Nr. 07/2010 vom 18.02.2010

Im Jahr des Tigers

Das Wachstum der letzten Jahre weckt die Hoffnung, dass China die Weltwirtschaft als Lokomotive aus der Krise zieht. Doch wie stabil ist diese Entwicklung? Folgt bald der grosse Crash?

Von Michael R. Krätke

Ende Februar beginnt mit dem chinesischen Neujahrsfest das neue Jahr, das Jahr des Tigers. Heuer wird die Volksrepublik China Deutschland vom Thron des Exportweltmeisters stossen und Japan als zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt ablösen. Im Jahr des Tigers wird China, das vor vierzig Jahren noch ein armes Bauernland war, die zweite Wissenschaftsnation der Welt nach den USA sein. So weit die globale Statistik.

Alle Welt hofft auf China. Das chinesische Wirtschaftswachstum soll die Weltwirtschaft aus der Talsohle ziehen. Tatsächlich scheint 2009, das zweite Jahr der Krise, für die Volksrepublik fast ein Boomjahr gewesen zu sein: Um 8,7 Prozent ist das Bruttoinlandsprodukt offiziell gewachsen, während die Weltwirtschaft stockte.

Das ist allerdings deutlich weniger als die 9,6 Prozent Wachstum des Vorjahrs. In Peking werden 8 Prozent Wachstum pro Jahr als Minimum betrachtet, um das Riesenreich einigermassen in der Balance halten zu können. Trotz eines spektakulären Einbruchs der Exporte um 16 Prozent und eines Absackens der Importe um 11,2 Prozent hat China seinen Anteil am Welthandel rasant weiter erhöht – auf mittlerweile 10 Prozent (vor zehn Jahren waren es noch 3 Prozent). Fast 20 Prozent des US-amerikanischen Markts für Importgüter gehören inzwischen den ChinesInnen, fast die Hälfte des US-amerikanischen Aussenhandelsdefizits entfällt auf den Chinahandel. Und seit einigen Monaten steigen die chinesischen Importe wieder – die Wirkung zeigt sich sofort in Japan und in den USA.

In grossem Stil investiert

In Asien, im pazifischen Raum ist China im Moment tatsächlich die Konjunkturlokomotive. Das liegt nicht in erster Linie an der künstlich unterbewerteten Währung, sondern vielmehr daran, dass China das weltweit grösste Konjunkturprogramm mobilisiert hat: rund 500 Milliarden Euro von der Zentralregierung, dazu 1,3 Billionen Euro von den Regionalregierungen plus weitere Hunderte Milliarden Investitionen von den grossen Staatsunternehmen. Die chinesischen Banken haben das Volumen ihrer Kredite seit Ende 2008 mehr als verdoppelt. Anders als die US-amerikanische, anders als die europäischen Regierungen brauchten die Chinesen die rasch mobilisierten Gelder nicht in marode Banken und andere bankrotte Finanzinstitute zu pumpen. China konnte in grossem Stil investieren – und das mit Erfolg: Mehr als zwei Drittel des gegenwärtigen Wachstums in China sind diesen überwiegend öffentlichen, nicht privaten Investitionen zu verdanken.

Bemerkenswert ist vor allem, wo, was und wie investiert wurde. Die chinesische Investitionspolitik in der Krise zeigt, dass sich die MachthaberInnen der Schwächen und strukturellen Probleme ihres erstaunlichen Wachstumsmodells bewusst sind. China nutzt die Weltwirtschaftskrise als Chance, um die ökonomischen Strukturprobleme des Landes anzupacken. So geheimnisvoll, wie es manchen scheint, ist das chinesische Wirtschaftswunder nicht. China, der Nachzügler unter den asiatischen Tigerstaaten, ist der mit Abstand erfolgreichste «Entwicklungsstaat» aller Zeiten, hat mit Geschick und enormem Geldeinsatz das Beispiel nachgeahmt, das Japan und später die übrigen asiatischen «new industrializing countries» gegeben haben.

Im Vergleich zu diesen Staaten ist Chinas industrielle Entwicklung jedoch stärker auf eine boomende Exportindustrie und auf wenige, urbane Grossregionen in den Küstenprovinzen ausgerichtet. Hinzu kommen die rapide wachsenden Ungleichheiten: Zwischen Stadt und Land, zwischen den südlichen und östlichen Küstenprovinzen und dem riesigen Rest des Landes tun sich gewaltige Unterschiede auf.

China hat keine einheitliche Wirtschaft, sondern eine fragile Kombination verschiedener Ökonomien, die eher schlecht als recht von einem Zentralstaat zusammengehalten werden, der alles andere als allmächtig und allgegenwärtig ist. Bauernfamilien machen immer noch über die Hälfte der chinesischen Gesamtbevölkerung aus. Sie leben in einer relativ stagnierenden Landwirtschaft, in der die Hightechökonomie der Riesenstädte Schanghai, Guangzhou, Nanjing, Beijing noch lange nicht angekommen ist. Mehr als elf Prozent der Bevölkerung, über 150 Millionen Menschen, leben nach wie vor in Armut – China ist immer noch ein Entwicklungsland.

China setzt auf die Bahn

Langfristig muss sich China aus seiner Abhängigkeit von den USA lösen – und es verfolgt dabei eine Doppelstrategie: Die PlanerInnen wissen, dass sie die Rolle Chinas als regionale Vormacht in Asien stärken und sich zugleich neue Absatzmärkte und Bezugsquellen für Rohstoffe und Hightechprodukte weltweit sichern müssen. Sie wissen, dass sie auf Dauer nicht mit billigen Massengütern allein bestehen können. Deshalb betreiben sie seit langem den Umstieg auf hochwertige Hightechprodukte, mit denen sie mittlerweile auf vielen Weltmärkten präsent sind. Die ChinesInnen wissen, dass sie den Binnenmarkt über einige Grossstädte und die von ihnen dominierten Regionen hinaus entwickeln und die landwirtschaftliche Basis des Landes gründlich modernisieren müssen.

Das Land nutzt die Krise, um den notwendigen Strukturwandel einzuleiten. Um seine Exportabhängigkeit zu verringern, muss ein hinreichend integrierter Binnenmarkt in dem Riesenreich erst einmal geschaffen werden. Dazu braucht es Infrastrukturen – und genau die werden jetzt in atemberaubendem Tempo ausgebaut: China setzt auf die Eisenbahn, es leistet sich das weltweit grösste Netz von Hochgeschwindigkeitszügen nach japanischem und französischem Vorbild. Zwischen Wuhan und Guangzhou verkehrt seit wenigen Wochen der erste chinesische Hochgeschwindigkeitszug, der bereits alle Geschwindigkeitsrekorde gebrochen hat. Laut Plan werden in den kommenden Jahren alle chinesischen Millionenstädte und Grossregionen mit derartigen Zügen verbunden.

Bisher gibt es nur in den vier Städten Beijing, Nanjing, Schanghai und Guanghzhou ein U-Bahn-Netz. Nun werden in allen grösseren Städten in allen Regionen (in China allemal Millionenstädte) U-Bahnen gebaut. China baut nicht nur sein Transport-, sondern auch sein Kommunikationsnetz aus – es hat bereits das mit Abstand grösste Kabelnetz in Asien und weit mehr Internetzugänge und -nutzerInnen als jedes andere asiatische Land.

Zu tiefe Löhne

Die urbane und industrielle Ökonomie in China hängt von Kohlekraftwerken ab. Die Kohleförderung steigt und die Zahl der Kohlekraftwerke ebenso. Aber gleichzeitig werden in einem erstaunlichen Tempo Wind- und Wasserkraftwerke auf- und ausgebaut. Dank kräftiger Förderung durch die Zentralregierung hat China soeben mit einer Gesamtleistung von über zwanzig Gigawatt den Rang drei unter den Erzeugern von Windenergie erklommen. Der Ausbau des Stromnetzes landesweit geht also mit einem planmässigen Umbau der Energiestruktur einher, die erneuerbaren Energien werden systematisch und kräftig gefördert.

Gigantische Investitionen in die öffentliche Infrastruktur treiben das chinesische Wirtschaftswachstum an. Natürlich lässt sich dies nicht beliebig oft wiederholen, der unmittelbare Effekt wird in einigen Jahren vorbei sein. Das macht sich bereits bemerkbar. Finanziert werden die Grossprojekte mithilfe billigen Geldes, das die chinesische Zentralbank in der Krise grosszügig verteilt. Jetzt bekommen allerdings viele Banken und InvestorInnen kalte Füsse, weil die Aussichten für die neuen Verkehrssysteme weniger rosig sind als gedacht: Die meisten ChinesInnen können sich Tickets für die neue U-Bahn oder für den Hochgeschwindigkeitszug schlicht nicht leisten.

Verkehr ist notwendig, aber nicht hinreichend für das Entstehen eines Massenmarkts im Inland. China hat seine wichtigste Ressource – billige Arbeitskräfte – rücksichtslos ausgenützt, auch auf Kosten seiner Landwirtschaft. Was zu Anfang ein grosser Vorteil war, die in Massen vorhandene beziehungsweise verfügbar gemachte billige Arbeitskraft der ChinesInnen, wird jetzt zum Hindernis der weiteren Entwicklung. Selbst in den Boomregionen, in den Hightech- und Wissenschaftszentren verdienen die chinesischen ArbeiterInnen und Angestellten wenig – und sie halten ihr Geld zusammen für Medizin und für die Rente. Weil Sozialleistungen abgebaut wurden oder gar nicht vorhanden sind, sparten und sparen die ChinesInnen wie verrückt. Die Sparquote in der Volksrepublik liegt bei zwanzig Prozent. Das Konsumentenkreditsystem wird erst aufgebaut – im grössten Automarkt der Welt ist es für NormalverdienerInnen nicht leicht, ein Auto zu kaufen. Für alle grösseren Anschaffungen muss eisern gespart werden. Einen florierenden Binnenmarkt wird die Volksrepublik nur bekommen, wenn erstens die Löhne langfristig erhöht, zweitens die hohe Sparquote durch deutlich erhöhte Sozialleistungen gesenkt und drittens die enormen Einkommensgefälle zwischen Stadt und Land und zwischen den Regionen deutlich vermindert werden.

China braucht weiterhin gigantische Investitionen, aber andere als bisher: Investitionen im Bildungs- und Gesundheitswesen, den Aufbau eines Sozialstaats, einen heimischen Massenkonsumsektor – nicht nur für die Schönen, Reichen und Mächtigen der Hauptstädte.

An den Finanzmärkten der Welt wird kräftig spekuliert – mit Pseudo- und Halbwissen, mit Gerüchten. Das jüngste Gerücht, eifrig gehandelt von interessierten FinanzanalystInnen, besagt, dass China im Jahre 2010 auf einen gigantischen Finanzcrash zusteuert. Das gesamte Wachstum sei nur eine vom Staat gefütterte spekulative Blase, getragen von Zahlenspielereien. Richtig ist, dass die chinesische Statistik viel zu wünschen übrig lässt. Richtig ist, dass die Aktienkurse und die Immobilienpreise in den Millionenstädten rasant steigen. Richtig ist auch, dass die chinesische Regierung die expansive Politik des billigen Geldes der letzten Monate deutlich zurückfährt. Natürlich kann es an der einen oder anderen chinesischen Börse zu einem Crash kommen. Nur wird der ein lokales Ereignis bleiben, das weder die chinesische Volkswirtschaft noch die Weltwirtschaft erschüttern kann. Anders als die US-AmerikanerInnen sind die ChinesInnen keine Gefahr für die Weltökonomie.

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