Nr. 52/2009 vom 24.12.2009

Auf ein Bier mit Gott

Der 74-jährige Schriftsteller aus Bellach bei Solothurn über Weihnachten, sein Bedürfnis nach Religiösem und weshalb er Grillpartys schrecklich findet.

Von Anna Wegelin

WOZ: Herr Bichsel, wie feiern Sie Weihnachten?

Peter Bichsel: Ich lebe allein. Meine Frau ist vor fünf Jahren gestorben. Aber ich stelle trotzdem einen Weihnachtsbaum auf. Als ich noch eine Familie hatte, hatten wir immer einen gestylten Christbaum, einen blauen, roten oder weissen. Jetzt ist es ein kitschiger Baum. Ich suche alle Engelchen zusammen und hänge sie dran. Die Kerzen zünde ich nicht an.

Kerzen sind doch aber recht stimmungsvoll ...

Sicher, ja. Aber man verträgt nicht alles, wenn man allein ist ... Und dann gibts am 24. ein Schinkli im Brotteig mit Kartoffelsalat, das ist Tradition. Und das esse ich dann mit meiner Freundin zusammen.

Sie schreiben, die Festtage seien «verlogen» geworden.

Vielleicht waren sie es schon immer, die Kirche hat ja jedem Konsumtrend nachgegeben. Weihnachten ist kein christliches Fest, sondern ein Familienfest mit einem christlichen Hintergrund. Es ist der einzige Tag im Jahr, an dem alle Nichtchristen zu Christen werden. Ich weiss sogar von islamischen Türken, die zu Hause einen Weihnachtsbaum haben. Wir feiern den 24. wirklich, der Tag hat etwas Besonderes. Aber es ist schlimm, was er bei einsamen Menschen auslösen kann.

Was ist denn das Besondere?

Ich weiss, was ein frommer Mensch ist, weil ich es als Kind und Jugendlicher war, und zwar selbstgewählt, nicht durch meine Eltern. Heute bin ich nicht mehr fromm, aber ich bin ein religiöser Mensch, das krieg ich nicht weg. Ich brauche eine sinnvolle Erklärung für diese Welt.

Sie sagen sinngemäss, «ich glaube nicht an Gott, aber ich brauche ihn».

Nein, nicht so. Es ist etwas härter, als Sie es gesagt haben. Ich glaube an Gott, aber ich weiss, dass es ihn nicht gibt. Könnte man den Gottesbeweis erbringen, würde er mich nicht mehr interessieren. Gott ist nicht Realität, er ist ein Stück Wahrheit.

Wie meinen Sie das?

Die schrecklichsten Sektierer für mich sind die Atheisten. Die Freidenker machen eine Religion aus ihrer Ablehnung. Schauen Sie sich um: All die Religionen, die es heute gibt! Die Religion der Nichtraucher, mit denen haben wir jetzt unsere Schwierigkeiten. Ich mag nicht mehr zuhören, wenn mir jemand die Astrologie erklären will. Er ist absolut Fundamentalist. Er wird sehr laut, wenn er mir seine Religion erklärt, und er hat Beweise. Die Homöopathie, die Bachblüten oder die Esoterik: Ein Fundamentalismus neben dem anderen!

Wie erklären Sie sich diesen Boom?

Fundamentalismus ist ein Grundbedürfnis der Menschen, das ich offensichtlich auch habe, ein Bedürfnis nach Religiösem. Es fällt ihnen nicht auf, dass ihre Homöopathie nichts anderes ist als Religion und sie Religionsstifter sind. Deshalb tut sie auch ihre Wirkung.

Sie zitieren gerne den «trotzigen» Satz der feministischen Theologin Dorothee Sölle: «Christ sein bedeutet das Recht, ein anderer zu werden.»

Ich kannte Dorothee Sölle recht gut, und ich liebte sie sehr. Ich bin traurig darüber, dass der Feminismus viel von seiner Radikalität verloren hat. Die radikalen Feministinnen haben zu früh aufgegeben. Dorothee Sölle hat diese Einschränkung «feministische Theologin» nicht verdient, obwohl sie die feministische Theologie mit Vehemenz unterstützte, weil sie eine kämpferische Frau war. Theologen in ganz Europa haben verhindert, dass sie einen Lehrstuhl bekam, und sie mit einem freundlichen Lächeln in die Ecke des Feminismus gestellt.

Wenn es einen Gott gibt, dann ist er für mich eindeutig weiblich. Gott ist kein Mann. Dieser wunderbare Endo Anaconda von Stiller Has sagt, Religion und Frömmigkeit sei nichts anderes als Poesie – ein wunderbarer Satz! Poesie ist selbstverständlich weiblich. Wenn ich schreibe, schreibt meine weibliche Seite. Wenn ich lese, auch. Dieser bärtige Gott kann mir gestohlen bleiben. Ich bin mit meinem Gott auf Du. Wir trinken ab und zu ein Bier oder ein Glas Wein zusammen.

In Ihrer frommen Phase kannten Sie die Bibel sehr gut. Lesen Sie sie heute noch?

Es kommt vor. Es gibt wenige Gelegenheiten, wo ich sie brauche. Aber es gibt viele Gelegenheiten, wo ich etwas nachschlage, und dann bleibe ich vier Stunden hängen, wie beim alten Lexikon. Im Augenblick lese ich viel in der Bibel. Ich habe mir ein Faksimile – ein billiges – der Gutenberg-Bibel gekauft. Die Gutenberg-Bibel ist der Anfang unserer Schriftsprache. Sie ist eine Erfindung von Luther. Der war auch so ein religiöser Fanatiker. Trotzdem: Er hat zwar nicht die Schrift, aber eine Sprache in einem religiösen Akt erfunden.

Den Theologen Luther lehnen Sie ab, aber als Sprachschöpfer betört er Sie?

Vielleicht ist «Fanatiker» das falsche Wort, «Verrückter» ist das schönere Wort. Wenn man etwas tun will, muss man ver-rückt sein. (Peter Bichsel nimmt den Stuhl, auf dem er sitzt, und verrückt ihn ein wenig.) Der verrückte Stuhl ist haargenau gleich, aber er steht neben dem alten Standort.

Jesus ist für Sie auch so ein Verrückter, ein Rebell oder ein Unanständiger.

So stehts im Lukasevangelium. Jesus sagt sinngemäss: «Ihr meint, ich sei gekommen, um Frieden zu bringen. Ich bin gekommen, um Zwietracht zu bringen.» Das ist doch fantastisch! Ich bin gekommen für den Dialog, für das Ende einer Tradition, für etwas, das ihr noch nicht kennt. Und dieses Etwas wird euch erschrecken, und ihr werdet darüber streiten. Was Jesus von Nazareth ganz sicher nicht war, war ein Christkindlein. Eigenartig, dass man an Weihnachten nicht ihn, sondern ein Kindlein feiert, das so furchtbar friert in seinem Kripplein. Einfach schrecklich! Jesus ist ein gescheiter, gebildeter und mutiger Mann. Er war freundlich, angenehm, still und kontemplativ. Er hatte ein Herz für die Menschen, auch für seine Gegner.

Die Kirche sagt Ihnen heute nichts mehr. Weshalb sind Sie ihr dann noch treu?

Aus Dankbarkeit. Ich habe sie in meinen jungen Jahren als Emanzipationsmaschine benützt: Sie ermöglichte mir, ein anderer zu werden. Ich war ein angepasstes, liebes Kind, und ich hatte tolle Eltern. Es gab keinen Anlass, etwas gegen sie zu haben. Aber man muss doch selber genug werden. Also musste ich noch etwas anständiger als sie werden, tief fromm.

Sie beschreiben jenen Peter Bichsel, der fürs Blaue Kreuz vor Beizen für die totale Abstinenz demonstrierte.

Ja, natürlich. Ich habe gelernt, in dieser Unterkirche in Minderheiten zu leben, anders als alle anderen zu sein. Später übte ich mich in andere Minderheiten ein. Ich gehörte zur Minderheit, die Picasso und Klee mochten, und dann zur Minderheit, die für Flachdächer waren und nicht für Steildächer. Die Kirche hat mir beigebracht, mich in Minderheiten zu bewegen. Ihr Elend ist, dass sie immer noch eine Mehrheit sein will.

In der «Unterkirche» erlebten Sie eine Art Heimat, später war es der Stammtisch in der Beiz. Sehen Sie Ihre Trinkgenossen noch?

Ja, aber meine Mitsäufer sterben nach und nach weg. Die Stammtischbrüder sind Auslaufmodelle, es gibt ja auch fast keine richtigen Kneipen mehr. Und wenn das Rauchverbot kommt, gehen sie ohnehin zu. Es gibt keine Öffentlichkeit mehr, sie ist privatisiert worden. Wir sind zu einer Partygesellschaft verkommen. Wir sind eine Grill- und Fonduegesellschaft. Diese saublöde Grillerei! Männer, die nicht kochen können, aber gerne Feuer machen und die teuersten Steaks drei Stunden lang richtig braten wollen.

Sie kochen an Weihnachten ja auch ein Schinkli.

Ja, aber ich bin ein guter Koch, und kochen tut man auf einem Herd oder in einem Backofen, aber nicht auf einem Grill!

Sehen Sie: In den sechziger und siebziger Jahren gab es auch in Solothurn noch diese grossen Kneipen. Alle sassen da: Weit hinten an gedeckten Tischen die etwas Besseren, die Mittleren in der Mitte und die Säufer vorn. Mit der Zeit vermischten sich die Gruppen. Man hat miteinander gelebt. Der Direktor hat seine Arbeiter gekannt und gewusst, wie sie leben. Das ist vorbei. Heute wird alles privatisiert.

Dieses dumme Geplapper über die Ausländer in der Schweiz, die sich integrieren sollen: Wo sollen sie sich denn integrieren? Ist der Ausländer ein Arzt, ist es selbstverständlich, dass er von seinen Kollegen zur Grillparty eingeladen wird. Aber wenn er nur Ausländer ist? Es gibt keine öffentlichen Treffpunkte mehr, es gibt nur noch Grillparty- und andere Ghettos. Unsere Gesellschaft ist auf dem Weg zurück zur alten Klassengesellschaft.

Braucht es wieder einen Jesus?

Er könnte unser Vorbild sein. Jesus ist eindeutig Mensch, er ist ein Mensch geworden. Gott Vater, Sohn und der Heilige Geist: Von den Dreien gefällt mir schon dieser Jesus von Nazareth am besten, mit dem Heiligen Geist kann ich gar nichts anfangen. Wenn der Ausdruck nicht eine andere Bedeutung hätte, wäre ich Jesuit.

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