Nr. 08/2010 vom 25.02.2010

Die flauschigen Wolken

Von Martin Büsser

Im Vordergrund baden Menschen im Fluss, angeln, spielen Fussball oder liegen in der Sonne. Alles erscheint geradezu idyllisch, wären im Hintergrund nicht Kühltürme zu sehen, aus denen riesige Dunstwolken in den Himmel steigen. Aber stören sie die Idylle überhaupt? Die Menschen, so scheint es, haben sich mit der allgegenwärtigen Gefahr längst arrangiert, nehmen sie offenbar gar nicht mehr als solche wahr.

Schon der Titel von Jürgen Nefzgers Fotoserie wirkt harmlos, «Fluffy Clouds», «flauschige Wolken», heisst der Zyklus, für den der deutsche Fotograf die Umgebung von Atomkraftwerken in ganz Europa aufgenommen hat. Die Betonung liegt auf Umgebung, selten werden die Kraftwerke selbst in den Mittelpunkt gerückt. Auf manchen Bildern gestaltet sich das als Versteckspiel mit dem Betrachter, etwa wenn die Kühltürme fast völlig von den Baumkronen eines Waldstückes verdeckt werden oder sich kaum mehr vom dunstigen Himmel abheben. Doch meist hat Jürgen Nefzger bei schönem Wetter fotografiert, damit die Dunstwolken besonders imposant vom Blau des Himmels umrahmt werden.

Jürgen Nefzgers Fotografien stehen in der Tradition der romantischen Landschaftsmalerei, etwa der eines Caspar David Friedrich. An die Stelle der Ruinen von gotischen Kathedralen sind Kühltürme gerückt. Im Gegensatz zu den Bildern von Friedrich wirken die Menschen jedoch nicht mehr verloren innerhalb einer sie fast verschluckenden Landschaft. Das Morbide ist einer Kulturlandschaft gewichen, die den Eindruck erweckt, als habe der Mensch alles im Griff, sowohl die Natur wie auch die Technologie. Doch genau das ist trügerisch.

Nefzgers Referenzen an Caspar David Friedrich sind kein Zufall, weshalb es durchaus möglich ist, auch die Kühltürme als Ruinen zu lesen, als Relikte aus einer Zeit unbekümmerter Atombegeisterung. Wie die Ruinen bei Friedrich künden sie von einer vergangenen Epoche, die jedoch als Zeitbombe tickt und tickt. In diesem Punkt erhalten Nefzgers Fotos ihre politische Aktualität. Erst in diesem Jahr hat die deutsche CDU-Regierung – exemplarisch für andere europäische Länder – eine Laufzeitverlängerung sämtlicher Atomkraftwerke beschlossen. In der Schweiz hat das Atomkraftwerk Mühleberg Ende vergangenen Jahres eine unbefristete Betriebsbewilligung erhalten, obwohl es Risse im Kernmantel hat und nicht erdbebensicher ist (siehe WOZ Nr. 1/10). Zudem werden drei neue Atomkraftwerke geplant.

Für den französischen Kritiker Christophe Catsaros befassen sich Nefzgers Fotos «mit der Blindheit unserer Spezies und unserer Unfähigkeit, eine uns drohende Gefahr zu erkennen». Im Nachwort des Bildbandes «Fluffy Clouds» zieht Ulrich Pohlmann ein ähnliches Resümee: «Die Landschaften von Jürgen Nefzger bergen ein stets lauerndes Menetekel.» Das Covermotiv des Katalogs macht das besonders deutlich: Während im Hintergrund die obligatorischen Kühltürme zu sehen sind, zeigt der Vordergrund eine Reihe Einfamilienhäuser, Sitzbänke und eine Kinderschaukel im Schnee. Menschen sind hier keine zu sehen. Auf gespenstische Weise steht diese Menschenleere im Kontrast zu einer völlig vom Menschen besiedelten Welt, in der alles auf Familie, Kinder und Zukunft angelegt ist.

Nefzger liefert uns keine eindeutig kritische und anklagende Kunst. Anders als auf den Plakaten der Anti-AKW-Bewegung werden hier keine Totenschädel und verseuchten Flüsse in den Mittelpunkt gerückt. Die vermeintliche Neutralität macht seine Arbeiten so irritierend. Jeglicher kritische Gehalt bedarf einer interpretatorischen Leistung der Betrachtenden. Doch diese Zurückhaltung sorgt womöglich auch dafür, dass Nefzgers Aufnahmen nachhaltiger wirken als abschreckende Gasmaskenmotive, an die wir uns längst gewöhnt haben.

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