Nr. 10/2010 vom 11.03.2010

Die grosse Abonnentenjagd

Weil beim «Bund» viele Abo-Erneuerungen bevorstehen, werde die Zeitung derzeit vorübergehend dicker gemacht, sagen verlässliche Quellen der WOZ. Werden die AbonnentInnen absichtlich getäuscht?

Von Yves Wegelin

Das wollte einigen RedaktorInnen der «Berner Zeitung» (BZ) nicht in den Kopf: Warum bloss, so fragten sie sich, umfasst ihre Konkurrenz, der «Bund», seit einigen Monaten regelmässig bis zu acht Seiten mehr als ihr Blatt? Die beiden Zeitungen der Espace Media, die der Tamedia gehört, greifen auf dieselben Werbeeinnahmen zurück; deshalb sollten sie auch gleich viele Seiten haben. Und im Wettbewerb mit dem «Bund» möchte man bei der BZ gleich lange Spiesse.

Irgendwann wurde der Ärger innerhalb der BZ zu gross; und die Redaktionsleitung klärte ihre MitarbeiterInnen auf, wie zwei verlässliche Quellen der WOZ berichten. Tatsächlich geniesse der «Bund» derzeit eine Sonderbehandlung, erfuhren sie von ihren Vorgesetzten. So wolle es die Tamedia in Zürich. Der Grund: Im Oktober wurde das Standard-Jahresabo für den «Bund» um rund sechzig Franken erhöht; und in diesen Wochen stünden wegen des Jahreswechsels viele Abo-Erneuerungen bevor. In solchen Zeiten wolle die Tamedia ihre KundInnen mit einer besonders umfangreichen Zeitung beglücken. Sind die Abos einmal erneuert, soll der «Bund» zurück auf den Umfang der BZ schrumpfen.

Kurz: Die «Bund»-AbonnentInnen würden von der Tamedia absichtlich getäuscht.

Vom Inserateeinbruch verschont

BZ-Chefredaktor Michael Hug will auf Anfrage von all dem nichts wissen. Und auch beim Verlag wird dementiert. «So stimmt das nicht», sagt Espace-Media-Sprecher Christopher Wehrli. Auch dass es in diesen Tagen eine Häufung von Abo-Erneuerungen gebe, treffe nicht zu. Die Seitenzahl des «Bundes» sei wegen der Miet-, Stellen- und Kaufmärkte (die aus technischen Gründen in die Zeitung integriert und nicht wie bei der BZ beigelegt sind) an den entsprechenden Tagen zwischen zwei und vier Seiten dicker. Doch ansonsten hätten «Bund» und BZ gleich viele Seiten zugute.

Doch es geht nicht um zwei bis vier Seiten. In den vergangenen drei Monaten war der «Bund» durchschnittlich einmal die Woche um acht Seiten dicker als die BZ. Und auch am Samstag, an dem es keinen Miet-, Stellen- oder Kaufmarkt gibt, ist der Bund nahezu immer um vier Seiten dicker. Im Oktober, als der Bund erstmals in seinem neuen Kleid erschien, hatten beide Zeitungen noch den gleichen Umfang. Dann verlor die BZ infolge des Inserateneinbruchs immer mehr Seiten – anders beim «Bund»: Der Verlag verschonte ihn.

«Im Eifer des Gefechts»

Mit den genauen Zahlen konfrontiert, will Wehrli nochmals mit der Konzernleitung Rücksprache halten. Eineinhalb Stunden später: Dass der «Bund» teilweise überzogen habe, sei der Espace Media bekannt, meint Wehrli nun. Dies passiere im Tagesgeschäft, «sozusagen im Eifer des Gefechts». Die Vorgaben der Tamedia würden von der «Bund»-Redaktion einfach ignoriert.

Einfach ignoriert? Die kleine «Bund»-Redaktion, die in den letzten Jahren halb totgespart wurde, soll es nun über Monate geschafft haben, sich über die beiden Verlagshäuser hinwegzusetzen? Und diese schauen einfach zu, wie der «Bund» ständig sein Budget überzieht? Ja, so sei das, meint Wehrli.

Und weshalb macht die BZ nicht das Gleiche? Weshalb beklagen sich die BZ-RedaktorInnen, sie könnten ihre Geschichten in der Zeitung nicht mehr unterbringen, weil es von oben heisst, an den Seitenzahlen gebe es nichts zu rütteln? Wehrli: Anders als der «Bund» halte sich die BZ halt einfach an die Vorgaben.

Tags darauf erhält die WOZ wieder neue Informationen aus dem Verlag. Tatsächlich hätten die beiden Zeitungen ein unterschiedliches Budget, sagt Wehrli nun. Der «Bund» habe dieses nur im Januar überzogen, doch im Februar habe man sich daran gehalten. Und wie ist die seit Oktober zunehmende Diskrepanz in Umfang der beiden Zeitungen zu erklären? Das habe alles mit einem äusserst komplexen Budgetberechnungssystem zu tun, sagt Wehrli.

Also wird der «Bund» auch in den kommenden Monaten dicker als die BZ bleiben? Ja, sagt Wehrli. Sollte dies tatsächlich zutreffen, wäre die Verlags- und Redaktionsleitung den BZ-Angestellten eine Erklärung schuldig.

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