und grossen Hotels – die kleinen Handwerker haben ihre Öfen selber gereinigt.»

Auf diese Weise lernte Camenisch im Süden viele Prominente kennen, so auch die italienische Sängerin Caterina Valente, die in den fünfziger Jahren berühmt wurde. «Valente hat die Kaminfeger als Glücksbringer verehrt», erzählt Camenisch. Zwischen zwanzig und dreissig Franken Trinkgeld habe er bereits damals von ihr bekommen. Das sei eine gute Zeit gewesen.

Camenisch hat viele Anekdoten aus seinem Berufsleben zu erzählen. Einmal jasste er mit einer Frau – im Stundenlohn. Sie habe ihn nach getaner Arbeit gefragt, ob er mit ihr Karten spiele. «Ich habe ihr gesagt, dass ich das gerne tue, aber der Chef müsse einverstanden sein, und sie müsse mir diese Stunden bezahlen.» Sie spielten schliesslich rund zwei Stunden.

Im Keller gibts kein Trinkgeld

Auch auf der Strasse wurde Camenisch häufig von den Leuten gefragt, ob sie ihn berühren dürften, ihm wurde dann Geld zugeschoben. «Ich hatte zwar einen Lohn, aber meinen Unterhalt bestritt ich mit dem Trinkgeld», erzählt er. Wenn ihn ältere Leute fragten, ob er ihnen die Garageneinfahrt wischen könne, habe er das auch gemacht. Der Chef habe das den Kunden dann in Rechnung gestellt.

Auch in Graubünden floss das Trinkgeld bis zum Jahr 2000 reichlich. «Das ging zu Ende, als wir nicht mehr zu den Leuten ins Haus sind.» Früher sei der Kaminfeger überall gewesen; in der Küche, im Bad, im Wohnzimmer. Und er habe sich mit den Leuten unterhalten. «Mein Vater, der ebenfalls Kaminfeger war, fand noch Zeit für eine Plauderei. Auch ein Znüni oder Schnäpsli war Tradition», erzählt Camenisch. Diese Geselligkeit sei je länger, je mehr verloren gegangen. Heute schicke der Kaminfeger eine Nachricht, er komme morgen um acht Uhr. Am nächsten Tag klingle er und halte sich wegen den Zentralheizungen meist nur noch im Keller auf. «Da ist es halt vorbei mit dem Trinkgeld», sagt Camenisch.

Lurin Camenisch war fünfzig Jahre lang Kaminfeger. Seine Lehrjahre waren anstrengend. Kamine wurden damals mit Birkenbesen und einem grossen Kratzer geputzt. In den Kamin zu kriechen, war die Aufgabe des Lehrlings. «Es gab keine Steigeisen in den Hausfeuerungen, wir mussten uns mit den Ellbogen und auf den Knien fortbewegen.» Auf dem Weg nach oben habe man die eine Seite geputzt und auf dem Weg nach unten die andere. Danach sei jeweils die ganze Küche voller Russ gewesen.

Auch hatten früher die wenigsten Kaninfeger ein Auto zur Verfügung. Besonders im Winter war es hart, zu Fuss unterwegs sein zu müssen. In den Schierserbergen hätten sie richtige Touren gemacht, mit Leiter und Besen. «Wir sind pro Tag sicher zwei Stunden marschiert. Wenn wir auf eine Alp sind, sogar fünf bis sechs Stunden.» Die Käsekessel in den Alphütten liessen sich nur mühsam reinigen. Tausend Liter Milch fasste ein solcher Kupferkessel früher. Unter dem Kessel wurde ein grosses Feuer entfacht, später wurde er mit Dampf beheizt. Den höchsten Punkt, den Camenisch zu bewirtschaften hatte, war die Ringelspitzhütte auf 2000 Meter über Meer.

Noch anstrengender als die Arbeit auf der Alp war aber der Einsatz in der Ems-Chemie. Dort putzte Lurin Camenisch keine Kamine, sondern eine riesige Anlage: «Ein Ungetüm», wie er sagt. Das müsse man sich wie ein grosses Silo vorstellen; rechteckig, unten etwa zehn auf acht Meter. Jeweils drei Wochen waren er und seine Mitarbeiter in den Schächten, haben kesselweise Russ hinausbefördert und meterweise Rohre gesäubert. «Das hat gestoben wie in der Sahara dort unten, eine stupide Arbeit», erzählt Camenisch. In den Anfängen hatten sie keinen Atemschutz, banden sich nur ein Tuch vors Gesicht, um nicht zu viel Staub einzuatmen. Später gab es Staubmasken und elektrische Bürsten und Kratzer. «Das Ganze ging dann ein bisschen schneller.»

Als die Kaminfeger noch schwarz vor Russ waren, gab es eine Reihe von Anstandsregeln, die sie beherzigten. Den Kaffee tranken sie immer stehend – auch im Restaurant. «Das war damals so Mode.» Oder sie legten eine Zeitung auf den Stuhl. Er habe auch stets darauf geachtet, das Türblatt nicht zu berühren und die Türfalle oder den Lichtschalter wenn möglich nur mit einem Finger zu betätigen. Sein Lehrmeister habe sich aufgeführt wie ein Wilder, wenn er etwas mit den schmutzigen Händen angefasst habe. «Wir waren wirklich dreckig und mussten schon aufpassen.» Aus den Kleidern seines Vaters habe oft Dreck gestoben wie aus einem Kohlensack. Er selbst hatte gerne saubere Übergewänder, deshalb nannte sein Vater ihn einen Sonntagskaminfeger.

Neunzig bis hundert Stifte

Camenisch arbeitet seit zwei Jahren nicht mehr. Bis zu seiner Pensionierung wurde nicht kontrolliert, was die Leute in ihren Öfen verbrennen. Heute jedoch werden chemische Analysen durchgeführt. «Dem Kaminfeger, der behauptet, er sehe dem Russ an, was verbrannt worden ist, glaube ich nicht», sagt Camenisch.

Lurin Camenisch ist überzeugt, dass der Beruf des Kaminfegers mit den neuen Technologien immer mehr verschwinden wird. Auch die Berufsperspektiven seien schwierig: «Die Aufstiegsmöglichkeiten eines Kaminfegers sind mit der Leiter aufs Dach.» Philipp Mautner gesteht, dass er wohl nicht Kaminfeger geworden wäre, wenn der Bezug durch die Familie nicht vorhanden gewesen wäre und er nicht die Möglichkeit gehabt hätte, auch unternehmerisch tätig zu sein.

«Der Beruf verändert sich zwar, aber er verschwindet nicht», sagt hingegen Konrad Imbach, Geschäftsführer des Schweizerischen Kaminfegermeister-Verbandes. Der Kaminfeger biete heute zusätzliche Dienstleistungen an, wie beispielsweise die Wartung von Komfortlüftungen bei Minergiebauten. Und er setze sich mit Umweltschutz und Brandschutz auseinander. Die Anzahl der Lehrlinge bleibe mit schweizweit neunzig bis hundert Stiften in den letzten Jahren konstant. Damit hätten sie knapp genügend Nachwuchs. Nur im letzten Jahr fehlten zwanzig. Der Beruf werde von den Jungen etwas verkannt, sagt Imbach.

Karim Mostefai und Christian Zurfluh haben unterdessen ihre Arbeit erledigt. Sie räumen die Zeitungen weg und setzten die Ofenrohre wieder zusammen. Der Kamin in dem alten Haus im Kreis 5 darf vorerst wieder qualmen.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch