Nr. 24/2007 vom 14.06.2007

Invasion der Ausserirdischen

Sechs Jahre nach dem Wirtschaftscrash stehen in der argentinischen Hauptstadt die Zeichen auf Boom und Normalisierung. Abgekoppelt von dieser metropolitanen Blüte sind die Villas Miseria, die Armensiedlungen im Innenstadtgebiet. Mit neuen Strategien kultureller Selbstbehauptung treten einige von ihnen nun an die Öffentlichkeit.

Von Anne Huffschmid, Buenos Aires

Wellblech, so weit das Auge reicht. Kabel und Wäscheleinen durchkreuzen den dunstigen Mittagshimmel, die Luft ist schwer. Umgestürzte Einkaufswagen, alte Stühle, Rohre und Stapel von Backsteinen sind über der rostenden Dächerlandschaft verteilt. Unten schlängeln sich schlammige Gassen durch das Häuserdickicht, ein paar Kinder stehen in Hauseingängen und schauen ungerührt dem Treiben auf dem Dach zu. Julio Arrieta weiss um die Blicke der BesucherInnen, und er weiss sie zu lenken. «Hier kriegst du die Mülldeponie mit drauf», sagt er und zeigt in Richtung eines grünen Hügels am Horizont. Und da hinten, auf der anderen Seite, sei das alte Gefängnis. Er stellt sich in Pose, die Hände in die Hüften gestemmt, das knallrote T-Shirt («Hundert Prozent Stier») spannt über dem kugelrunden Bauch. Nein, das brüchige Blech halte allerhand aus. Mit zwanzig Filmleuten habe man hier oben schon gestanden.

Arrieta weiss auch um das Staunen. Ein Filmteam hier, in den Eingeweiden der Stadt, in den No-go-Areas der selbstvergessenen Metropole, die ihren Kollaps vor wenigen Jahren längst verdrängt zu haben scheint? Oh ja, und keine schnelle Sozialreportage, sondern richtiges Kino. Einen Science-Fiction-Thriller haben sie hier gedreht, nach einer fixen Idee von Arrieta und dank der Obsession eines blutjungen spanischen Regisseurs, Sebastian Antico. «Wo steht geschrieben, dass die Ausserirdischen nicht auch in der Villa landen können?», sagt der Mittfünfziger, den grauen Haarschopf zum Zopf gebunden. Es ist kein Scherz, eher ein Credo.

Mit seiner Frau Maria Esther wohnt Arrieta seit einem Vierteljahrhundert hier, zwölf Kinder sind in der Armeninsel mitten im Viertel Barracas zur Welt gekommen. Er hat Müll gesammelt, in der Fabrik gearbeitet und Mitte der Achtziger dann die Schauspielerei entdeckt. Doch einträglicher als die Theaterpassion sind Film und Fernsehen. Immer mehr Produzenten suchen «reale» Drehplätze, in über dreissig Produktionen haben Arrieta und seine NachbarInnen aus der Villa 21 schon mitgewirkt. Haben Licht und Catering, Schminke und Kostüme organisiert, Kabel getragen und für «die Sicherheit» beim Dreh in der wilden Villa gesorgt. Besonders stolz ist Arrieta auf sein Casting-Angebot, «tausend Gesichter» könne er bieten, gross und klein, dunkel und hell, was immer das Produzentenherz begehrt. Es sei doch praktischer, wenn gleich die Armen die Armen spielen, denen müsse man das Elend nicht erst anschminken. «Und wo findest du einen wie mich, mit langem Haar und Zahnlücke, der auch noch einen zusammenhängenden Satz sagen kann?»

Ein Disneyland der Mittelschicht

Arrieta? Ja, natürlich kenne er den, sagt Martin Roisi, der sei ja gewissermassen die «Konkurrenz». Der freundliche Mann lebt selbst nicht in der Villa, auch wenn er sich dort «wie zu Hause» fühlt. Auf die Villa 20 im Stadtteil Lugano, ein paar Kilometer westlich von Barracas, war der Musiker und Fernsehmacher 2003 gestossen, als er für die TV-Show einer bekannten Talkmeisterin eine Location suchte. Die Diva erwärmte sich für das Setting, man machte ein Casting, aus dem Casting wurde ein Film – und Roisi fing Feuer. 2005 hob er das Projekt «Odisea» aus der Taufe, das die Villa in ein riesiges Freiluft-Kulturlabor mit Galerie, Club, Label und eigenem Verlag verwandeln soll. Zudem gibt es eine professionell gestaltete Website (www.odisea20.com) und jede Menge schillernde Pläne, etwa einen eigenen Fernsehkanal.

«Die Probleme der Villa interessieren mich nicht», sagt der 33-Jährige mit unbewegtem Gesicht, er wolle lieber fröhliche Dinge zeigen. Roisi scheint bei solchen Sätzen sein Gegenüber prüfend anzusehen. Ob es zusammenzuckt, die Stirn runzelt. Und er legt noch einen drauf: Die Villa sei doch «eine Art Disneyland», geradezu jungfräuliches Terrain für die Porteños, die kulturbeflissenen Mittelschichten von Buenos Aires. In die Schlagzeilen der Feuilletons war Roisi durch seine Villa-Touren gekommen. Zwei Stunden durch die engen Gassen, hier mal hinter eine schmutzige Gardine gucken, dort eine Wurst vom Freiluftgrill, für satte sechzig Euro. Empörung machte sich breit, vom Zooeffekt war die Rede. «Aber da kommen doch keine normale Touristen», verteidigt sich Roisi, noch bevor man überhaupt richtig zum Nachfragen kam. «Das sind immer Leute wie ihr – Künstler, Wissenschaftler, Journalisten.» Was Roisi zeigen möchte: Dass die Villa alles andere ist als ein dahinvegetierender Minimoloch. Weil es hier Unternehmergeist gebe, vor allem bei den MigrantInnen, die mit einer «ganz anderen Arbeitsmentalität» nach Buenos Aires strömten. Vor allem aber wegen der «unglaublichen Kreativität», die Villa sei ein Ort «voller Künstler, die gar nicht wissen, dass sie welche sind».

Da ist die zwölfjährige Cinthia, so was wie der Star des Projekts. Durch «Odisea» hatte sie vor einiger Zeit eine Kamera in die Hand bekommen. Seitdem streift das Mädchen durch die Gassen und filmt, was ihr vor die Linse kommt. In einer TV-Reportage heftet sich ein staunender Reporter an ihre Fersen, eine Frauenstimme aus dem Off lobt die «Kunst, etwas zu erschaffen in ihrer schwierigen Welt». Roisi hat ihr inzwischen ein Stipendium für eine Kinderfilmschule besorgt. Und zwei US-Filmerinnen, die Cinthia auf eine der Touren kennengelernt hatten, haben einen Dokumentarfilm über sie gedreht.

Silvana, eine hübsche Frau mit knopfdunklen Augen und schwarzem Spaghettitop, ist eine von Roisis Villa-Führerinnen und begleitet auch diesen Dreh. Der Zooeffekt? Silvana zuckt mit den Schultern. Die Aussenkontakte brächten wenigstens ein bisschen Geld. Sonst würden die Leute ja womöglich nur gucken kommen. «So gucken sie und helfen gleichzeitig, das, was sie sehen, zu verändern.»

Hier zahlt niemand an den Staat

Nach Lugano kommt man mit der U-Bahn-Linie E, einer der ältesten des U-Bahn-Netzes, das das Stadtgebiet sternförmig durchzieht. Die Fahrt geht bis zur Endstation, aus den offenen – aber rätselhafterweise vergitterten – Fenstern quillt ohrenbetäubendes Rumpeln und Rattern ins Waggoninnere. Dort geht es weiter mit einem kleinen Tram, vorbei an Fussballfeldern, Müllbrachen, graugrünen Wohnsilos, ein gigantischer Supermarkt zieht vorbei. Aussteigen mitten im Grünen, ein kleiner Fussmarsch der Stadtautobahn entlang, an ein paar Maisstauden vorbei, eine metallene Treppe führt hinunter zu der roh zusammengezimmerten Siedlung der Villa 21, direkt neben einem Autofriedhof.

Silvana und ihr Mann Julio führen hinein in die engen, verwinkelten Gassen, die Backsteinwände sind wie aneinandergewachsen, dazwischen grauer Zement, Plastikplanen, Kabelwirrwarr. Keine Strassenschilder – wer hier wohnt, hat keine Adresse. Doch mit einem Mal öffnet sich der Blick und fällt auf eine breite, leicht ansteigende Strasse im Innern der Villa. Ein paar Autos kommen einem entgegen, zwei klapprige Fahrräder, ein Motorroller. Ein Pferd, das einen Müllwagen zieht. Allerlei vergitterte kleine Läden säumen den Strassenrand, verkauft werden Obst und Gemüse, Kleider oder Spielzeuge. Es gibt Pizzerien, Internetcafés und Friseure, es riecht nach geröstetem Fleisch. Eine Frau fegt vor einem Häuschen mit der Aufschrift «Rechtsberatung». «Das ist unser Boulevard», sagt Silvana, «hier gibt es alles.» Und alles gibt es billiger: Auch in dieser Hinsicht ist die Villa Niemandsland, keineR zahlt hier an den Staat, weder Steuern auf Einkommen oder Waren noch Gebühren für Gas, Strom oder Wasser.

Die meisten Bauten wachsen immer weiter in die Höhe. Fast alle haben längst zwei, manche sogar schon drei oder vier Stockwerke. Es sind waghalsige Konstruktionen, die Aufbauten scheinen auf dem Untergeschoss zu balancieren, Balkone wie mit Draht festgezurrt. Viele davon, so wird erklärt, sind Mietshäuser, die geschäftstüchtige Bolivianer und Peruaner neuerdings hochziehen und an Neuankömmlinge vermieten.

Sozialgelder, Beton, Schulhefte

Vor einem unscheinbaren Häuschen ist ein buntes Schild angebracht: «Productora artistica Los Planetas», ein Zweig des «Odisea»-Projekts. Herausgebracht hat der Verlag bislang nur zwei Büchlein mit dem Titel «Zwillinge», handgeschriebene Tagebuchfragmente von Silvana und ihrer vor fast zehn Jahren an Aids verstorbenen Zwillingsschwester. Miniaturen aus einer finsteren Zeit, das Sterben der Schwester, die eigene Verlorenheit, als sie vier Kinder grossziehen musste und selbst voller Trauer war. Nur das Schreiben, sagt sie, habe ihr damals geholfen.

Seit ein paar Jahren arbeitet Silvana zudem für die Villa-Verwaltung. Man kennt sie, alle naselang wird sie angesprochen auf der Strasse. Von einem jungen Mädchen, das gerne einen der begehrten Jobs in der Verwaltung hätte – ein Jahr lang fünfzig Euro im Monat –, dafür aber einen Nachweis beibringen muss, dass sie clean ist. Oder von einer ältere Frau, die Baumaterialien beantragen will. «Wir sind ein richtiges kleines Land», meint Julio und zeigt auf eine Halle mit Wellblechdach. In der einstigen Sporthalle residiert der Presidente, der ehemalige Boxer Marcelo Chancalay, und verteilt, was die Villa von der Stadt bekommt: Sozialgelder, Beton oder Schulhefte. Der bullige Mann in Jeans mit blütenweissem T-Shirt und Goldkettchen spricht in sein Walkie-Talkie, wird unaufhörlich von BittstellerInnen umringt und schafft es dennoch, sich der Besucherin zu widmen.

Seine Mission ist die «Urbanisierung», die Umwandlung von der Villa zum Barrio, zum normalen Stadtviertel, aus Gassen sollen Strassen, aus Hütten Häuser werden. Dass nicht alle asphaltierte Strassen und luftigere Wohnstätten wollen, wenn sie dafür eine Steuernummer verpasst kriegen, stört ihn nicht. Das sind wir dieser «schönen Stadt» schuldig, sagt Chancalay und grinst breit. «Odisea» findet er prima. Früher habe sich das kulturelle Leben der Villa auf Fussball und Boxen beschränkt, heute gibt es Jugendliche, die Violine spielen und Theaterkurse machen. Auch gegen die Besichtigungstouren hat er nichts einzuwenden. Je mehr Kontakt, desto weniger Stigma oder Tabu. «Ich fühle mich eher zum Tier gestempelt, wenn ich von allem abgeschnitten bin.»

Silvana und Julio wohnen seit kurzem am Rande der Siedlung in einer der frisch verputzten Sozialwohnungen. Auf die hat Anspruch, wer von den Baggern vertrieben wurde oder wie Julio nachweisen kann, dass er zu krank zum Selberbauen ist. Die eigenen Kinder werden auf ferner gelegene Schulen geschickt. «Ich will, dass sie auch noch eine andere Welt kennenlernen», sagt Silvana.

«Wir sind nicht alternativ»

Paola Huallpa wohnt noch mittendrin, in der Villa Bajo Flores, die grösste im Stadtgebiet von Buenos Aires. Sie war ein Kleinkind, als ihre bolivianischen Eltern 1990 hier die erste Hütte, damals noch aus Holz und Pappe, bauten, «da war noch alles Wüste». Man lebte bei Kerzenlicht, vor der Haustür baute man Gemüse an. Später wich die Hütte dann dem flachen Zementhäuschen mit der glatten grauen Wand, vor der Paola heute steht, in einer engen Gasse, nur wenige Schritte sind es zum Nachbarn gegenüber. Auch hier bahnt sich die «Urbanisierung» mit ihren Betonmischern und Bauarbeitern einen Weg durch das Dickicht. An der Aussennaht der Villa taucht die Nachmittagssonne den Backstein in goldenes Licht. Eine Familie spaziert mit Kinderwagen die schnurgrade Avenida hinunter.

Weiter unten an einer Kreuzung, wo die Buslinie des Colectivo 23 endet, steht ein zweistöckiges Backsteinhaus mit einer riesigen Satellitenschüssel auf dem Dach. «Radio Comunitaria» ist in roten Lettern auf die Fassade gepinselt. «Hier beginnt die Villa», meint der Taxista sorgenvoll und ist froh, dass er nicht weiterfahren soll. Dieses Eckhäuschen, der Sitz des Gemeinderadios FM Bajo Flores, ist so etwas wie die zweite Heimat von Paola Huallpa. Zum Radio kam sie als schüchterner Teenager, verführt durch das Musikprogramm «Romantische Nächte». Anfangs habe sie kaum die Zähne auseinanderbekommen, erinnert sie lächelnd. Es ist ein seltenes, verhaltenes Lächeln. Und dann habe es irgendwann Klick gemacht. «Ihr seid die Zukunft des Radios», habe der Gründervater Eduardo Nájera zu ihr gesagt. «Der ist ja verrückt», habe sie bei sich gedacht. Damals war Paola gerade sechzehn Jahre alt. Seit ein paar Jahren gehört sie zum inneren Kreis des Leitungsteams.

In der Stadtkarte ist dort, wo Bajo Flores liegt, nur ein grünes Dreieck markiert, nicht mal eine Freifläche. «Für manche sind wir wohl eine besonders seltsame Gemüsesorte», grinst Nájera. Er kennt die Gegend seit fast zwanzig Jahren, als seine peronistische Jugendgruppe hier eine Volksküche für die Villa-BewohnerInnen aufbaute. Aus der Küche erwuchs das Bedürfnis nach Kommunikation, aus Lautsprechern und Wandzeitungen wurde ein Radiosender. Zum ersten Mal ging FM Bajo Flores im Sommer 1996 auf Sendung (www.fmbajoflores.org.ar).

Das Radio ist längst eine Institution in Bajo Flores. Es gibt ein Aufnahme- und ein Sendestudio, an die zwanzig junge Leute bestreiten das Radioprogramm, das heute viele Häuserblocks weit zu hören ist. Daneben gibt es Workshops, Kampagnen und Sozialarbeit, es geht um Alltag und um die grosse Politik. Die Madres der Plaza de Mayo haben eine Sendung, man macht Aufklärung für Kondome oder gegen die Pasta, den billigen Kokainabfall, den die Armen rauchen, der den Appetit verbrennt und die Kinder bis auf die Knochen abmagern lässt. Nájera legt Wert auf die Feststellung, dass man kein Alternativprojekt, sondern ein «Volksradio» sei. Alternativ, so glaubt der bärtige Mann, sei «ja meist elitär, mit wenig Bezug zur Wirklichkeit». Mit dem Staat hat man derzeit weniger Berührungsängste. Das Radio gehört zu jenen selbstverwalteten Projekten, die auf einer Wellenlänge mit der linksperonistischen Kirchner-Regierung sind. Was man von der an Zuschüssen bekommt, reicht gerade für den Betrieb, längst nicht für das, was man noch so vorhat: eine Bibliothek mit Büchern und Räumen zum Lesen, ein Internetcafé, ein Netz von «Villa-Korrespondenten».

Paola Huallpa ist eine der wenigen, die hier täglich ein- und ausgehen. Seit kurzem jobbt sie im Sozialamt der Stadtregierung, seit zwei Jahren studiert sie Publizistik. Doch das Leben da draussen ist eigenartig. An der Uni falle es ihr «schwer, mit den Leuten zu reden». Zwar ist die sozialwissenschaftliche Fakultät traditionell eher linkes Terrain. Doch es gibt so gut wie keine «Unterschichtsleute wie mich». Wie sie es sagt, klingt es selbstbewusst. Und doch verwundert.

Unüberbrückbare Kluft

Für die Aussenwelt gerät Bajo Flores immer mal wieder als Drogenquartier in die Schlagzeilen. Kurz vor dem ersten Besuch steht eine grossformatige Reportage in der Zeitung. Anlass war ein Massaker, fünf Tote an einer grossen Fiesta zu Ehren eines peruanischen Heiligen, darunter ein Baby. Es soll konkurrierende Banden geben, «capos», die sich als Schutzmacht gebärden, und BewohnerInnen, für die Drogenbosse «das notwendige Übel» sind. Doch die Radioleute reagieren allergisch auf das Thema Drogen. Das Bild von Bajo Flores als Miniaturkolumbien führe zur «Kriminalisierung der Armut», meint Nájera. Es sei immer dasselbe Klischee der Villa als «Wilder Westen», moniert auch seine Kollegin Mariela Pugliese.

Pugliese ist die einzige im Team, die von aussen kommt. Die studierte Historikerin war vor ein paar Jahren bei einer Recherche auf Nájeras Projekt gestossen, war gleich begeistert und ist geblieben. Endlich nicht mehr die rebellierenden Mittelschichtskinder, die akademisch herbeidiskutierte Revolution. Die Begeisterung hat allerdings ihre Grenzen: Sie hätte, so sagt sie, durchaus mit Mann und der kleinen Tochter in die Villa ziehen können. Doch sie tat es nicht, «33 Jahre Mittelschicht streift man nicht einfach ab». So pendelt sie wie Paola zwischen drinnen und draussen, nur umgekehrt. «Die Villeros werden in der Stadt als Invasoren gesehen», sagt Pugliese. Und zwar selbst bei den engagierten, wohlmeinenden, aufgeklärten Porteños. Wie neulich bei einer Veranstaltung der Madres im Stadtzentrum, als Leute aus der Villa bei den Büchertischen erscheinen. Als allererstes, erinnert sie bitter, seien «die Handtaschen versteckt» worden.

Diese Kluft ist nie zu kitten. Zwei junge Frauen sitzen bei Julio Arrieta auf dem abgeschabten Samtsofa. Sie wollen gerne in der Villa drehen, es geht um einen Film für die Uni, für ein internationales Festival. Er setzt sich die Brille auf die Nase, studiert kurz das mitgebrachte Papier, murmelt mehr zu sich selbst: «Ja ... ja, das lässt sich machen.» Den Hauptpart kann sein elfjähriger Enkel übernehmen. Ob es hier einen Sonnenuntergang gebe? Arrieta grinst. Aber klar doch, das lässt sich arrangieren. Nein, natürlich gibt es dafür kein Geld, sagt er, als die beiden zufrieden von dannen ziehen, das seien ja immer «ganz arme» Produktionen. «Aber hast du das schicke Auto der Mädels gesehen?»

Der Regisseur Federico León hat einen Film über Julio Arrieta gedreht, «Estrellas» (Sterne), ein Making-of jener wahnwitzigen Science-Fiction-Produktion vor ein paar Jahren. Keine Armutsreportage mit verwackelter Handkamera, sondern ein raffiniert in Szene gesetztes Spiel zwischen Fiktion und Wirklichkeit, zwischen denen drinnen und denen, die von draussen kommen. «Die Filmleute waren letztlich genauso Eindringlinge wie die Marsmenschen», sagt der ernste junge Mann im Gespräch. Was in diesem Fall auch heisst: genauso willkommen. Die Villa sei ja «pure Gegenwart», Arrieta aber will höher hinaus. León schenkte ihm einen grandiosen Abspann: Julio in schwarzem Sakko am Steuer eines dunklen Wagens, neben ihm Maria Esther mit rot geschminkten Lippen, man meint die Ohrringe klimpern zu hören. Beide schauen unbewegten Gesichts in die Kamera, minutenlang, die Fenster sind geöffnet, das Haar weht im Fahrtwind, Bonnie und Clyde auf Argentinisch. Die Wünsche im wirklichen Leben sind profaner. Schön wäre schon, wenn endlich mal ein Filmproduzent käme, der «vernünftig bezahlt», für Schauspiel, Security und Wellblech-Setting.

Aus Bolivien, Peru, Paraguay

Keine der offiziell registrierten 31 Villas Miseria im Stadtgebiet von Buenos Aires ist auf den landläufigen Stadtkarten eingezeichnet. Dabei leben in ihnen weit über Hunderttausend der mehr als drei Millionen HauptstadtbewohnerInnen. Die Villas sind durchnummeriert und jeweils einzelnen «regulären» Stadtvierteln zugeordnet. Die drei grössten sind die Villa 20 in Lugano mit knapp 30 000 Menschen, die Villa 21 in Barracas mit rund 20000 und Bajo Flores mit über 60000 BewohnerInnen.

Als «Unbehagen der Moderne» bezeichnet die Schriftstellerin Zenda Liendivist diese innerstädtischen Armutsenklaven, die als Abfallprodukte einer rasanten Verstädterung entstanden sind. Die ersten illegalen Besiedlungen von städtischen Brachen erfolgten in den dreissiger Jahren des letzten Jahrhunderts. Im Zuge der Industrialisierung in den vierziger und fünfziger Jahren kam die Stadt immer weniger hinterher, gegenüber den Arbeitsuchenden aus dem Landesinnern ihre Versprechen auf Job und Wohnraum einzulösen. Unter der letzten Militärdiktatur wurde unter dem Gebot der «Säuberung» eine brachiale Abrissstrategie (1976-1983) betrieben. Nach dem Ende der Diktatur begannen MigrantInnen, sich wieder in den Villas einzurichten. Diesmal kamen sie vorwiegend aus den Nachbarstaaten: Die Dollarbindung des argentinischen Peso in den neunziger Jahren machte das Jobben für Menschen aus Bolivien, Peru und Paraguay lukrativ.

Die Losung der städtischen Verwaltung, seit vielen Jahren in der Hand aufgeklärter Linksperonisten, heisst heute nicht Eliminierung, sondern «Urbanisierung». Waren die Villas einst als Provisorium gedacht, fern aller urbanen Planung und Architektur, so sind sie heute dauerhaft in der Stadtlandschaft verankert. Es gibt längst eine Zweiklassengesellschaft zwischen MieterInnen und BesitzerInnen, wie die Stadtanthropologin Maria Cristina Cravino schreibt, und auch einen staatlich tolerierten «informellen Immobilienmarkt». Der Kontakt zur Stadtverwaltung läuft über die Presidentes, die Sozialhilfe und Lebensmittelpakete oftmals in klassisch klientelistischer Manier verteilen.

Die Villas bleiben ein Störfaktor im neuen Mythos von der «Normalisierung», der Wiederauferstehung der Metropole nach dem Crash im Dezember 2001. Für kurze Zeit verschmolzen die abgestürzten Mittelschichten mit den ohnehin schon Ausgegrenzten, den Piqueteros und Cartoneros, den Arbeitslosen und MüllsammlerInnen. Die sozialen Grenzen schienen sich zu verflüssigen, es gab einen kurzen Sommer des Zusammenrückens, die urbane Öffentlichkeit war gezwungen, sich mit ihren Abgründen zu beschäftigen.

Heute boomen Wirtschaft, Exporte und auch der Tourismus, attraktiver geworden durch den Verfall des Peso. Häuser schiessen in den Himmel, der Unternehmergeist blüht, es heisst, die Stadt habe wieder zu sich zurückgefunden – und damit auch zur Gewöhnung an die Armut. Also etwa an diejenigen, die nachts in der Innenstadt die Mülltüten von den Bürgersteigen sammeln, Zehntausende von Cartoneros, die wieder zu Gespenstern des Urbanen werden: Sie sind noch da, doch man sieht sie nicht mehr. Für eine kurze Zeit, so berichtet ein befreundeter Designer, hätten damals alle den Müll säuberlich vorsortiert und in ordentlichen Tüten vor die Tür gestellt. «Heute macht das keiner mehr.»

Nun zeichnet sich in Buenos Aires eine politische Wende ab. Die erste Runde zur Bürgermeisterwahl am 4. Juni 2007 hat der konservative Unternehmer Mauricio Macri mit 45 Prozent der Stimmen überraschend deutlich für sich entschieden. Am 24. Juni wird er in einer Stichwahl gegen den bisherigen Bildungsminister Daniel Filmus, einen engen Kirchner-Vertrauten, antreten.

Anne Huffschmid ist Buchautorin und freie Journalistin. Zuletzt erschien von ihr «Stadt als Labor».

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