Nr. 09/2010 vom 04.03.2010

Ach, hier ist Toni Brunner!

Jubel und Tausende Plastiksonnenbrillen in Unterwasser: Auch die WOZ war am Empfang des Olympiahelden aus dem Toggenburg.

Von Daniel Ryser

Erst einmal verfahren. Weil gar nicht auf den Weg geachtet, sondern auf die Simi-Willkommensplakate, die hier überall sein sollten. Aber die sind nicht da. Drum falsch raus im Kreisel hinter Wattwil. Die freundliche Dame an der Tankstelle erklärt den Weg. Und weil draussen auf dem Land ein Auto ein Bedürfnis ist, warnt sie auch noch solidarisch vor dem Blitzkasten in der Sechzigerzone. Das ist wichtig: Drängt die Zeit, drückt der Schuh aufs Gaspedal.

Ulisbach: Immer noch keine Plakate. Da! Ballone! Doch die verweisen bloss auf ein Brockenhaus. Der Wind bläst das Auto in Krummenau fast von der Strasse. Langsam kommt Stimmung auf. In Nesslau zwar noch keine Plakate, dafür Streifenwagen am Strassenrand. Wegen der Hooligans? Wegen der Österreicher? Da! «Flieg Simi flieg!» – die EinwohnerInnen von Krummenau und Nesslau gratulieren mit einem Banner, das in vier Metern Höhe über die Strasse gespannt ist. Dann: Eine Minischanze aus Schnee. Meterhoch! «Doppelgold!»

Am Ende der Welt

Düstere Landschaft, stark bewölkter Himmel, Regen, Sturmböen. Wer nicht sonderlich bewandt ist in Sachen Skisport, könnte meinen, diese Strasse führe nicht nach Wildhaus, sondern ans Ende der Welt. Aber jetzt hängen im Abstand von hundert Metern Simi-Nachbauten und -Poster an den Wänden. Unterwasser heisst nicht mehr Unterwasser, sondern «Similand». Vor der lokalen Tennishalle ist alles zugeparkt. Hier wird in wenigen Minuten die Pressekonferenz mit Simon Ammann stattfinden, später dann die Willkommensparty. Die Mitglieder von Tourismus Toggenburg empfangen die JournalistInnen und sind daran zu erkennen, dass sie alle weisse Sonnenbrillen tragen. Wie Simi. Nicht sein teures Carrera-Champion-Vintage-Modell, sondern Kopien für fünf Franken das Stück. Tausende wurden produziert. Auch Rainer Maria Salzgeber trägt eine. Hier sind alle Fan, auch die JournalistInnen. Als Simi den Raum betritt, wird stehend applaudiert.

Christine Bolt, Direktorin von Tourismus Toggenburg, erklärt den Ablauf: «Also, Simon ist pünktlich, angereist mit Helikopter und Manager, er wird Fragen beantworten, dann in die Kutsche steigen, unterwegs wird es eine Überraschung ...» Und dann ist Simi auch schon da, und Frau Bolt schweigt, weil sie ja sonst die Überraschung vermasselt. Ammann betritt den kleinen Raum, das Café der Tennishalle Unterwasser, und wir dreissig JournalistInnen applaudieren also. Simi ist ziemlich durch den Wind, sagt er, «Jetlag». Aber der Helikopterflug war «hammergeil». Direkt neben Simi hängt ein Bild von Roger Federer, als wolle der klarmachen: Vergiss nicht, wer der Sportboss ist im Land.

Der Simi-Berg

Ein Journalist fragt, ob Ammann nicht der Meinung sei, dass man einen Berg nach ihm benennen müsste. Ein anderer fragt, ob ihn der Hype störe. Ein dritter fragt: «Simi, was macht dich so locker?» Die Journalistin von Radio 1 fragt: «Simi, wie bist du mit dem wahnsinnigen Druck umgegangen?» «Gregor sagte mir, er habe seine erste Medaille gar nicht richtig feiern können, so gross war der Druck auf ihn.» Ammann meint den Österreicher Gregor Schlierenzauer, den Endgegner. Selbst sei man wahnsinnig gut vorbereitet gewesen, die ganze Debatte über Bindung, Ausrüstung «habe ich nicht an mich rangelassen. Deshalb war das mit dem Druck kein Problem. Und dann bin ich in der Luft. Erster Sprung auf der grossen Schanze: Ich weiss: Die Konkurrenz ist nie über die unterste Linie gesprungen. Ich merke: Ich fliege da einfach ganz weit drüber. Und das beim wichtigsten Event, den es überhaupt gibt!»

Die JournalistInnen nicken wissend und lächeln. Herr Ammann, war es leicht, heimzukommen? «Nein, es war schwer.» Simi, wie sieht es privat aus? Wirst du heiraten? «Meine Passion ist das Springen, ich versuche diese Passion mit den Leuten zu teilen, die mir geholfen haben.» Simi, was soll die weisse Brille? «Ach, das ist einfach ein Accessoire. Die Leute fahren voll drauf ab. Die Originalbrille wird gerade auf Ebay versteigert. Für einen guten Zweck. Wir sind schon bei über 5000 Franken. Die Brille war mein Markenzeichen. Jetzt haben wir daraus was Cooles gemacht.» Warum trägst du denn jetzt die normale Brille? «Ich hatte Probleme mit den Kontaktlinsen. Aber zum Umzug werde ich wieder die Sonnenbrille tragen.»

Der Politbauer klopft Sprüche

Dann ist die Pressekonferenz vorbei. Abgang durch die Hintertür, denn draussen stehen Hunderte Leute. Sie wollen, eine Stunde vor Beginn des Anlasses, alle rein in die Tennishalle. Dort ist bloss Platz für 1500, erwartet werden 3000. «Womöglich lösen wir das Problem mit einer Grossleinwand, wenn der Wind nachlässt», sagt Christine Bolt.

Ein Blick ins Abendprogramm verrät, wo sich SVP-Präsident Toni Brunner seit seiner Flucht versteckt gehalten hat: Er ist hier! Toggenburg! Simi-Empfang! Rede halten. Sprüche klopfen. Schnaps saufen. Strahlen! Frau Bolt sagt, dass so ein Werbeträger wie Simi der Touristenregion Toggenburg in Zahlen nicht wirklich etwas bringe. «Aber wenn in Zukunft jemand fragt: Wo ist denn das Toggenburg? Dann werden wir antworten: Wo Simon Ammann wohnt! Und das ist natürlich fantastisch. Wir leben vom Tourismus.»

Auf dem Dorfplatz, wo jeden Moment der Simi-Umzug starten soll, humpa-humpta-tätärätet die Musikgemeinschaft St. Johann-Stein gemütlich vor sich hin. Der Platz ? links und rechts thronen in der Dunkelheit die Berge ? ist gerammelt voll: Das ganze Dorf ist da. Oder die ganze Region. Kinder kreischen, Männer schwingen Kuhglocken. Der Wind pfeift. Dann fährt ein schwarzer Audi vor. Kinder springen, umzingeln zusammen mit Fotografen den Wagen. Gekreische. Blitzlichter. Simon Ammann lässt im Leerlauf zweimal den Motor laut aufheulen. Steigt dann strahlend aus, trägt eine rote Mütze, rote Jacke. Und die weisse Sonnenbrille.

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