Klimagerechtigkeit : Mit dem Velo und dem Süden

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Entsteht in der Schweiz eine Bewegung? In Genf vielleicht.


«Natürlich ist es wichtig, Solarzellen und den Veloverkehr zu fördern», sagt Suzanne Lerch. «Aber es genügt nicht.» Darum engagiert sich die Genferin bei Climat Justice Sociale, einer Dachorganisation verschiedener Genfer Gruppen und linker Parteien, die seit einem Jahr besteht. «Wir wollen lokal klimafreundliche Lösungen vorantreiben, zum Beispiel in den Bereichen Energie und Verkehr. Gleichzeitig verknüpfen wir die Themen Klima und soziale Gerechtigkeit und informieren über unsere Klimaschuld gegenüber dem Süden.»

Im letzten Jahr war die Klimagerechtigkeit das wichtigste Thema der Organisation: Climat Justice Sociale lud AktivistInnen aus Lateinamerika an Veranstaltungen ein, war bei den Protesttagen gegen die Konferenz der Welthandelsorganisation dabei und organisierte die Klimakarawane von Genf nach Kopenhagen mit (siehe WOZ Nr. 49/09). Auch die Klimaallianz mit ihrer riesigen Schweizer Fahne machte Halt in Genf. «Aber diese Kampagne hat uns ziemlich enttäuscht», sagt Suzanne Lerch. «Inhaltlich war sie sehr dünn. Nord-Süd-Themen kamen kaum vor.»

Ein grosser Teil der Schweizer UmweltschützerInnen scheint nach Kopenhagen gelähmt zu sein. Nicht so in Genf. «Wir arbeiten zum Beispiel mit dem South Centre zusammen, in dem viele Länder des Südens vertreten sind und das seinen Sitz in Genf hat. Oder mit Alliance Sud. Oder mit der lokalen Klimaschutzorganisation Noé 21» – dort engagiert sich etwa der Ingenieur und Anti-Atom-Veteran Chaim Nissim. «Auch Contratom und die Gruppe für Décroissance beschäftigen sich mit dem Klima, und an der Universität gibt es kompetente Leute und gut besuchte Veranstaltungen zum Thema.»

Dieses Jahr will sich Climat Justice Sociale stärker ums Lokale kümmern. Suzanne Lerch sagt: «Der Kanton unterstützt zwar erneuerbare Energien und achtet bei öffentlichen Gebäuden auf Energieeffizienz, aber gleichzeitig baut er den Flughafen aus. Der öffentliche Verkehr wird gefördert, aber der Autoverkehr auch. Wir müssen aus dieser Schizophrenie herauskommen.»

Auch der langjährige Aktivist Olivier de Marcellus engagiert sich bei Climat Justice Sociale. Sein Bericht aus Kopenhagen ist geradezu euphorisch. «Hunderte von akkreditierten NGOs und die Regierungsdelegationen von Bolivien, Venezuela und Tuvalu haben den Klimagipfel verlassen und sich unserem Treffen angeschlossen, um über richtige Lösungen zu diskutieren», schreibt er auf der Genfer Website. «Seit die Zapatistas in den neunziger Jahren die Antiglobalisierungsbewegung ins Rollen brachten, gab es keine so breite Allianz für einen Systemwechsel mehr.»

Wenn in der Schweiz eine Klimabewegung entstehen sollte, dann am ehesten in Genf – gerade weil das Engagement der verschiedenen Gruppen über das Thema Klima hinausgeht.

www.climatjusticesociale.org