Nr. 01/2010 vom 07.01.2010

Der Name der Krise

Zwei Bücher, die das Krisenjahr in Argentinien ganz unterschiedlich verarbeiten, sind nun auf Deutsch zu lesen: César Airas Roman «Die Nächte von Flores» sowie ein Interviewband mit Arbeitslosen.

Von Valentin Schönherr

Vielleicht kann man für das Lebensgefühl der ArgentinierInnen in den Krisenjahren 2001/02 ein Bild finden: Man lebt auf einer riesigen tektonischen Platte, die aus der Waagerechten in Schräglage geraten ist und sich immer rascher neigt. Am oberen Ende versuchen sich noch ein paar Clevere zu retten, unten rutschen die Menschen bereits in den Abgrund, und das Festklammern in der Mitte wird immer schwieriger.

Vielleicht stimmt das Bild, denn wegen der Krise – hausgemacht durch Fehlentscheidungen der Regierung Carlos Menem zwischen 1990 und 2000 – wurden gleich mehrere Gewissheiten zerstört. Die Kopplung des Peso an den US-Dollar hatte eine Finanzblase erzeugt, die im Jahr 2001 platzte, viele Menschen um ihre Ersparnisse brachte und einen grossen Teil der Mittelschicht in die Armut stürzte. Soziale Sicherungssysteme hatte man im Zuge der neoliberalen Strukturanpassungsmassnahmen durchlöchert. Das korrupte politische Establishment Argentiniens hatte das Gespür für die Bedürfnisse der Menschen verloren, seine Legitimität war zerbröselt. Arbeitslosenorganisationen forderten mit Strassenblockaden ihren Teil ein; im Gegenzug erlaubte das Parlament der Polizei, härter durchzugreifen, es gab Todesopfer. Schliesslich erlebte das Land zum Jahreswechsel 2001/02 fünf Präsidenten in zwei Wochen.

Wenn das oben erwähnte Bild stimmt, ist die grosse Erdscholle inzwischen wieder in der Waagerechte, und die Menschen haben aus dem, was ihnen blieb, das Beste zu machen versucht. Vielleicht stimmt das Bild aber auch nicht. Für die Deutung der Krise und den Umgang mit ihren Folgen ist entscheidend, wie über sie gesprochen, wie sie benannt wird. Was leistet hier die Literatur, die grosse Bilderzeugerin und Namensgeberin? Zwei Texte zur argentinischen Krise haben es auf den deutschsprachigen Buchmarkt geschafft: ein Interviewband mit Arbeitslosen und ein Roman.

Spiel mit Sturzhelmen

Der Schriftsteller César Aira ist ein Sonderling im Literaturbetrieb. Mittlerweile sechzig Jahre alt, hat er Dutzende kurzer Romane veröffentlicht, von denen einige auch übersetzt wurden. Einen Verlag, der ihn pflegt, gibt es dennoch nicht. Wenige Lesereisen und Vorträge, kaum Interviews: Aira ist keine öffentliche Figur.

Aber jeden Tag schreibt er eine Seite, unermüdlich. Der Roman «Die Nächte von Flores» entstand 2003, als Nachhall der Krise. In Flores, das ist Airas Wohnviertel in Buenos Aires, begegnen wir Aldo und Rosita, einem pensionierten Ehepaar. Sie arbeiten bei einem Pizzaservice, der in Zeiten knapper Mittel voll ausgelastet ist. Ihre Besonderheit: Sie gehen jeden Weg zu zweit und immer zu Fuss, anders als das Heer ihrer jugendlichen KollegInnen, die mit dem Moped durch die Strassen knattern.

Der Job ist gefährlich. Immer wieder werden Pizzaboten an dunkle Orte bestellt und überfallen. Die Jungs ihrerseits spielen mit der Gefahr, indem sie sehr sportlich die Einbahnstrassen – und in Flores gibt es nur Einbahnstrassen – in der falschen Richtung durchfahren. Einmal veranstalten sie sogar ein Wettrennen auf den nächtlichen Bürgersteigen, die beiden Alten schauen ängstlich und neugierig zu. Ihnen selbst passiert nie etwas.

César Aira erzählt zunächst, wie man es von ihm gewohnt ist: etwas distanziert im Ton, mit phantastischen Elementen und mit viel Humor, der nur manchmal auf Kosten seiner Figuren geht. Etwa wenn die Alten dem Schabernack der Jungen nacheifern, ein paar Nonnen erschrecken und zu diesem Zweck ein Chaos aus lauter verborgten Sturzhelmen auslösen. Es gibt auch eine Mord- und eine Liebesgeschichte. Und dann plötzlich – etwa auf Seite 100 – kippt alles.

Ins Blickfeld gerät der Staatsanwalt, der den Mordfall untersucht. Sein eigener Sohn steht in merkwürdig zufälliger Beziehung zur Tat. Beim Staatsanwalt wiederum ist ein bolivianischer Schriftsteller zu Besuch, der gar keiner ist. Es stellt sich heraus, dass die alte Rosa blind ist, dass sie männlich ist und als Frau verkleidet gemeinsam mit Aldo im Dienste des organisierten Verbrechens steht – doch das sind der Enthüllungen noch nicht genug. Diesen «Alptraum ohne mildernde Umstände» durchschauen am Ende weder die Personen im Buch noch die LeserInnen. Jede bisherige Gewissheit wird zur blossen Behauptung, die durch eine andere Behauptung annulliert wird. Folgerichtig hört das Buch abstrus im Irgendwo auf und lässt einen verwirrt und frustriert, schliesslich aber fasziniert zurück. Denn was man gerade lesend miterlebt hat, ist die Krise selbst, und zwar als die Zerstörung einer nachvollziehbaren Geschichte. Man sieht sich am Ende aus dem Text herausgeworfen und in aller Unheimeligkeit mit sich selbst konfrontiert. Das ist radikal und gerade deswegen so eindrücklich, weil es nirgendwo angekündigt ist, weder auf dem hübschen Buchcover, noch mit einem Motto, noch im Ton (dem Übersetzer Klaus Laabs gelingt es vorzüglich, den Wohlklang des ersten Teils in die Kakofonie des zweiten hinübergleiten zu lassen). Die Krise ist irgendwann einfach da, unerbittlich und zerstörerisch.

Leben, streiten, hoffen

Der Band «Aus der Fabrik auf die Strasse», herausgegeben von Adeline Rosenstein, Ronny Trocker und Hugo Velarde, lässt Menschen zu Wort kommen, die ganz real ums Überleben kämpfen, die «piqueteros». Diese organisierten Arbeitslosengruppen wurden während der Krise als Kern des Widerstands angesehen. Sie blockierten Strassen, besetzten Banken und versuchten sich – zum Teil erfolgreich – Unterstützungszahlungen vom Staat zu ertrotzen. Allerdings heisst «Krise» für sie etwas anderes. Arbeitslos wurden sie oft schon Mitte der neunziger Jahre. Aber erst als auch die hauptstädtische Mittelschicht begann, zu den Verlierern zu zählen und sich mit den «piqueteros» zusammenschloss, nahm man sie wirklich wahr. Kaum war die Krise vorüber, kaum wurden die Bankkonten wieder freigegeben, hatte sich auch dieses Bündnis erledigt. Schlimmer noch: Unter Präsident Néstor Kirchner übernahm die Regierung zwar die politische Rhetorik der Arbeitslosen und kam ihnen ein paar kleine Schritte entgegen, verbot aber gleichzeitig die Blockaden und grenzte die Gruppen als Kriminelle weiter aus.

Wenn in den Interviews die Demonstrationsregeln, das Verteilen von Lebensmitteln und Geld, die Textilwerkstatt oder die Organisationsstruktur der «piqueteros» erläutert werden, ergibt sich trotz der miserablen Lebenslage nicht, wie bei Aira, der Eindruck von Zusammenbruch und Auflösung, sondern vor allem von grosser Ausdauer. Bei einigen Älteren reicht diese Ausdauer über Jahrzehnte, etwa wenn sie ihre Wurzeln bei den Guerillas der siebziger Jahre sehen. Andere kommen neu dazu, weil sie hier Unterstützung und Essen erhalten und eine Perspektive bekommen. Revolutionsrhetorik und das Pathos des Grossen und Ganzen sind genauso zu hören wie die Kritik an hohlen Phrasen, und es gibt viel Stolz auf kleine und grosse Erfolge.

Diese Menschen sind selbstbewusst und voller Schmerz, sensibel und zugleich handlungsfähig. Sie leben, streiten, hoffen. Die Krise, so scheint es, ist gar nicht so wichtig.

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