Nr. 07/2017 vom 16.02.2017

Der nüchterne und kompetente Prophet

Von Susan Boos

Ich hatte den Eindruck, Jürg Aerni sei immer schon da gewesen, immer unglaublich ruhig, unglaublich kompetent und mit leisem Schalk. Seit Jahrzehnten kämpfte er so beherzt wie klug dafür, dass Mühleberg, das alte Atomkraftwerk vor den Toren Berns, endlich abgeschaltet wird.

Schon als Student begann Aerni, sich für die Materie zu interessieren, und prägte die Berner Anti-AKW-Bewegung. Er war bei «Mühleberg unter der Lupe» (MuL) dabei, bei der «Aktion Mühleberg stilllegen» und später auch bei den Vereinen «Mühleberg-Ver-fahren» und «Fokus Anti-Atom». Aerni war Physiker, ein nüchterner Naturwissenschaftler, der es wirklich wissen wollte. «Probabilistische Sicherheitsanalysen» las er wie andere Krimis. 2009 publizierte MuL eine Studie, an der Aerni massgeblich beteiligt war und die die Katastrophe von Fukushima vorwegnahm. Was man wissen muss: Mühleberg ist der gleiche Anlagentyp wie die durchgeschmolzenen Reaktoren von Fukushima. Als das AKW Mühleberg 2009 trotz aller Kritik vom Bund eine unbefristete Betriebsbewilligung erhielt, sagte Aerni zur WOZ: «Gut möglich, dass bei einem heftigen Erdbeben die Kühlleitungen abreissen, der Kernmantel nicht dicht hält, die Brennstäbe freigelegt werden und es zur gefürchteten Kernschmelze kommt.» Rückwirkend klingt es wie eine unheilvolle Prophezeiung.

Vor Fukushima hielten die Medien Jürg Aerni und seinen Mitkämpfer Jürg Joss für ewige Rummäkler. Über Nacht änderte sich das, plötzlich verstand die breite Öffentlichkeit, wovon sie gesprochen hatten. Die Medien riefen ständig an. Das muss für Aerni eine grosse Belastung gewesen sein, war er doch lieber der kompetente Experte im Hintergrund. Er hat stets versucht, die Details präzise zu erklären, selbst mit dem Risiko, nicht zitiert zu werden, weil es den Medienleuten zu kompliziert war.

Vor gut drei Jahren beschloss die BKW, die Betreiberin von Mühleberg, den Meiler bis 2019 endlich stillzulegen. Aernis Freude war verhalten. Er ärgerte sich, dass die BKW mit einem unzulässigen Handel durchkam. Denn die Aufsichtsbehörde Ensi hatte bis 2017 Nachrüstungen verlangt. Die BKW drückt sich nun um die kostspieligen Nachrüstungen und darf das AKW trotzdem zwei Jahre länger betreiben. Das hätte das Ensi nie zulassen dürfen – aber niemand kann das Ensi dafür zur Rechenschaft ziehen.

Und nun ist Jürg Aerni nicht mehr da, um die Stilllegung und den Rückbau kritisch zu begleiten. Er ist am Montag dieser Woche einem Krebsleiden erlegen.

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