Nr. 14/2020 vom 02.04.2020

Kurzarbeit trotz Mehrarbeit

Die TX Group, der reichste Medienkonzern der Schweiz, will trotz Krise Dividenden in Millionenhöhe auszahlen – rennt aber gleichzeitig bettelnd zum Staat. Aus der Branche gibt es aber auch gute Nachrichten zu vermelden.

Von Andreas FagettiMail an AutorIn (Text) und Florian Bachmann (Foto)

Ein ökonomischer Albtraum: Um achtzig Prozent könnten die Inserateerträge bis Ende Jahr sinken, schätzt der Verband Schweizer Medien.

Auf dem Reissbrett erscheint in der gerade einsetzenden Wirtschaftskrise das Onlinemagazin «Republik» als Zukunftsmodell: Es setzt ausschliesslich auf Journalismus, es ist werbefrei und kommt ohne Papier, Druckerei und Verträgerorganisation aus. Daher trifft die Krise das Magazin nicht unmittelbar; das gilt im Kern auch für die WOZ. Aber die beiden journalismusgetriebenen Publikationen bewegen sich mit AbonnentInnenzahlen von knapp 23 000 beziehungsweise 18 000 bislang in einer Nische.

Mit voller Wucht trifft die Krise hingegen die auflagenstarken Medienhäuser, besonders brutal die rein werbefinanzierten Gratiszeitungen, neben «20 Minuten» vor allem Blochers Gratiszeitungsgruppe Swiss Regiomedia. Die Not bei den Gratisblättern ist gross. Der Verband Schweizer Gratiszeitungen hat sich in einem Brief an den Bundesrat gewandt und um Unterstützung des Bundes nachgesucht. Die Begründung: Die Gratiszeitungen seien in Existenznot geraten, nachdem der Bundesrat viele Tätigkeiten der Gewerbetreibenden eingeschränkt oder «ganz aufgehoben hat, weshalb sie keine Werbung mehr schalten». Der Verband bittet den Bundesrat daher, «dringend zu prüfen, ob speziell für Medienunternehmen weitere Massnahmen ergriffen werden können». Dauert die Krise lange an, wäre das wohl das Ende der Gratisblätter. Der publizistische Verlust hielte sich in Grenzen.

Sparen und Restrukturieren

Zwei Milliarden Franken: So viel etwa pumpt die Werbewirtschaft pro Jahr ins Schweizer Mediensystem; in die Printmedien und ihre Onlineplattformen, von denen hier die Rede ist, fliessen jährlich 600 Millionen Franken. Diese Werbeeinnahmen implodieren gerade. Genau lassen sich die Einbrüche noch nicht beziffern, weil die Verlage sie bisher nicht offenlegen; doch der Verband Schweizer Medien (VSM) rechnet bis Ende 2020 mit Einnahmeverlusten von bis zu achtzig Prozent. Ein ökonomischer Albtraum. Die Branche beziehungsweise ihr weiterhin auf diesen Einnahmen beruhendes Geschäftsmodell wird sich davon kaum mehr erholen.

In der Vergangenheit jedenfalls erreichten die wegbrechenden Werbegelder nach einschneidenden Wirtschaftskrisen nie mehr das vorherige Niveau. So war es nach den Anschlägen vom 11. September 2001 und nach der Finanzkrise 2008. Ausserdem hat sich seitdem die Werbewirtschaft umorientiert. Die einst üppig sprudelnden Werbegelder fliessen inzwischen hauptsächlich in kommerzielle Plattformen und zu den Internetgiganten Google und Facebook. Spar- und Restrukturierungsmassnahmen sind somit so wahrscheinlich wie das Amen in der Kirche. Die TX Group (wie der Tamedia-Konzern inzwischen heisst) hat bereits eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die nach «Synergien» sucht. Das wurde den Redaktionen am vergangenen Freitag per Videoschaltung mitgeteilt, und es verheisst nichts Gutes. Bereits machen erste Gerüchte die Runde, etwa dass die Redaktionen von «Berner Zeitung» und «Bund» zusammengelegt werden sollen. Der Konzern dementiert dies gegenüber der WOZ, dafür gebe es keine Pläne.

Derzeit überschlagen sich die Meldungen aus der Medienbranche, die Lage ist unübersichtlich. Blochers Gratiszeitungsgruppe mit ihren 28 Titeln stellt das Erscheinen einzelner Blätter vorübergehend ein und beantragt Kurzarbeit. Andere Printmedien rechnen mit kleineren Umfängen und bereiten sich auf das vorübergehende Nichterscheinen ihrer Blätter vor, wollen aber die Nachrichtenversorgung auf ihren Onlineplattformen sicherstellen. Bei den von der WOZ angefragten grossen Häusern NZZ, CH Media und Somedia sind Krisenstäbe am Werk.

Genug Kapital für Monate

Der reichste Medienkonzern der Schweiz, die TX Group, meldete als erster Kurzarbeit an, und zwar für alle Konzernsparten. Das ist aus zwei Gründen erstaunlich: Die TX Group verfügt über ein Eigenkapital von über zwei Milliarden Franken und sieht dieses Jahr gemäss der Mediengewerkschaft Syndicom Dividenden in der Höhe von 37 Millionen Franken vor. Mit diesen Mitteln liesse sich auch ein mehrmonatiger wirtschaftlicher Einbruch ohne Kurzarbeit durchstehen. Und: Die JournalistInnen des Konzerns haben gerade unter den schwierigen Bedingungen des Lockdown mehr, nicht weniger Arbeit. Immerhin ist die Konzernleitung nach Protesten der Redaktionen zu Eingeständnissen bereit. Sollte die Kurzarbeit bewilligt werden, gleicht der Konzern deren Lohnverluste vorerst bis Ende Juni aus.

Die NZZ, die voll auf Publizistik setzt, ist für die Krise eigentlich gewappnet. Sie verfügt über ein Eigenkapital von rund 260 Millionen Franken; eine interne «Task Force» zur Coronakrise arbeitet bereits seit Februar. Die NZZ-Gruppe überprüft die Seitenumfänge und beantragt Kurzarbeit. Oberstes Ziel sei die Erhaltung der Arbeitsplätze und die Aufrechterhaltung der publizistischen Leistung. Einschneidende Massnahmen sind noch kein Thema, dafür Kostensenkungen. So hat das Unternehmen unter anderem einen teilweisen Einstellungsstopp verfügt und verschiebt nicht nur den Relaunch des «NZZ Folio» auf den Spätsommer; das Magazin wird bis dann auch nicht mehr erscheinen.

Beim grossen Regionalzeitungsverbund CH Media wird gerade eine grosse, vor zwei Jahren aufgegleiste Sparrunde abgeschlossen – das Unternehmen baut 200 Stellen ab. CH Media teilt mit, dass das Unternehmen «stabil aufgestellt und solide finanziert» sei. Per 1. April gilt für fast alle der 2000 Mitarbeitenden Kurzarbeit, weitere Entlassungen seien hingegen kein Thema. Auch Hanspeter Lebruments Medienhaus Somedia will keine Leute entlassen und hat Kurzarbeit angemeldet. Wie gut das Familienunternehmen aufgestellt ist, lässt sich nicht überprüfen; es erteilt keine Auskünfte über finanzielle Belange. Das gilt auch für das familiengeführte Haus Ringier. Der weltweit tätige Konzern ist längst kein reines Medienunternehmen mehr. Entlassungen auf den Redaktionen seien «Stand heute» kein Thema, ebenso wenig Kurzarbeit. Die Redaktionen der «Blick»-Gruppe arbeiteten gerade wegen der Krise auf Hochtouren.

Digitalabos boomen

Es gibt aber auch gute Nachrichten: Die Nachfrage nach seriösem Journalismus explodiert in dieser Krise. Die Zugriffszahlen auf die digitalen Plattformen erreichen Rekordwerte, sie haben sich verzwei- oder gar verdreifacht, die Zahlen der Digitalabos steigen. Die NZZ etwa verzeichnete im März im Vergleich zum Vorjahresmonat siebenmal mehr Digitalabos; ähnliche Zahlen sowie Rekordwerte beim digitalen Zugriff melden auch Ringier und die TX Group.

Die Coronakrise offenbart, was auch auf andere Berufsgruppen, etwa im Care-Bereich oder im Verkauf, zutrifft: Seriöser Journalismus ist systemrelevant. Die JournalistInnen machen in der Krise offensichtlich einen wichtigen Job: Sie liefern wichtige Informationen und Orientierung. Aber das wird das alte Geschäftsmodell nicht retten. Denn diese enorme Nachfrage, all die neuen Digitalabos und der explodierende Traffic lassen sich nicht ausreichend monetarisieren, um neben gutem Journalismus auch noch das Gewinnstreben der Verleger und AktionärInnen zu befriedigen. Daher ersetzen sie die wegbrechenden Werbeeinnahmen, die diese Maschinen am Laufen halten sollen, nicht annähernd.

Unterstützung für den Journalismus

Die Coronakrise beschleunigt den Strukturwandel und die Digitalisierung der Printmedien; diese brauchen also ein neues Finanzierungs- und Glaubwürdigkeitsmodell. Wenn Journalismus systemrelevant sein soll, darf er nicht dem Werbemarkt und renditeorientierten Verlegern ausgeliefert sein. Der Schweizer Staat unterstützt beispielsweise den Bauernstand mit Milliarden an Subventionen. Seriöser Journalismus dagegen benötigt nicht Milliarden; aber etwas mehr als die etwa hundert Millionen Franken, die der Bund dafür veranschlagt, sollten es schon sein. Nicht die «Presse» und Verlegerfamilien gehören dabei gefördert, sondern ausschliesslich und direkt der Journalismus. Entscheidend sind nicht hohe Gewinne, sondern relevante Informationen für LeserInnen.

Diese sind durchaus bereit, für guten Journalismus zu bezahlen, sofern sie wissen, dass ihr Geld nicht in hohe Boni und Dividenden fliesst. Beispiele für diese Zahlungsbereitschaft sind unter anderem die «Republik» und die WOZ. Sie investieren ausschliesslich in Journalismus. Vielleicht ist das ein Ausweg aus der Krise. Allerdings nicht für die Grosskonzerne; sie verwischen Identität, stiften aber keine.

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